Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 65.1914-1915

Page: 224
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schnitt sticht, sind ja in der zeichnerischen und stili-
stischen Entfaltung ungleich engere Grenzen gesetzt
als dein, der von vornherein nur für die Atzung
schafft. Und wenn nun der rnoderne Buchdruck
auf die Zinkätzung gestellt ist, so gebührt es sich
auch, daß der Künstler alle Möglichkeiten dieser
freien, fast unerschöpflich reichen Technik ausnütze
und sich nicht mit den kargen, primitiven Mitteln
des Holzschnittes, oft genug übrigens nur zum
Scheine, abmühe, während die Atzung, für die
seine Arbeit, wenn auch auf einem Umwege,
eben doch wieder bestimmt ist, so frei und ent-
faltungsreich ist. Die ältesten Schrifttypen des
Buchdruckers waren Holzschnitte, ohne Zweifel
von hoher Schönheit in ihrer Art, aber sie wurden
doch bald durch die Metalltypen abgelöst, deren
Stil und Druckcharakter durch die Verwendung
der neuen Materialien ungleich vielseitiger, freier,
bewegter, reicher und reizvoller wurde. Nicht
anders steht es um den Buchschmuck, um die
Hochdruckgraphik der Buchkunst. Sonach darf jetzt
auch der Buchkünstler, will er überhaupt wahr-
haftig sein, nicht mehr vom Holzschnitt ausgehen,
nicht mehr Holzschnitt heucheln. Seine Arbeiten
müssen aus dem Wesen der Zinkätzung wachsen;
denn diese allein beherrscht heute den Schmuck
des Buches.

Das ist so selbstverständlich, daß man sich eigent-
lich dagegen sträubt, es erst zu sagen. Allerdings
darf dabei nicht übersehen werden, daß in
der Zinkätzung auch die schwersten Gefahren für
die Buchgraphik liegen und lauern. Die photo-
graphische Präzision, mit der diese Technik das
Original des Künstlers nachbildet, hat zu schweren
Mißverständnissen geführt, denen selbst die größten
und verehrungswürdigsten Namen nicht selten
erlegen sind. Man denke nur an die Leder-
zeichnung! Die Zinkätzung kann sie mit fast rest-
loser Vollkommenheit wiedergeben; also verwendete
man Lederzeichnungen als Hochdruckbuchschmnck.
wie unwahrhaftig das im Grunde ist, darüber
gibt man sich in dem Entzücken über die hohe Oua-
lität jener Arbeiten als Lederzeichnungen wenig
Rechenschaft. Allein die Lederzeichnung ist und
bleibt reine Zeichnung, hat also mit dem Buch
an sich wenig zu tun, so wie eine Handschrift mit
einem Drucksatze. Die Druckseite ist eben Typo-
graphie, und was nicht in aller Strenge und
Ehrlichkeit typographisch ist, ist ein für allemal
dem Buche wesensfremd und feindlich zugleich.
Es wurde oben dargetan, daß der Holzschnitt für
uns heute nicht mehr allein typographisch ist.
von der Lederzeichnung aber läßt sich nur sagen,

daß sie überhaupt nie typographisch sein und
werden kann. Es ändert nichts an dieser Sachlage,
daß die Lortschritte der Reproduktionstechnik in
vielen Köpfen das Gefühl dafür verwirrt haben.
Es mußte diese vielleicht weitschweifig erschei-
nende Erörterung vorausgeschickt werden, um das
Entscheidende an Schmids Arbeiten zu kennzeich-
nen; denn deren Wesen, deren Stärke liegt im
Typographischen. Sie wollen nicht Holzschnitte
und nicht Lederzeichnnngen sein, welche dank der
Vollkommenheit der Zinkätzung bis zu einer schließ-
lich doch nur den anspruchslosen Geschmack be-
friedigenden Täuschung wiedergegeben werden.
Sie wollen nur Typographie sein. Ich sage damit
nicht, daß E. I. Schmid der erste oder der einzige
ist, der bewußt diesem Ziele nachgeht. Ich sage
nur, daß dieser Künstler es mit unbeirrbarer
Sachlichkeit und unbestechlicher Ehrlichkeit tut.
Schmids Arbeiten sind Typographiken, die auf
den ersten Blick überzeugen, und wir dürfen bei
ihrer ästhetischen Prüfung und Wertung nur
davon ausgehen, daß sie nichts weiter wie reine,
klare Hochdruckstempel einer gewissenhaften Buch-
kunst sein wollen. Das Spiel zwischen dem weiß
des Papieres und der Kraft und suggestiven Wucht
der schwarzen Llächen mrd Punkte, die das Merk-
mal des Typographischen sind, bestimmen sie völlig,
wir denken dabei an das zeichnerische Handwerks-
zeug des Künstlers, an die schlichte Rohrfeder und
den in tiefschwarze Tusche getauchten Spitzpinsel,
so wenig mehr wie wir z. B. bei der Betrachtung
einer guten Metallgravierung noch daran denken,
daß der Künstler sie vielleicht mit dem Bleistift
entworfen hat; so restlos, so völlig entscheidet
dabei das endgültige Material und die endgültige
Technik der Lertigstellung.

Dieses Arbeitsgebiet ist enge und sehr begrenzt;
es gänzlich mit dem Einsatz seines ganzen Könnens
auszufüllen und zu durchdringen, ist E. I. Schmids
Ringen und Streben. Es handelt sich dabei um
Dinge eines sehr feinen, differenzierten Geschmackes,
um Unterscheidungen, die vielen immer verschlossen
bleiben; aber unser Künstler schreitet seinen weg
in planvollem wollen und selbstsicherer Gelassenheit.
Uber die Arbeiten im einzelnen zu sprechen, er-
übrigt sich wohl, sie reden eindringlicher für
sich selbst. Der sachliche Inhalt einige dieser
Typenstempel und Bucheignerzeichen ist nicht ge-
rade leicht zu erschließen; denn es ist in Versonnen-
heit und dichtender Träumerei mit allerlei Sym-
bolik so mancherlei persönliche Anspielung und
tiefsinnige Drolerie hineingeheimnift, die nur dem
Besteller und Eingeweihten verständlich wird.

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