Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 66.1915-1916

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Beherrschung plastischer Formen, sür die sich gesetz-
mäßig der dekorative Ersatz einstellt. Und in der
Benutzung des Schmuckelements haben die Stecher
tatsächlich Bewunderungswertes geleistet. Ls muß
nicht immer eine reine Zierform sein, die der
Bildner als plastische Haut über seine Form zieht,
oft leitet fich die ornamentale Belebung rein aus
stilistisch verarbeiteten natürlichen Motiven ab. Ls
sei noch einmal an das Glanzbeispiel dieser Gruppe
erinnert, die Hirschjagd (Abb. 5. 6\). Der Künstler
findet für die Stilisierung der Baumrinde ein
ebenso wirkungsvolles als technisch gut herstell-
bares und leicht auszuformendes Motiv in den
einfachen, mit dem Hohleisen ausgehobenen Ker-
ben. Mit dem gleichen Motiv in umgekehrter
Verwendung gibt er die Decke des Hirschfells. Das
Laubwerk bildet er als Blätterbüschel, wie wir sie
in der Gobelintechnik wieder treffen. Dabei trägt
er sorgsam Bedacht, daß die Laubkronen ineinander
übergehen und sich die Silhouette nach oben schließt.
Am verblüffendsten wirkt aber wohl der Wechsel
zwischen belebter und glatter Fläche bei den schlan-
ken Leibern der Hunde und Pferde im Gegensatz
zu den Bäumen. Die ganze Modellierungskunst ist
da allerdings auf ein durchgearbeitetes Flächen-
relief gestellt, das schon ein ganz beträchtliches
künstlerisches Rönnen voraussetzt. Zn einfacherer
und in seiner Wirkung noch eindringlicherer Hal-
tung kann man denselben Stil bei vielen Modeln
wiederfinden, bei denen jedesmal der Stecher aus
ganz schlichten, mit dem Hohleisen leicht zu er-
zielenden Strichen oder Kerben ähnlich wie der
Textilarbeiter mit ein paar Flechtmotiven einen
starken Grnamentalcharakter herausbildet. Ver-
wandtes zeigt etwa der Model für die Altöttinger
Kapelle von J686 (Abb. 5. 58), wo die Dachflächen
das lebendige Kontrastmotiv für die schwerer zu
belebenden Wände ergeben, während gleichzeitig
durch die geschickte Einordnung der dem Gnaden-
bilde nachgebildeten Muttergottesfigur die Brücke
für die leere Fläche zwischen den beiden Türmen
geschaffen ist. Für die Gewandstilisierung wie bei
der Spinnerin (Abb. S. 62) entlehnt der Stecher

seine Ornamente von den textilen Vorwürfen, und
zwar in der Regel so, daß er die eingewebte Blume,
ja selbst das Fadenmuster, ins plastische übersetzt.
Bei einem Model der Biedermeierzeit im Museum
für österreichische Volkskunde in Wien ist z. B.
das karierte Gewebe an den Beinkleidern eines
Modeherrn sinngemäß durch Kerbschnitt wieder-
gegeben. Zm allgemeinen ist dieses Gesetz der
Übersetzung ins Plastische — wenn man so sagen
darf — mit dem hg. Zahrhundert in Abnahme ge-
kommen. Der reiche Grnamentalstil der älteren
Zeit paßte in seiner volkstümlichen Wirkung den
rationalistischen Tendenzen der Empirezeit nicht
mehr so recht. Der Stecher will höher hinaus,
sein Vorbild werden die glatten, antikisierenden
Beschläge und Kartuschen des Mobiliars. Reiter-
figuren, Napoleons, russische Soldaten, gelegentlich
selbst auch die unvermeidlichen Viktorien bezeichnen
diesen Stil. Er nähert sich wesentlich mehr den
allgemeinen Tendenzen der großen plastischen
Kunst, kommt aber eben deshalb viel weiter von
den natürlichen Voraussetzungen seines Arbeits-
gebietes ab. Model späterer Zeit, die etwa in der
Mitte oder zweiten Hälfte des hst. Jahrhunderts
entstanden find, kopieren entweder wieder den alten
Stil oder beschränken sich auf einfachste Vorwürfe,
wie z. B. Blätter, Blüten und ähnliches bei den
heute gangbaren kleinen Marzipanformen.

Die alte Form ist darüber nicht ausgestorben,
wir treffen sie wieder im modernen Kunstgewerbe
— zuerst bei dem Möbelkünstler und Stukkateur.
Neuerdings hat auch der Bildhauer unter den
Voraussetzungen moderner Stilanschauung den
Teig- oder Formmodel wieder in sein Arbeits-
gebiet ausgenommen. So hat z. B. Zos. Gang!
Teigformen geschnitten (vgl. Die Plastik, München
Heft \2, Tafel \06), die sich die guten Er-
fahrungen alter Stecherpraxis zunutze machten,
ohne darum das persönliche des modernen Künst-
lers zu unterdrücken. Aus den Ganglschen For-
men läßt sich ohne weiteres lernen, wie mancherlei
noch auf dem Gebiet praktischer Volkskunst ge-
schaffen werden könnte.

Chronik -es öaperifchen Runstgewerbevereins

finmelSungen:

Pisetta Anton, Kunst- und Möbelschreinerei, München.
Weigl Karl, Fabrikation von Beleuchtungskörpern, München.
Roßmüller Georg, Schreinermeister, spez. sür Bauernmöbel,
München.

Rückert Dtto, Maler und Lehrer an der Gewerbe-Zeichen-
und Modellierschule in Würzburg,
wilm bjubert, Maler und Graphiker, München.
Oberdoerfer Eduard, Schreinermeister, München.

Bruckmann Peter, bsofrat, Landtagsabgeordneter, vors, des
Deutschen Werkbundes, lfeilbronn.

Mühlthaler Eduard, Graph. Kunstanstalt-Bes., München.
Mattes Georg, Bildhauer, München.

Weidner Johann, Kunst- und Bauschlosserei, München.
Rötgers Friedr. Wilhelm, Architekt, Dipl.-Ing., München,
vereinigte Werkstätten für Kunst im Handwerk,
Aktiengesellschaft, München.

Dasio Ludwig, Bildhauer, Kgl. Professor, München.

Klein R., Maler und Bildhauer, München.

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