Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 53.1902-1903

Page: 334
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1 cm
facsimile
Moderne Zierschriften.

56t- Frühstückszimmer im Gffizierskasino in Lindau; nach Entwurf von Richard Serif, Lindau.
Vfen von <£. F. lfausleiter, München.

Moderne Iierschristen?)

er heutzutage sich ein modernes Firmen-
schild malen läßt, verlangt auch nach
einer neuen Schrift. Nun ist's mit
dein Erfinden einer neuen Schrift eine
bedenkliche Sache; denn die Forderung
der Leserlichkeit, die doch in allererster Linie erfüllt
sein muß, verträgt sich nicht immer mit jener der Neu
heit, insofern als jede Veränderung — will sagen
„Modernisierung" — der gewohnten Buchstabenform

*) Richard Grimm, der moderne Schriften- und
Schildermaler. Griginalentwürfe für Schriften, Ziffern und
Zeichen; Ser. I. 50. Tafeln. Düsseldorf, Friedr. wolfrum.
Preis (2.50 M. !v. Lhlerding, Künstlerschriften für das
moderne Kunstgewerbe, Alphabet in modernen Formen. Zwang-
lose Serie zu je \2 Alphabeten (50X20 cm); Preis 2.50 M.
Verlag von Vtto Maier, Ravensburg.

die Leserlichkeit beeinträchtigt. Beispiele dieser Art
finden sich auf Schritt und Tritt in unser» modernen
Straßen, auf Plakaten, Buchtiteln usw.; es kommt
vor, daß das Id durch Vergrößerung des Bogens
und Verkleinerung des rechtsseitigen Schrägbalkens
dein P ähnlich wird, daß das N durch starkes Schräg-
stellen des Querbalkens sich dem N nähert und Ähn-
liches. Derartige Ausschweifungen sind nur aus
einer gewissen Neuigkeitssucht zu erklären und lassen
sich nicht durch künstlerische Gründe rechtfertigen.

Zweifellos macht ein geschriebenes N)ort, eine
gemalte Zeile einen ruhigeren Eindruck, wenn die
Buchstaben eine gewisse Gleichmäßigkeit zeigen. Nun
wird aber eine Schrift umso leserlicher sein, je deut-
licher sich die einzelnen Buchstaben voneinander unter-
scheiden. Das Verlangen nach Ruhe steht also immer
in einem gewissen Widerspruch zu dem nach Leserlichkeit.

55-t
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