Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 54.1903-1904

Page: 325
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(IMrkei KehnurarKeiken?)

(Von Luise Hagen.

enn schnelles und tiefes Ein- und
Ausatmen als Zeichen jugend-
licher Kraft und Gesundheit gelten
kann, so ist der deutsche Volks-
körper, ist vor allem das deutsche
Kunstgewerbe von außerordent-
licher Zugendfrische, mit vortrefflichen Lungen be-
gabt, die in reger Arbeit unermüdlich den Kreis-
lauf des lebenerhaltenden Blutes regeln und es er-
neuern. Kaum hat inan sich an das fast über-
gewaltige Hervorbrechen des Neuen auf allen Beiten
gewöhnt, hat abwartend, nicht ganz ohne Besorgnis
dem Wandel der Dinge zugeschaut — sich gewundert,
daß das, wofür man selber gewirkt und gestrebt
hatte, so ganz anders drein schaute, als man erwar-
tete, da taucht schon eine ganz neue, wiederum über-
raschende Wendung der Dinge aus. Diese Jüngsten,
die mit trotziger Belbstverständlichkeit als ihr Eigen-
tum an sich rissen, was wir anderen, früher auf dem
Bauplatze Erschienenen mit so unendlicher Blühe
errichtet hatten, sie gebärdeten sich, als fei der Ab-
stand zwischen ihnen und uns so groß wie etwa
zwischen einem vierzehnjährigen Knaben und seinem
Urgroßvater. Kir all unsere geduldige Vorarbeit
hatten sie nur ein mitleidiges Achselzucken. Es war
etwa wie mit einem sechzehnjährigen Blädchen, in
dessen Augen die vierundzwanzigjährige ältere Bchwester
eine alte Jungfer ist. Wenige Jahre genügen, um
den Unterschied auszugleichen. Auch bei den Jüng-
sten im Aunstgewerbe haben wenige Zahre genügt,
um die Erkenntnis zu zeitigen, daß die Bache denn
doch nicht so einfach ist, wie man sich's gedacht hat.
Und überall beginnt man zu fragen: Was nun?

i) Die ©riginalien der zu diesem Aufsaß gehörigen Ab-
bildungen (6(7—629) befinden sich im Ethnographischen Museum
zu Leipzig.

Technik, sagt man in den Kreisen der Jüngsten, in
Darmstadt so gut wie in Berlin: Technik ist's, was
uns fehlt.

Lange bevor sie zu dieser Einsicht kamen, lagen
die Vorarbeiten für das, was den Züngsten fehlte,

6(7. Deckelvase aus Porzellan; japanisches Räuchergefäß. Farben:
blau, rot und gold auf weiß; ©uasteu und Schnüre aus dunkel-
blauer Seide, (i/s der wirk!. Gr.)

Aunst und Handwerk. 5^. Iahrg. Heft \2.

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