Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 53.1902-1903

Page: 88
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kuh1902_1903/0104
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Unsere Bilder.

formen an —- und er beweist hier mit der Kastanie,
daß man bei einigem künstlerischen Geschick sehr
wohl neue 'dekorative Gedanken in der alten Sprache
der Technik ausdrücken kann.

Die prächtige altitalienische Majolika- Platte
aus Taffaggiolo (Abb. (2() erfreut namentlich durch
die aus die primitivsten Dekorationsmittel gestimmte,
naive Stilisierung der Iagdscene; über die Farben
enthält der Textbeidruck das Nötigste.

Weiterhin reihen sich mehrere Sachen von der
Turiner Ausstellung als erste Nachlese an, —
neben einigen deutschen Stücken zunächst mehrere
österreichische (Abb. (26—(3(); zu letzteren sei nur
bemerkt, daß von den drei Innenansichten die erste
(Abb. (26) im österreichische» Ausstellungsbau, die
beiden anderen in der österreichischen Villa ausge-
stellt waren (vgl. 5. 308 ff. des letzten Jahrgangs).
— Die sgrafsitierten Fayencen aus Gustassberg (nach
Entwürfen von Gustav Gunnason Wennerberg)
erregten in Turin besonderes sachtechnisches Interesse.
Die Sgraffitotechnik wird hier vielleicht weiter ge-
trieben, als je im Bereiche der Keramik; der Helle
Scherben wird mit einem farbigen Beguß versehen,
aus welchem der Grund für die Zeichnung ausge-
schabt wird, so daß letztere dunkel auf dem Hellen
Scherben steht.

Tine kleine Nachlese von der Iubiläums-Aus-
stellung in Karlsruhe stellen die folgenden drei Bilder
dar (Abb. (36—(38): Fliesen von War Säuger,
Karlsruhe, der in seinen Proben keramischen Mosaiks
(Abb. (36 und (38) wiederum einen Fortschritt be-
kundet.

Den Schluß unserer Bilder machen die Dar-
stellungen einer Reihe von Lebkuchen, die nach
Künstler-Entwürfen in der Lebzelterei von Math.
Tbenböck in München hergestellt wurden, und
wegen ihrer für die Tntstehungsweise so bezeich-
nenden Erscheinung und wegen ihres ephemeren
Daseins wohl verdienen, im Bilde festgehalten zu
werden. Sie machen nur einen Bruchteil der um-
fangreichen Mustersammlung aus, die vor kurzem
an einem der Vereinsabende im Kunstgewerbehaus
ausgestellt waren. Schriftsteller Gr aut off widmete
ihnen ein paar Geleitsworte, deren wesentlichsten
Inhalt wir hier zum Abdruck bringen:

„Sie finden hier heute abend eine kleine Kol-
lektion süßen Kunstgewerbes ausgestellt, das ich
Ihnen mit ein paar Worten schmackhaft machen
möchte. Es ist ein Triumph des modernen Stils,
daß er sich sogar das leckere Naschwerk erobert hat,
so daß unsere weihnachtlichen Lebkuchen jetzt nicht
nur schmackhaft sind, sondern auch ein Mittel zur
künstlerischen Erziehung bilden. Diese launigen Er-

zeugnisse einer halbvergessenen Kleinkunst haben
künstlerischen Wert; sie erfreuen ja auch nicht nur
Kinder, sondern auch wir haben unsere Freude an
diesen humorvollen kunstgewerblichen Arbeiten, weil
ernsthafte Künstler sich hier in den Dienst der Leb-
zelterei stellten.

Auch auf diesem kleinen und vergänglichen Ge-
biete des Kunstgewerbes haben sich im Laufe der
Jahrhunderte die verschiedenen Stilarten wiederge-
spiegelt. Wir kennen Lebkuchen der Renaissance, des
Barock und des Rokoko, und im (ß. Jahrhundert
geriet dann auch die Lebzelterei als Kunst in Ver-
gessenheit, und auch dieses Gewerbe verfiel endlich,
was die Form betrifft, in eine fürchterliche Geschmacks-
verrohung, für die wir um die Weihuachtszeit heute
noch bei fast allen Bäckern mannigfache Beispiele
finden. Auch beim Honigkuchen dürfen wir ver-
langen, daß das Material Seele und Tharakter der
Form bestimmt. Die Form wird durch den Leb-
kuchenteig bestimmt, und der Zuckerüberguß ist seinem
Tharakter entsprechend verarbeitet; die gegebenen
Mittel sind geschickt und echt künstlerisch vollkommen
ausgenutzt, so daß wir diese Arbeiten als kleine
Meisterwerke süßen Kunstgewerbes anerkennen dürfen.
Mathias Tbenböck gebührt das Verdienst, daß er
die Lebzelterei wieder künstlerisch belebte; er ließ vor
zwei Jahren sich von dem Münchner Maler Adel-
bert Niemeyer einige pfefferkuchenentwürfe im
Biedermeierstil anfertigen, denen im vorigen Jahre
Entwürfe von Richard Pfeiffer, Gertrud Kohrt
und fernerhin solche von Franz Ringer, Selten-
horn, Mart. Zenger u. a. folgten."

Ergänzung und Richtigstellung. Zu dem

aus 5. 3ß unserer letzten Nummer vorgeführten
Brunnenmodell (Abbildung 85) wird uns nachträg-
lich mitgeteilt, daß dasselbe eine gemeinsame Arbeit
von Joseph Jost und pans Sautter ist; die irrtüm-
liche Angabe fußte darauf, daß die zum Gliche be-
nutzte Photographie nur den Namen des letzteren
trug. - Ferner schreibt uns Architekt (Otto Schnartz,
daß der auf den Seiten 40 u. *(( dargestellte Brunnen
nach seinem Entwurf von G. Schreyögg model-
liert worden sei. — Um solche, einzelne Künstler
stets benachteiligende Richtigstellungen in Zukunft zu
vermeide», richten wir an alle Beteiligten die Bitte,
bei Einsendung von Bildern zur Veröffentlichung
stets auf genaue Mitteilung der Namen u. s. w. zu
achten. Die Schriftleitung kann nur da, wo sie un-
genaue oder unvollkommene Bezeichnungen vermutet,
Nachforschungen anstelle».

verantw. Red.: p>rof. L. Gmelin. — herausgegeben vom Bayer. Runftgewerbeverein. — Druck und Verlag von R. Gldenbourg, München.
loading ...