Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 60.1909-1910

Page: 318
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Kleine Nachrichten.

Fries (gelbes Vrnament auf dunkelblau) und eine
Kehle mit gelb in gelb gemaltem Blattwerk mit der
Decke verbunden, die auf weißlichem Grund außen
einen breiten Mrnamentrand trägt, innen schmalere
Grnamentkränze, als Umschließung der Aufhänge-
vorrichtung der fünf sehr geschmackvollen Lüster.
Der »lässige Aufbau des Kamins bringt indessen eine
Störung herein; von den großen Bildern Hermann
Urbans wirken die hochhängenden am besten.
Die Verwendung orientalischer Teppiche auf Boden
und Tisch regt indessen noch zu einer Bemerkung an.
So schön solche Teppiche an sich sind, so scheinen sie
uns doch hier nicht angebracht. Auf dem großen
Sitzungstisch, der ja nicht nur örtlich, sondern auch
sachlich im Mittelpunkt des ganzen Raunies steht,
also die Aufmerksamkeit auf sich ziehen soll, ist
eine reichgeschmückte Decke begreiflich, obwohl ein
glattes, ungemustertes Tuch viel weniger zerstreuend
wirkt und dem hantieren mit Schreibgerät, Papier,
Büchern usw. weniger optische Hindernisse bereitet;
aber in einem farbig so zurückhaltenden Rauin
sollte ein Fußboden-Teppich, dessen zusammenfassende
Bedeutung im übrigen nicht verkannt werden soll,
bescheidener in der Farbe, einfacher in der Muste-
rung sein.

In dem von Fuchs & Riesgen nach einer Idee
von Gabr. von Seidl ausgeführten „Empfangsraum
eines Gesandten" (Abb. 623) waltet der Geist des
Empire- und des Biedermeierstils. Die in rosa und
dunkelgrau auf gelbgrauem Stoff senkrecht gestreiften
wände sind durch breite, Helle Streifen mit Rund-
medaillons und grünem Gezweig gegliedert, die —
wie die Wände selbst — mit Goldleisten eingefaßt
sind. Die Felder, in denen die weiß-goldenen Türen
stehen, haben rotbraunen Grund erhalten, auf dem
die mit Goldkränzen umfaßten Sopraporten wirkungs-
voll stehen. Behagliche Sitzinöbel, auf der einen
Seite Mahagoni mit rot und gelbgemusterten Polstern,
auf der anderen Seite Palisander mit gelben Polstern,
unterstützen die Geduld der Audienzbegehrenden;
zwei weiß-goldene Ronsolspiegel, ein dreisüßiger antiki-
sierender Tisch und einige Teppiche vollenden die in
ihrer Gesamtentwicklung äußerst vornehme und wechsel-
reiche Ausstattung.

Dieses letzte Beispiel zeigt so recht deutlich, wo
die Stubenmalerei am Platze ist und wie sie sich am
vorteilhaftesten betätigt. Die senkrechte Streifung
bringt nicht nur das Aufstrebende der Wand zur
Geltung, sondern es spiegelt sich in ihr auch die
Maltechnik selbst wieder, die sich bei der Wand-
ausschmückung am bequemsten in senkrechten pinsel-
strichen ergeht. Und wie vorteilhaft lassen sich dabei
Möbel und Bilder gruppieren!

Dieser Raum darf als der gelungenste der
ganzen Ausstellung bezeichnet werden, nicht nur weil
er an sich eine ruhige, vornehme Größe besitzt, son-
dern auch weil die Dekorationsmalerei die hier reich-
lich gebotene Gelegenheit zur Entfaltung ihrer Fähig-
keiten richtig benutzt hat. Daß die Mithilfe der
alten Stilweise an der Stimmung des ganzen Raunies
wesentlichen Anteil hat, ist nicht zu bestreiten, aber
das Pauptverdienst gebührt doch wohl dem, der die
Idee zu der ganzen Anordnung gegeben, Gabr.
v. Seidl — ein überzeugendes Beispiel dafür, wie
wichtig die Mitwirkung des Architekten bei Schaffung
von Innenräumen ist. 6.

(Meine Nachrichten.

(Vereine, Museen, Schuten, Äusstektungen,
(Wettkewerke «re.

er Fachverband für die wirtschaftlichen Inter-
essen des Rnnstgewerbes (Berlin W 57, Kulm
straße 3) lädt auf den fß. September d. I. zum
vierten Kongreß deutscher Kunstgewerbetreibender ein.
Die Innungsbestrebungen, das Fortbildungsschul-
wesen, die Beziehungen zwischen Bürgertum, Kunst
und Handwerk werden Hauptpunkte der Verhand-
lungen bilden; (die Versammlung soll im übrigen
Gelegenheit bieten zur offenen Aussprache über be-
stehende Mängel usw.

m

as Münchener Stadcmuseum mit der Mail-
lingersammlung hat zurzeit zweierlei Aus-
stellungen veranstaltet: „Künstlerarbeiten aus der
Zeit König Ludwigs l. von Bayern" (^825 — ^8^8) —
und aus Anlaß der Hundertjahrfeier des Mktober-
festes eine Zusammenstellung von allerlei darauf
bezüglicher Erinnerungszeichen aus den Museums-
beständen, ergänzt durch Material aus dem Stadt-
archiv und der Stadtchronik. Geöffnet: Sonntag,
Dienstag, Donnerstag 9—\ Uhr, unentgeltlich.

O

Professor Tonradin Walther, der erst vor kurzem
seine Lehrstelle an der Nürnberger Kunstgewerbe-
schule niedergelegt hat, ist am 20. Mai im Alter
von 67 Jahren einem langwierigen Herzleiden er-
legen. In ihm ist ein hervorragender Künstler, ei»
Schüler A. Gnauths, dahingegangen, dem es ver-
gönnt war, als Architekt an der baulichen Entwicke-
lung Nürnbergs regen Anteil zu nehmen und ein
gut Teil zur stilvollen Einpassung neuer Bauten in
alte Straßen beizutragen.

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