Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 60.1909-1910

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Chronik des Bayer. Runstgewerbevereins.

eingehend die bei verschiedenen Beleuchtungsweisen auftretenden
Wirkungen — Rernschatten, Kalbschatten. Flächenschatten. Raum-
schatten — und deren künstlerische Bewältigung nach dem pla-
stischen und malerische» Prinzip —, um seine allgemeinen Be>
trachtungen mit dem pinweis zu schließen, daß es Leonardo
war, der zuerst auch theoretisch dem Problem des Helldunkels
(das die Italiener sfumato nennen) nachging, obgleich schon
lange vor ihm die Malpraxis sich dessen bemächtigt hatte. Aus
dieser Malpraxis führte der Vortragende alsdann eine lange
Reihe von Gemälden in Lichtbildern vor. beginnend mit Giotto,
Maffaccio, Fra Angelico da Fiesole, wo erst wenige Spuren die
feine durch die Schatten hervorgerufene Wirkung erkennen
lassen. <Es folgten dann Bilder von Leonardo (Madonna in der
Grotte im Louvre), Gio. Bellini, Antonello da Messina. Carpaccio,
Giorgione, Tizian, Corregio, Caravaggio; die Reihe schloß mit
Gemälden des polländers pondhorst, eines Schülers von Cara-
vaggio. pondhorst wurde der Vorläufer Rembrandts, der den
Gipfelpunkt der pelldunkel - Malerei bezeichnet; Italien hat
diese ihre ersten Reime entwickelt, aber im Norden haben sie
ihre schönsten Blüten entfaltet.

Achter Abend —den ;;. Januar — Vortrag von Prof.
Dr. Rarl Trautmann über „Rurfürst Maximilian I. von
Bayern als Runstfreund". Neben der bedeutsamen politischen
Tätigkeit Rurfürst Maximilians — war er doch der einzige
deutsche Fürst, welcher den Dreißigjährigen Rrieg von Anfang
bis zu Cnde durchlebte -- wandte der Rurfürst vornehmlich
der Runst sein Interesse zu. Die Residenz, die Mariensäule,
das Raiser-Grabmal in der Ludwigskirche sind dessen die
bedeutendsten Zeugen; ja er beschäftigte sich selbst praktisch mit
Elsenbeindrechslereien, außerdem aber sammelte er Rleinodien
aller Art, mit besonderer Vorliebe aber solche, mit denen er gleich-
zeitig seiner Madonnenverehrung Ausdruck geben konnte.
Linen der kleinsten Räume der Residenz ließ er zu einer ge-
heimen Rapelle Herrichten und in einer solchen Pracht ausstatten.
daß diese Marienkapelle bald die „Reiche Rapelle" genannt
wurde. Die hier aufgehäuften Schätze werden von Rennern
des Runst- und Antiquitätenmarktes auf rund (00 Mill M.
geschätzt. Die Reiterstatuette des Drachentöters St. Georg wurde
schon \6\2 aus 300000 fl. geschätzt. Dazu Lbenholzaltärchen
nach Mielichs Lntwürfen, Reliquienschreine, Altargeräte usw.,
endlich die gold auf rotem Samt gestickten Vorhänge, die Wand-
verkleidung aus poliertem Stuckmarmor, der mit Marmor und
Amethyst eingelegte Fußboden, das blaue Deckengewölbe mit
seinen vergoldeten Reliefs! Aber auch als Bildersammler
war Maximilian eifrig tätig; der Augsburger Chronist pain-
Hofer erzäblt manch charakteristischen Zug, wie der Rurfürst
sich eingehend um die Erwerbung von Werken Dürers und
Rubens bekümmert hat. — Der inhaltreiche Vortrag und die
ungemein große Sammlung von Bildern, mit denen die wände
des Saales geschmückt waren, hielten die Zuhörer noch lange in
Bann.

Der Dausball des Vereins, der im Vorjahre so heiter
verlaufen war, fand in diesem Jahr eine nicht minder lustige
Nachfolge am Sonntag den 23. Januar; die regelmäßigen Besucher
der Vereinsabende hatten sich ziemlich vollzählig samt Frau
und Rind und manchen Gästen eingefunden, um der Enthüllung
des Rriegerdenkmals in dem Landstädtchen Rüntzing beizu-
wohnen. Allerlei Volk hatte sich zu dem Feste zusammengefunden
und harrte voll Erwartung der Ankunft des Serenissimus, zu
dessen Empfang die zahlreichen Veteranen (in entsprechender
„Ausmachung") ausgestellt waren; und als endlich der Bahn-

