Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 52.1901-1902

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jafob Weinheimer.

einige 21'ionate lang Pflanzenstudien in der von diesem
Vorkämpfer für das Pflanzenzeichnen vorgeschlagenen
Weise zu machen, und man darf wohl die Art,
Pflanzenteile aktiv, als konstruktive Bestandteile zu
verwenden, für eine der Früchte jener Ztudien an-
sehen. Wag auch jugendlicher Übermut bisweilen
zu einen: Zeitensprung reizen; die solide fachliche
Erziehung und die ständige Fühlung mit der aus-
sührenden Praxis sorgen schon dafür, daß sie nicht
zur Gewohnheit werden. 6.

2(2. Zierleiste von Walter Grtlieb, Berlin.

8. HaßoK A?emßeiiner.

enn wir uns fragen, welches mögen
wohl die wahren Gründe gewesen
sein, die der Moderne nach jahre-
langem Ringen zum Ziege verholfen
haben, so wird man —• will man
ehrlich sein — den Gegnern nicht ganz unrecht
geben dürfen, wenn sie sagen, daß die Moderne für
ein gut Teil des kaufkräftigen Publikums nicht viel
anderes bedeutete als Mode, als Neuheit. Das,
was gerade den Aern, die Idee des Modernen aus-
machte, das wurde meist gar nicht erkannt, und das
Wörtchen chic half über die Alippen eines fach-
lichen Urteils und so auch über manche Dummheit
und Blamage hinweg. Es dauerte bei uns ge-
raume Zeit, bis die Erkenntnis für die Vorzüge
des neuen Stils erwachte und in weitere Areife
drang, bis man eiusah, daß das Moderne nicht nur
eine vorübergehende Diode oder wie es die erbosten
Gegner sogar nannten, eine Modethorheit, eine
Modekrankheit sei. Dazu freilich aber war es nötig,
sich einen weiteren Blick anzueignen als den, alles
nur nach feststehenden Ztilbegriffen einteilen zu wollen.
Man hatte sich so sehr daran gewöhnt, daß man
ohne eine neue Aategorie, ohne eine bestimmte Bezeich-
nung nicht auszukommen glaubte, und kam dann zu
den unglücklichen Taufen wie Jugendstil und ähn-
lichem. Muß denn jede neue Aunstregung gleich in
irgend eine Rubrik eingeschachtelt werden, und warum
sucht man denn die oft so verschiedenartigen Zchöpf-
ungen unserer Modernen in einen Ztilbegriff zu

zwängen, wo ja doch ein wesentliches Tharakteristikum
der neuen Zeit gerade der Dmstand ausmacht, daß
der historische Stil unserer Zeit ein Fülle persönlicher,
eigenartiger, oft gänzlich voneinander verschiedener
Ztile ist! Das ist es ja, was das Bild der Dioderne
so reizvoll, so anziehend, in so reichem Wechsel er-
scheinen läßt, daß das Individuelle des künstlerischen
Zchaffens so sehr zu Tage tritt, weit inehr, als es
in den jüngstverflossenen Epochen der zum zweiten
Male geborenen Renaissance gelingen konnte. Man
kann ja nicht leugnen, daß auch jetzt schon wieder
die Zahl der Nachahmer und Nachbeter von führen-
den Großen bereits stattlich angewachsen ist, aber
anderseits müssen doch auch die Getreuesten der alten
Richtung eiugestehen, daß es der original schaffenden
deutschen Aüustler doch eine recht erkleckliche Reihe
gibt. And erst recht ein herzerquickendes Gefühl ist
es, zu sehen, daß gerade der junge Nachwuchs seine
Eigenart sich zu wahren und zu erhalten weiß. Es
treibt und sproßt üppig; und schießt auch manch
Unkraut hervor, das darf uns nicht verdrießen, und
am allerwenigsten darf es nicht den Blick und das
Urteil über die ganze Zachlage trüben, so daß, wie
es die Anti-Modernen mit Vorliebe zu thun pflegen,
man mit dem Urteil über ein schwaches Werk zu-
gleich den Ztab über die gesamte Bewegung bricht.

Zu des Uunsthandwerks junger Mannschaft
zählt auch als ein selbständig schaffender, sich an kein

2(2. ventilationsthürchen aus durchbrochenem Blech; Entwurf
von 3- Weinheirner, München.

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