Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 53.1902-1903

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Ausländische Fachleute über die deutsche Gruppe auf der Turiner Ausstellung.

tZt- Tikör-5ervice von I. u. L. Lobmeyr, Wien.

während sie alle einem gemeinsamen Ziele zustrebten,
verband, wenn sie sich zum Abendtrunk im Tastello
Medioevale zusammenfanden und in fröhlicher Unter-
haltung ihre Ideen austauschten. Als einer der-
jenigen, die sich hier ihrer Gastfreundschaft erfreuten,
möchte ich ihnen meinen Dank abstatten.

Ich hatte wenig Gelegenheit, die Hauptmasse
der deutschen Ausstellungsgegenstände zu sehen, weil
damals noch nicht alles aufgestellt war. Die aus-
gedehnten Gebäulichkeiten konnten eben nicht bis
zur Eröffnung der Ausstellung fertig gestellt werden.
Man beabsichtigte zum Beispiel eine bedeutende
Sammlung von Kunstdrucken und Buchschmuck aus-
zustellen. Ich sah einige ganz bedeutende farbige
Lithographien von Karl Biese seinem der deutschen
Delegierten). Der Gegenstand der Darstellung waren
zerklüftete Landschaften mit sturmgepeitschten Bäumen
und zertrümmerten Felsen in romantischer Stimmung,
alles breit und dekorativ aufgefaßt. Biese gehört
dem Anschein nach auch zu einer jener Gruppen
von Malern und Künstlerlithographen, die gemeinsam
in einem alten badischen Schloß leben und wirken.

Andere Leute dieser Bereinigung, die auch Litho-
graphien ausgestellt hatten, sind: £). v. Volkmann
und A. Kampmauu — grüne Wälder in Sonnen-
schein und in Dämmerlicht, auch Schneebilder, die
mit viel Verständnis und feinem Empfinden für
dekorative Wirkung aufgefaßt sind. Durch diese
Lithographien kann das Publikum mit wenig Geld
gediegene Kunstwerke erhalten.

Wenn man einen Blick auf die ganze Anlage
der deutschen Abteilung warf, auf deren kostbare
Dekorationen und reiche Architektur, dann fühlte man,
daß dies Werk ohne soliden finanziellen Hintergrund

> nicht hätte entstehen könne,:. Ich erfuhr, daß die
deutsche Regierung von Anfang an 50 000 M. be-
willigt hatte und diese Summe wurde durch beträcht-
liche Privatbeiträge noch wesentlich erhöht. Es ge-
winnt fast den Anschein, als ob Regierung und Volk
gemeinsam eingesehen hätten, wie wichtig es ist, es
den Kunstgewerbetreibenden zu ermöglichen, recht gut,
reichhaltig und vielseitig aus der \. internationalen
dekorativen Kunstausstellung in Turin auftreten zu
können."

(Me Srapßiß — (KedarfsKunsi
oder Spiekerei?

as bfauptkriterium einer modernen zeit-
gemäßen Kunst besteht unleugbar darin,
daß dieselbe geeignet ist, innerhalb der
Zeit realen Bedürfnissen entgegen zu
koininen und sich im Verein mit anderen,
nicht künstlerischen Lebensmächten an: Ausbau der
Gesamtkultur wirkend zu beteiligen. Denn unsere
Zeit ist eine Zeit der Arbeit, des erhöhten Triebes
nach außen zu wirken, keine Zeit der Verinner-
lichung, der einseitig ästhetischen Kultur.

Diesem Zuge der Zeit folgt auch die Kunst,
die immer mehr von dein spielerischen l’art pour
l'arKDogma zurückkommt, um immer mehr an-
gewandte Kunst, Bedarfskunst zu werden. Wirt
schaftliche Notwendigkeit drängt heute den Künstler
aus seiner sterilen Vereinsamung inmitten unseres
praktischen Maschinenzeitalters, stellt ihn in die Zeit
hinein und weist ihn unerbittlich darauf an, sich
innerhalb des Lebens, wie es sich jetzt auf Grund

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