Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 52.1901-1902

Page: 185
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(Das (Karf Mükberscße (VokßeKaL
tn München; erkaut von JLark
Hoche-er.

lanzvoll und weiträumig waren
die Bauten, die das kaiserliche
Rom seinen Bewohnern für die
Körperpflege zur Verfügung ge-
stellt hatte; noch heute rufen die
gewaltigen Reste der Thermen
eines Taracalla oder eines Diokletian unsere Be-
wunderung wach, so wenig auch von der alten Pracht
übrig geblieben. Tin paar Porphyr- oder Marmor
faulen, da und dort Bodenmosaiken oder Wand
und Gewölbestuccaturen, zeugen von entschwundener
Pracht, im übrigen aber meist: nackte Backstein-
mauern und Pfeiler, über welchen die stehengebliebenen
Gewölbeansänger gerade noch ahnen lassen, welche
stolze Tonnen die Riesenhallen dereinst überspannt
haben, in welche durch die weitgespreizten palb-
kreissenster das Licht aus beträchtlicher pöhe in den
Raum herabflutete. Die Stätten des Körperkultus,
wie sie die Griechen in ihren palästren und Gym-
nasien besaßen, erreichten hier in der Läsarenstadt
den Gipfel ihrer Ausbildung; — aber der Schwer-
punkt war stark verschoben worden, — die Pracht
führte den Reigen an und aus den Stätten zur pflege
körperlicher und sittlicher Kraft waren Stätten der

Überfeinerung, der Verweichlichung geworden. Die
Pinneigung zu künstlerischer, luxuriöser Ausstattung
öffentlicher Badeanstalten hat sich auf osträmischem
Boden länger erhalten, als nördlich der Alpen, wo
die namhaften Anlagen zu Aachen, Trier, Baden-
Baden, Badenweiler keinerlei Bachfolge fanden und
ZUNI Teil so gänzlich in Vergessenheit gerieten, daß
sie erst kurz vor Beginn oder während des ver-
flossenen Jahrhunderts neu entdeckt werden mußten.

In Deutschland haben erst die Forderungen der
pygiene im Zusammenhang mit dem gesteigerten
Wohlstand und mit der Trstarkung des Bedürfnisses
nach künstlerischer Gestaltung die Wege geebnet zu
einer der Bedeutung der Sache entsprechenden Aus-
führung der Badeanstalten. Auch das Werk Karl
pocheders, dem diese Blätter gewidmet sind, ver-
dankte dem Zusammenwirken dieser Umstände seine
Bedeutung. Noch vor 20 Jahren hätte man nicht
daran gedacht, daß zu Beginn des neuen Jahr-
hunderts ein Badepalast „für das Volk" eröffnet
werde, der alle praktischen Forderungen und alle
technischen Errungenschaften der Gegenwart zu einem
Kunstwerk ersten Ranges vereinigte. Patte man sich
doch zum Schaden der angewandten Kunst längst
daran gewöhnt, zahlreiche praktische Forderungen
für unvereinbar zu halten mit den Forderungen der
Kunst. Indes, wer weiß, wie lange der städtische
paushalt die Errichtung eines auch in künstlerischer
Richtung völlig befriedigenden „Volksbades" ver-
zögert hätte, wenn nicht ein zu Wohlstand gelangter

;ss
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