Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 52.1901-1902

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Unsere Bilder.

ist von dem Verlag „Die Zeit" (Wien IX, percgrin-
gasse s) zu erfahren. * ^

v^iite Vervollkommnung der Hamelifferechiiik

der bekannten Scherrebeker Webereien ist aus
Anregung von Frl. Jda Seliger, der Lehrerin an
der Runststickereischule des Berliner Kunstgewerbe-
museums, durch Ingenieur Witte-Berlin in Gestalt
eines ungemein sinnreichen Webepultes geschaffen
worden. Die Rette läuft über das Pult derart, daß
die Arbeiterin die Arme auflegen kann, also nicht
freistehend zu weben braucht. Bor allem wird aber
eine wesentliche Rraft- und Zeitersparnis dadurch
erzielt, daß das mühselige herauszupfen der Rett-
fäden mit der Hand wegfällt. Ls sind nämlich am
Webpult mechanische Hämmerchen befestigt, die durch
ein Gewicht reguliert werden und mit Hilfe einer
Zugschnur die Fäden immer genau an der Stelle
heben, wo das Schiffchen durchgehen soll. Beim
webepult liegt nicht, wie bei dem jetzt üblichen
Scherrebeker webstuhl, die Farbenskizze dicht hinter
der Rette; die Arbeiterin hat nur eine Umrißlinie
als Anhalt und überträgt im übrigen die Farben-
töne frei nach der vor ihr hängenden Skizze. Das
Geisttötende, was bisher der Wirkerei von Wand-
teppichen den Eingang in die Käufer der ge
bildeten Frauen verwehrte, kommt mithin beim
Webepult in Wegfall; gleichzeitig ist aber eine mim
bestens vierfache Arbeitsgeschwindigkeit erzielt, derart,
daß sich der bisher so schwierigen Einbürgerung
dieses edel» und fast unverwüstlichen Wandschmuckes
in: deutschen heim eine unendlich erweiterte Per-
spektive eröffnet, hoffentlich wird es gelingen, einen
Teil der bisher vergeudeten weiblichen „handarbeits-
thätigkeit" diesem neuen, künstlerischen, dauerhaften
und angenehmen Verfahren nutzbar zu machen. —n.

(Das Wittefche Webepult wird zu Anfang Juni
im Atelier für Runststickerei der Frauenarbeitsschule
in München, Von der Tannstraße 2 (Leiterin Fräul.
Gertrude Rommels ausgestellt werden).

^Werkstätten für Wohnungseinrichtung, Utün-
chen. Unter diesem Namen hat Rarl Bertsch
in Geineinschaft mit W. v. Beckerath und A. Niemeyer
(Arcisstr. 35) ein kunstgewerbliches Unternehmen ins
Leben gerufen, welches dem unverkennbaren Bedürf-
nis nach solchen einfachen Möbeln entgcgcnkommen
will, die künstlerischen und praktischen Anforderungen
entsprechen und dabei gediegene Ausführung nüt ange-
messenen Preisen verbinden. Daß dieser letzteren Forde-
rung an den neuzeitlichen Arbeiten viel zu wenig Rech-
nung getragen wird, darüber hat unsere Zeitschrift
wiederholt Rlage geführt; daß nun das neue Unter-
nehmen gerade hier einsetzen will, läßt den Wunsch

einer gedeihlichen Entwickelung schon fast als sichere
Hoffnung erscheinen. Zur Zeit sind die ersten Proben
der Werkstätte in dem genannten Hause ausgestellt.

(ttnfere (Kikder.

■jOix den Bildern dieses Heftes bedarf zu
nächst das Jubiläumsgeschenk
des Prinzregenten an den Papst
(Abb. 370) einiger Begleitworte. Das
Geschenk besteht aus einem in vergoldetem Silber
gefaßten und mit Steinen besetzten Rristallkruzifix.
Die Rreuzbalken sind aus Hellem, besonders schönein
Rauchtopas, während ein großer, unregelmäßig
geschliffener, dunkler Rauchtopas die Basis bildet;
aus diesem wächst ein silbernes Gezweig empor,
welches das Rrcuz trägt. Das Astwerk, das rings
die Rreuzbalken umfängt, ist mit Rarneolen besetzt,
während Perlen, Perlenauswüchse und verschiedene
Steine die Fassung selbst schmücken. Die Flächen
der letzteren sind teils geätzt, teils graviert. An
den ausladenden Enden der Rreuzesbalken zeigen
sich unter Bergkristallen die Evangelistenzeichen und
Engel mit den Leidenswerkzeugen. Am Fuße des
Rreuzes (auf der Rückseite) ist das in transparentem
Email ausgeführte Wappen des hohen Gebers, mit
der Rrone darüber, angebracht. Rings um den
Sockel zieht sich die Widmungsinschrift.

Auf die zur Besprechung des Beuhneschen Werkes
gehörige Darstellung einer Raminwand (Abb. 37 f)
folgen einige Beispiele älterer Reramik, zunächst eine
orientalische Fayenceschüssel, dann eine Reihe rheini-
scher Steinzeugkrüge und mehrere Siebenbürger
Platten und andere Gefäße. Die Einfachheit, ja
Derbheit der Techniken, die dabei zur Ausschmückung
angewandt worden sind, übt auf die Art der De-
koration, auf Wahl der Motive, Verteilung der
dunkeln und Hellen Massen einen wohlthätigen Ein-
fluß aus. Jeder Versuch, die flotte, fröhliche Mal
weise der orientalischen Platten, oder die eingerissenen
(Ornamente der Steinzeugkrüge mit ihrer fleckigen,
die Umrisse nur sorglos ausfüllenden Farbe, oder
endlich die pastosen, derben Strichzeichnungen der
Siebenbürger Platten (dunkelblau auf trübem, gelblich-
weißem Grund) auf mechanisch-fabrikativem weg
nachzuahmen oder zu verfeinern, müßte zu ihrem
Untergange führen. Die moderne Fabrikation im
Großen arbeitet mit anderen Mitteln als die alten
Haustöpfereien, sie muß daher notwendig auch zu
anderen Ergebnissen kommen; aber in Bezug auf
die Verteilung von Dunkel und hell, auf die Groß-
zügigkeit der Linien werden ihr die alten Arbeiten
immer vortreffliche Anregungen bieten.

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