Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 56.1905-1906

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Ausstellung für angewandte Kunst, München 1Y05.

70. Kaminschirm aus Lisen und Messing von Stei nicken 6c
Lohr. (Vis der wirk!. Gr.)

Auestekkung für angewandte
(Kunst, (München 1905.

(Schluß.)

epor wir unsere Schritte ins Freie
lenken, um Garten und Friedhof
zu besuchen, lassen wir uns auf
einer der Terrassen nieder. Willy
v. Becke rath und Rud. Rochga,
Stuttgart, haben hier mit schlichten
Bänken und Tischen, mit Efeu, Bosen und anderen
Gewächsen lauschige Plätzchen geschaffen, so recht
zum Ausruhen, — alles mit den bescheidensten Geld-
mitteln (Abb. 59). Wie diese abseits gelegenen Bestand-
teile der Ausstellung freundliche Behandlung erfahren
haben, so ist auch den unscheinbarsten Neben- und
Durchgangsgelassen liebevolle Aufmerksamkeit zuteil
geworden. Wie ein Borraum zu einem Gartenhaus
nimmt sich der von (D. Schnartz geschaffene „Aamin-
platz im i)>ause eines Aunftfreundes" aus, wo die
von Frau Warg. v. Brauchitsch entworfenen und
von Ruping d< Fritz, Aoburg, ausgeführten Aorb-
fefsel und -Tische zum Verweilen einladen. Sehr-
reizvoll in Farbe und Zeichnung sind bei aller An-
spruchslosigkeit die Waudbehänge aus gefärbtem
Leinen. Dagegen zeigen die Wafchinenftickereien auf
Stuhl- und Tischdecken, in zweierlei Seide auf Leinen-
grund, die Aünstlerin nicht auf der chöhe ihrer
sonstigen Leistungsfähigkeit; die ewig wiederholten
parallelen, wenn auch ungleich langen Reihen von
Tupfen sin der Größe eines W-Pfennigstückes), die

an einzelnen Stücken die Zahl sOOO beträchtlich über-
schreiten, wirken doch zu trocken und arm. — Andere
mindestens ebenbürtige Aorbmöbel aus der Werk-
stätte von Zulius Wosler sind in verschiedenen
Nebengelassen zu treffen; sie geben alle die erfreu-
liche Gewißheit, daß man auch auf diesem lange
schnöd vernachlässigten Gebiet das Unkraut Stillosig-
keit ausgejätet uud die materialwidrigen Schnörkel
verabschiedet hat.

Des Treppenpodests haben sich Architekt jOaul
Thiersch und Waler Wilh. Aöppen angenommen,
und zwar in einer Weise, die diesem nebensächlichen
Raumteil erst eine gewisse Bedeutung verleiht; War-
mor und Wosaik sind in Verbindung mit dunkel-
grün patinierter Bronze zu einem zwar kleinen aber
überaus vornehm ausgestatteten Vorplatz vereinigt
worden, der besonders durch die farbige Wirkung
fesselt. Der Boden ist mit glattem, gelblichem Aalk-
stein belegt, die Wände sind größtenteils mit schwarzem,
weißem und grauem Warmor bekleidet, während
etwa das obere Drittel durch ein feingestimmtes
Wosaik belebt ist, in welchem die neutralen Farb-
töne des Uiarmors in Violett, Blau und Grün um-
gesetzt und mit eingestreuten Goldpunkten aufgeheitert
werden. Zn der Witte der beiden Seitenwände ist
ein Spiegel bzw. eine Brunnennische angebracht,
deren Bronzeausschmückungen in ihrer Gestaltung an
die besten altetrurischen Bronzeornamente erinnern,
so modern sie auch sind; wo eben das Waterial
seiner Natur entsprechend verarbeitet wird, da nähert
sich die äußere Erscheinung meist auch den formen
jener Zeiten, in denen das natürliche Verständnis
noch nicht hinwegkultiviert war! (Abb. 58.)

Wir treten ins Freie und befinden uns unvor-
bereitet in dem entlegenen Winkel eines Friedhofs,
dessen Anlage gleichfalls in chänden Aaul Thierfchs
lag. Während man wohl schon von einer Aus-
stellung moderner Grabmäler gehört hat, ist es doch
wohl das erstemal, daß der Friedhof selbst als Aus-
stellungsobjekt vor Augen geführt wird.

Eigentlich hat ein Friedhof immer mit einer
Ausstellung eine gewisse Verwandtschaft; wie hier,
so reihen sich auch dort die ähnlich gearteten und
doch so verschiedenen Objekte wahllos aneinander,
eines beeinträchtigt das andere, keines nimmt Rück-
sicht auf das andere, und so bleibt es das Los des
Friedhofs, nie zu einer einheitlichen ruhigen Wirkung
zu gelangen, wenn es nicht gelingt, größere Gruppen
von Grabmälern einem künstlerischen Gedanken
unterzuordnen. Das wird ohne strenge Vorschriften,
die wieder die künstlerische Betätigung des einzelnen
beengen, auf den Friedhöfen, wie sie bei uns leider
herkömmlich sind, nie gelingen; denn wenn das schon
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