Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 66.1915-1916

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Groß ist der Formenschatz. Grundsätzlich zu trennen
wäre zwischen Gebildnrodeln für Votivfiguren und
Backformen. Bei elfteren bedingt der Zweck eine
gewisse Auswahl. Geopfert werden bekanntlich so-
wohl einzelne Körperteile, wie Augen und Ohren,
die in der Regel der künstlerischen Betätigung
nicht viel zu tun geben, als auch ganze Figuren,
Büsten, heilige, dann Tiere, vom Pferd bis zur
Kröte. Votivfiguren scheinen, nach der Tracht zu
schließen, besonders im späten ^?. und \8. Jahr-
hundert beliebt gewesen zu sein. Man trifft immer
wieder den Mann im Schoßrock mit der Perücke,
die Frau im langen Kleid mit hoher Taille. wo
der Stecher irgendwie kann, dekoriert er Kleid oder
selbst paar mit Ornamenten. Sterne, laufende
Ranken, Gitternetze, Blumen und Blätter sind
sein ständig wiederkehrender Ornamentschatz. Die
geschicktesten Kombinationen einfachen Kerbschnittes
weiß er wirkungsvoll zu verwenden. Die Über-
ziehung der Flächen mit ornamentalem Dekor, die
Scheu vor glatten, undekorierten Formen ist ja
ein uraltes Gesetz in der bildenden Kunst, das sich
hier im volksempfinden als auf einer dem Ur-
sprünglichen, Anfänglichen genäherten Stufe aus-
spricht. Man erinnere sich an den Dekorations-
reichtum germanischer Ornamentik, wie sie auf
den verzierten Fibeln auftritt, an den textil emp-
fundenen Ornamentalstil romanischer Plastik und
das Füllungsgesetz in der frühen peraldik. Um
ganz verwandtes mit dem Ornamentstil der Model-
stecher zu sehen, braucht man nur an romanische
Tonfliesen zu denken, wie etwa die schönen aus
St. Emmeram in Regensburgp. was der moderne
Kunstgewerbler gern wieder aufgreift, die Freude
am Dekor, losgelöst von allen naturalistischen Ten-
denzen, ist im Grunde natürlich-primitives Empfin-
den. Daß man da und dort selbst noch in dem
letzten Jahrzehnt gegen das Ornament zu Felde
zog, erklärt sich aus der logischen Entwicklung des
materialistischen Gedankens, der mit dem t9- Jahr-
hundert in die bildende Kunst fuhr, nicht zu ihrem
peil. Dagegen kann die schlichte, gesunde Dekora-
tionslust primitiver Kunststufen nicht genug als
heilsames Rezept empfohlen werden.

Dem Gebildmodel steckt, wie gesagt, der Zweck
gewisse Grenzen. Um so freier herrscht die Phan-
tasie des Stechers bei den Reliefs für den Back-
model. Sei es ein Lebzelten, wie man vornehm-
lich die ganze Kategorie der mit ponig zuberei-
teten braunen Teigwaren nennt, oder ein Sprin-
ger!, worunter besonders die runden, in weißem

*) Abbildung bei Hugo Graf von lvalderdorff, Regens-
burg in seiner Vergangenheit, Regensburg l8gs, 5. 3^.

Marzixanteig hergestellten Gebäckformen zählen,
die früher namentlich Nürnberg und Frankfurt
bereiteten, oder endlich ein Tragantgebilde, eine
aus Zucker, Mehl und Astragalsaft hergestellte
Masse, die besonders zur Verzierung der Torten
diente. Es läßt sich schwer gruppieren, was etwa
alles der Lebzelter ausformen konnte. Da treffen
wir in früherer Zeit besonders die runden, siegel-
förmigen Gebilde mit Reliefs peiliger, Darstellun-
gen aus der biblischen Geschichte (Sündenfall, Ge-
burt Lhristi), mit Wappentieren oder -bildern. Sie
waren anscheinend für Feste kirchlicher oder poli-
tischer Natur bestimmt; z. B. wird erzählt, daß die
deutschen Kaiser anläßlich ihrer Besuche in Nürn-
berg die Kinder mit Gebäck, welches das Porträt
des Regenten trug, bedachten?) Dann kommen
seit dem (8. Jahrhundert die Männer und Frauen
heiligen und profanen Lharakters, wie der Niko-
laus oder der vornehme perr. weiter die Wall-
fahrtslebkuchen, wie sie von Altötting (Abb. S. 58)
und der „wies" bei Steingaden erhalten sind.
Der „Schimmelreiter" und die „Spinnerin" weisen
als uralte Reminiszenzen auf Gott Wotan und
Frau pulda der germanischen Mythologie. End-
lich die vielen Szenen aus dem Genreleben, die
Modeleute, Musikanten und Krämer, der lauten-
spielende Esel, die Pirschjagden und der ganze,
manchmal derbe Volkswitz mit Wickelkindern, Liebes-
szenen usw. (Abb. S. 63.) Den Kindern schenkt
man das ABE oder eine „Menagerie" — von
welch letzterer Gattung ein prächtiger Model im
Volkskunstmuseum zu Feuchtwangen —, zum „Met-
sonntag" bringt der Münchener Bursch seiner Lieb-
sten ein perz, zu Weihnachten ein paar pandschuhe.
Und schließlich findet sich da und dort noch eine
stattliche Sammlung von Zierleisten und Schmuck-
platten, die keinen besonderen Zweck erkennen
lassen und wohl als Tragantformen zur Torten-
dekoration dienten, (vgl. Abb. S. 60.) Der Torten-
verzierer war bei den Zuckerbäckern ähnlich eine
achtenswerte Künstlerpersönlichkeit wie der Model-
stecher bei den Lebzeltern, und noch unser wackerer
Albr. Adam, der Maler aus der Napoleonszeit,
begann seine künstlerische Laufbahn als Tragant-
former.

Die Ausführung der Model ist nicht immer gleich.
Aber fast gleichmäßig ist immer die staunenswerte
Sicherheit in der ornamentalen Belebung des Vor-
wurfes. Es wurde bereits gesagt, daß der Model-
stecher möglichst den leeren Flächen aus dem Wege
geht. Dahinter steckt eine gewisse Scheu vor der

*) Dgl. den Aufsatz „Alte tDeihnachts-pfefferkuchen-
formen“, Illustrierte Zeitung \888, Nr. 23?3.

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