Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 66.1915-1916

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offenbart sich in ihnen mit so bezwingender Macht,
daß wir Mühe hätten, diesen Blättern ebenbürtige
Arbeiten anderer gegenüberzustellen. Nur wer aus
dem vollen schöpft, wird Einfälle von so scharf
geprägter Eigenart auf eine so klare und bei allem
Reichtum einfache 2lrt auszudrücken vermögen.
Und jedenfalls beweist Diez in diesen Zeichnungen,

die mit geringen Ausnahmen auf malerische lvir-
kungen ganz verzichten und also auch in graphischer
Beziehung vorbildlich sein könnten, wieder einmal,
daß eine bedeutende Kunst, gleichviel ob sie dem
Tage dient oder den Ehrgeiz hat, ihn zu überdauern,
nur auf der Grundlage vollkommenster Formbeherr-
schung möglich ist.

Anmerkungen

zu üen

neuen Kaumschöpfungen von Paul Thiersch

So unerläßlich die Periode des Konstruktivismus in
der Entwicklungsgeschichte der angewandten Kunst
war, sie konnte doch kein Ziel, keinen Abschluß be-
deuten. Sie entsprach dem ästhetischen Reinlich-
keitsbedürfnis, aber sie selbst war gar nicht ästhe-
tisch. Das deutsche Kunstgewerbe mußte vorüber-
gehend nüchtern, fachlich, konstruktiv werden, um
dann wieder einer reicheren Entfaltung von Zier-
momenten, einer stolzeren Üppigkeit der Formen
entgegengeführt zu werden. Dieser Durchgangs-
zustand war notwendig, weil man über dem
Schwulst der sog. Neurenaissance und der sinnlos
kopierten französischen Königsstile das „Problem
der Form" in der angewandten Kunst völlig ver-
gessen hatte. Alle Logik der Konstruktion war ent-
schwunden. Ein Stuhlfuß z. B. hatte bei diesen
Möbeln nicht die natürliche Aufgabe des Tragens und
Stützens, sondern war Veranlassung zu einem mög-
lichst pompösen Schnörkel. Demgegenüber mußte
die nackte Nutzform, die charakteristisch auf der
Dresdener Kunstgewerbe-Ausstellung z>)06 vor-
herrschte, wieder in ihre blechte eingesetzt werden,
aber es war ganz selbstverständlich, daß sie nicht
Selbstzweck sein, daß sie nicht dauernde Geltung
erringen konnte. Sie durfte nur ein Läuterungs-

prozeß fein — ein witziger hat sie recht bezeich-
nend dem Zustand des Katzenjammers verglichen.
Das Zweckvolle allein kann — trotz Gottfried
Semper — in der angewandten Kunst nicht trium-
phieren; es muß das Zweckenthobene, das Künst-
lerische hinzutreten. Das heißt: die praktischen
Ansprüche des Lebens und ihre nüchterne, fach-
gemäße Erfüllung bilden nur die eine Seite der
angewandten Kunst, die andere ist das Ingenium
des gestaltenden Künstlers: aus dem Verhältnis
beider Größen zueinander entsteht die Form, die
Erscheinung des Gegenstandes oder Raumes, den
es zu gestalten gilt. Je nach den Zwecken wird
sich dieses Verhältnis verschieben: gilt es, Räume
in einer Arbeiterkolonie oder in einem Bürgerhaus
zu schaffen und auszustatten, so werden die prak-
tischen Bedürfnisse für die Ausformung entschei-
dend sein, gilt es aber, ein reiches Stadthaus aus-
zugestalten, so darf zweifellos der Künstler feine
zweckenthobene Kunst in den Vordergrund drängen.
Das wird besonders da der Fall fein, wo man bis-
her traditionsgemäß am Kauf von antiken Möbeln
oder an Ausstattungen mit französischen Stilmöbeln
festhielt. Diese Kreise, die leistungsfähig und ein-
flußreich find und durch ihr Vorbild zum Guten
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