Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 59.1908-1909

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246. Aus: „Lin Schattenspiel; des Aindes vier Jahreszeiten, von kseinr. lvolff. Mit Reimen von Larl Meißner
herausgegeben vom Aunstwart. Verlag Georg D. lv. Lallwey."

Die

Aussiebung „München 1906".

Gruppe der Graphik.

große Schau da draußen. Ja,
a, schon recht: schlagt die Trommel
aftir und erzeugt den bekannten
Sturm im deutschen Blätter-
oalde" — es ist nur euer gutes
?echt. Und wenn sich unsere liebe
Frau München in der „Ausstellung sst08" etwas
selbstgefällig bespiegelt, so lächelt man gerne selbst
mit. Denn in Wahrheit: es ist uns da draußen im
Bavariapark etwas Großartiges gelungen, und wer
kein kleinlicher Nörgler, der findet da Wundervolles
auf allen Wegen. Nur daß diese Wege etwas gar-
weit sind, nur daß des Guten viel zu viel da ist . . .
ja, das ist's, was ich tadeln muß: inan gab für eine
Ausstellung, die doch auf jedem Gebiete Kunst er-
strebte, d. h. also auch Vornehmheit und Ruhe, man
gab zu reichlich, freilich wohl spiegelt dafür diese
enorme Schau das Leben frisch, fesch und selbst
frech wieder und wer von moderner Moral ist und
Durchgangszüge liebt, dem wird diese Attraktion viel-
willkommen sein. Allein für Sezessionisten des Ge-
nusses, für den, der in erster Linie nur Qualität
sucht, und die wieder köstlich gerahmt zu erschauen
wünscht, für solche Leute hapert's doch ein bischen.
Es ist eben zu viel da — nichts zu machen. Woran
sich, ich weiß nicht wieviele tausend Hirne betätigt
haben, wie soll das fjmi des einzelnen Beschauers
damit fertig werden? And wer hat wohl schon

perlen erschaut, wenn er sturmgleich über die weite
Meeresfläche glitt? Doch will ich mit solchen Ver-
gleichen nicht sagen, bei der Art und Weise, wie
uns die Dinge geboten werden, kämen alle ein wenig
schlecht weg, denn dies wäre nicht zutreffend. Feiern
doch beispielsweise Möbelkunst, Innenarchitektur,
„angewandte" und andere Sparten in jeder Einsicht
wahre Mrgien. Allein wenn im Freien, im park
so viel schön zusammengeht, wenn sich die Flucht
der Gemächer dem Beschauer gleichsam schmeichlerisch
entgegendrängt, um ihn immer wieder in Atem
zu halten, so wird inan ein banges Gefühl nicht
los, wenn man sich Werken kleineren Maßstabes
gegenüber sieht: hart im Raume drängen sich hier
wirklich die Sachen.

Das dürfte auf viel bezogen werden; nicht zum
wenigsten trifft es in bezug auf die graphischen
Künste rc. zu. Man denke sich nur in verhältnis-
mäßig doch wenigen Räumen all das Tausenderlei
untergebracht, was Münchens Buchhandel, Kunst-
anstalten, was Münchens photographische Ateliers usw.
Hervorbringen. Man stelle dazu noch gefälligst in
Rechnung, daß gerade in unserer Stadt das graphische
Gewerbe eine kaum abzuschätzende Entwicklung ge-
nommen hat. Endlich Überschläge man — wenn
auch nur flüchtigst —• die einzelnen Posten des
enormen Gesamtwertes „Graphik" . . . Genügen
etwa diese Andeutungen nicht, um darzutun, daß
hier die „Aufmachung" von vornherein einen
schweren Stand hatte? Doch das wollte ich eigent-
lich viel weniger sagen, als ich davon reden wollte,
wie es bei solchen Verhältnissen auch dem Beschauer
recht schwer gemacht wird, sich den freien Blick zu


Kunft und Handwerk. 59. Iabrg. Heft 4.

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