Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 54.1903-1904

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405. Kopfleiste von L. Ada m s, Bonn.

Jur Lrage der Srrichtun^ von
Lehrwerkstätten.

nter den Verhandlungsgegenstän-
den des letzten Delegiertentags
Deutscher Kunstgewerbevereine
stand die Frage der Errichtung
von Lehrwerkstätten ihrer Wich-
tigkeit nach wohl an der Spitze.
Die beiden Referenten — Professor Seliger, Leipzig,
und <£. v. Berlepsch, Nlünchen-planegg —
hatten das Thema zusammen mit der Frage „Die
praktische Betätigung der Lehrer an Kunstgewerbe-
schulen" behandelt. Wert und Bedeutung der beiden
Reserate wurden durch den Beschluß anerkannt, daß
dieselben den Grundstock einer vom Verbandsvorort
auszuarbeitenden Denkschrift über diesen Gegenstand
bilden sollen.

Berlepschs umfangreiches Referat gelangte nur
teilweise zum Vortrag; um so mehr glauben wir, es
seinem hohen Gehalt schuldig zu sein, wenigstens den-
jenigen Teil der Ausführungen ungekürzt wiedergeben
zu sollen, welcher sich mit einer Ausgestaltung der
heutigen Kunstgewerbeschulen nach der Richtung der
Werkstattarbeit befaßt.

In der Einleitung schildert v. Berlepsch zunächst
den Rückgang handwerklichen Könnens, der gewissen-
haften sauberen Arbeit. Er läßt dann eine geschicht-
liche Darlegung der Stilwandlungen folgen, die wir
seit der sog. Empirezeit durchgemacht haben und die
die Kluft zwischen dem Wesen der Sachen und deren
äußerer Form fast nur erweiterten, selten wirklich
überbrückten. „Nicht jene gesunde Art des Gedanken-
ganges und der Acaterialbearbeitung, die unsere Alt-
vordern charakterisiert, ward zur Norm, sondern die

l) Siehe letztes Ejeft S. 208.

Nachahmung ihrer Ausdrucksweise. Die „Vorlage"
feierte Triumph über Triumph, nicht aber das „selb-
ständig gereifte Entwicklungsresultat". — Weiterhin
wurden die Fehlgriffe der Architektur, der Industrie,
das im Schwinden gewesene Verständnis für boden-
ständige Kunstäußerungen, die Pinneigung zum Kn-
echten, protzigen der kritischen Beleuchtung unter-
stellt, wobei Referent den Schluß zog: „Nicht der
Geist, der ,unserer Väter Werke' durchseelt, sondern
eine vielfach schreckhafte Geistlosigkeit war in den
Besitz ununischränkter Wacht gekommen."

Die Kunstgewerbeschulen, die aus dem Bedürfnis
erwuchsen, den „handwerklich genügend Vorgeschulten
mit jener künstlerischen Ausbildung zu versehen, die
er nur in den seltensten Fällen in der eigentlichen
Werkstätte zu gewinnen vermag", haben doch vielfach
ganz andere Ergebnisse gezeitigt, vor allen: auch den
„Kunstgewerbezeichner", „d. h. Leute, die, meist mit
geringer Vorbildung ausgestattct, weder dahin zählen,
wo die oft gleichwertigen Vertreter der .hohen Kunst'
sich einregistriert wissen wollen, noch anderseits mit
dem pandwerk, mit der Praxis auf jenem intimen
Fuße stehen, der sic befähigt, sich mit Recht den
Vertretern des praktischen Könnens beigesellen zu
dürfen". Es erscheint daher für das Gebiet des
Kunstgewerbes dem Referenten als eine der wich-
tigsten Forderungen der Zeit, auf die Notwendigkeit
einer zweckdienlichen Organisation hinzuweisen.

(Wir geben jetzt dem Referenten ausschließlich
das Wort. Die Schriftleitung.)

* *

*

Die letzten Jahre haben in Deutschland eine
Bewegung groß werden sehen, die sich in bewußten
Gegensatz zu der vielfach durchaus verflachten Schul-
praxis stellt. Glauben Sie nicht, meine perren, daß
ich einer Sache das Wort reden wolle, die durch
einige Änderungen des „ornamentalen Beiwerks

Aunst und Handwerk. 54. )ahrg. Heft 8.

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