Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 54.1903-1904

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Werkstätten des Kunsthandwerks in München.

Buckeln, deren abwechslungsreiche Größe, Ge-
stalt und Anordnung gerade für das Wesen des
Materials sehr bezeichnend ist. Wenn man die
Wahrhaftigkeit als eine besondere Tugend des
modernen Aunsthandwerks hervorzuheben pflegt,
dann kann man sich nur freuen, mit welcher nicht
anzweifelbaren Offenheit hier das Material ^ seine
Art bekundet — ein Borzug, der übrigens auch den
Aupferarbeiten eignet, mögen sie sich in der Deko-
ration — wie bei der größeren Platte (Abb. 2fl2) —
rnehr japanischer Auffassung nähern oder — wie
die kleinen Plättchen (Abb. 293 u. 29-p — in ihrer
grünen Patinierung und den ciitfachen, fast nur line-
aren Verzierungen an prähistorische Vorbilder er-
innern. Bisweilen verschafft sich — besonders be-
zeichnend für die Leiter dieser Werkstätten — bei
solchen Arbeiten auch ein gesunder deutscher pumor
Geltung; es sei hier nur an die lustigen Spielteller-
chen und an die schmiedeisernen Messerbänkchen in
Tiergestalt erinnert sj)ahrg. fsiOs, 5. 526), die zu
den charaktervollsten Stücken gehörten, die beim
3ubiläumsfeste des Bayer. Aunstgewcrbcvereins auf
den Aünstlerhausjahrmarkt — Juli fsiOj — ge-
kommen sind.

Geben im übrigen solche Arbeiten, die eben
mehr oder weniger für den Markt geschaffen werden,
den leitenden Meistern wenig Gelegenheit, ihre künst-
lerische Persönlichkeit zum Wort kommen zu lassen,
so tritt diese um so deutlicher hervor bei einer Reihe
von Werken, die festlichen Anlässen ihre Entstehung
verdanken (Abb. 305—3p). freilich muß man auch
hier mit gegebenen Verhältnissen rechnen; denn nur
zu oft verlangen die Auftraggeber die Erfüllung so
zahlreicher Wünsche, daß dabei leicht der freie Flug
gehemmt wird, Fälle, wie der Auftrag zu der sil-
bernen Schale (Abb. 305), wobei keine richtung-
gebenden Bestimmungen vorliegen, sind ziemlich selten.
Daß der Aünstler in diesen: Fall Gelegenheit ge-
nommen, zu der Form der Gotik zurückzugreifen,
ist z. T. eben in der ihm gewährten Freiheit be-
gründet und kann keineswegs als Rückfälligkeit be-
zeichnet werden. Denn die materialgemäße Behand-
lung will ja ein Aennzeichen modernen Schaffens
fein; und wer wollte bestreiten, daß dieses Aenn-
zeichen sich hier in weit höherem Maß vorflndet als
bei mancher „modernen" Arbeit?

Etwas mehr Schwierigkeit bot schon der von der
Löwenbrauerei ihrem Hamburger Bierexporteur ge-
stiftete Tafelaufsatz (Abb. 306), wenngleich Gerste,
Hopfen und die heraldischen Embleme der Brauerei
leicht zu bewältigen bzw. unterzubringen waren; aber
dem für den Leiter der „Vereinigten Maschinen-
fabriken Augsburg und Nürnberg" bestimmten Auf-

5\o. Familienbecher. 3U- Pokal für einen Radfahrerverein.
(7S der wirkt. Gr.)

fatz (Abb. 307) mußte au Anschriften und bildlichen
Darstellungen so viel aufgeladen werden, daß es
keine leichte Arbeit war, die Wünsche der Auftrag-
geber in künstlerisch befriedigender Weise zu erfüllen.

Der nun folgende Tafelaufsatz ist eine Iubi-
läumsgabe der Mühlthalerschen Buch- und Aunst-
druckerei, die seit Jahren den Druck der „Fliegenden
Blätter" besorgt und mit diesen: Werk der Alein-
kunst gelegentlich des Erscheinens der 3000. Nummer
der „Fliegenden" deren Eigentümer erfreute. Das
Ganze ist entworfen und ausgeführt in den Werk-
stätten von Stein icke n 6c Lohr, nur das Modell
der Gratulanten stainint von 3* Taschner. Uber
einen: Ebenholzsockel erhebt sich eine Säule aus
Lasurstein, von silbernem, z. T. vergoldetem Gezweig
umwachsen und überragt; die Blumen des sehr
zierlich gearbeiteten Glückwunschstraußes sind mit Edel-
steinen geschmückt. Das Ganze hat eine pöhe von
65 cm; der Sockel trägt auf den vier eingelegten
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