zug mit der bei Lokalbahnen üblichen fahrplanmäßigen Ver-
spätung ankam, und den geliebten Landesherrn Chlotar t.XXXV.
(Bildhauer P e z o l d) brachte, da — konnte die Feier losgehen.
Der Bürgermeister (Th. pei den) hielt die übliche, phrasen-
geschwollene, von mißverstandenen Fremdwörtern wimmelnde
Ansprache, indem er betonte, daß die Runtzinger mit der Er-
richtung ihres Rriegerdenkmals deshalb so lange gezögert hätten,
weil sie etwas ganz Unübertreffliches haben wollten, dadurch
aber, daß sie nicht nur den Rünstler, sondern auch den Tech-
niker und Mechaniker mit zu Rate gezogen, sei es endlich ge-
lungen, etwas zu machen, was — nach Ansicht aller Autori-
täten nicht mehr überboten werden kann, zumal das Denkmal
auch durch eine eigenartige Vorrichtung den Steuersäckel ent-
lasten werde. Seiner zum Schluß ausgesprochenen Bitte an den
Serenissimus, das Zeichen zur Enthüllung des Denkmals zu
geben, willfahrten pochdieselben mit den Worten: „Es falle
die pülle!" was sich da bot, war allerdings etwas Unüber-
treffliches : auf hohem Postament ein von einem vergoldeten
Adler gekrönter Vbelisk, an dessen Fuß ein goldener Löwe
grimmigen Blickes die wacht hält, (von den Bildhauern
Eberle und Frey und dem Architekten Dreisch.) Das Ge-
heimnis seines wertes ward offenbar, als Serenissimus das erste
Zehnerl in den Spalt am Postament einzuwerfen geruhte, worauf
alsbald das rechte Löwenauge rot zu glühen begann und der
Löwenschweif einen furchtbaren Reis zu schlagen anhub, während
ein Musikwerk im Innern des Denkmals eine patriotische weise
erklingen ließ und der Adler fleißig Flügelschläge machte. Sere-
nissimus sprachen sich sehr gnädig aus, ernannten den Bürger-
meister zum „Uberbürgermeister", ließen einen reichlichen Brdens-
regen niedergehen, mischten sich unter das Volk und verschmähten
es nicht, an der ländlich, einfachen Festtafel teilzunehmen. Sein
Adjutant Rindermann (Gottl. Wilhelm) gab sich redlich Mühe,
Seiner „Pohlheit" beim Cercle die nötigen Personalorientie-
rungen zu geben, konnte aber nicht hindern, daß gelegentlick
landwirtschaftliche und Runstausstellungen verwechselt wurden,
was die köstlichsten Verlegenheiten — auch beim Grdenssege»
— nach sich zog. wie vertraut Serenissimus sich bald fühlten,
geht daraus hervor, daß sie nicht nur am gewöhnlichen Tanz
sich beteiligten, sondern sogar — trotz Alter und Ranonenstiesel —
energische versuche machten, das Schuhplatteln zu lernen, wobei
der Adjutant wieder hilfreich zur Pand ging. — Noch viel
wurde geulkt, geknittelt, gerednert, getanzt; wie lang — weiß
der Chronist nicht. Aber jeder nahm den Eindruck mit nach
Pause, daß es „sehr schön" war.

Die Idee war von Alex, peilmeyer ausgeheckt worden,
der auch stark an der Durchführung der Feier beteiligt war;
der für den Bürgermeister ausersehene I. Bradl war leider
durch Rrankheit verhindert, zu erscheinen. Daß an seiner Statt
Th. peiden pals über Ropf die Rolle übernommen hat, wird
bei deren glanzvoller Durchführung wenigen zum Bewußtsein
gekommen sein.

(Programm für ixt nächsten (Wochenversammkungen

(jeden Dienstag abends 8 Uhr).

;. März: Ronservator Dr. PH. M. Palm: Der Bildhauer
Ronrad Meit von Worms, ein Zeitgenosse und
Freund Albrecht Dürers.

8. März: Dr. pellmuth Wolfs, Palle: Die Sachkunst und
die ästhetische Rultur. (Mit Lichtbildern.)

;ö. März: Vortrag von Architekt Th. A. Pansen über:
Moderner Städtebau.

(22. und 29. März Dsterpause.)

Verantrv. Red.: Prof. k. Gmelim - Herausgegeben vom Bayer. Aunstgewerbeverein. - Druck und Verlag von R. Dldenbourg. München.
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