Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 66.1915-1916

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Schrift unö Denkmal

Oer Schrift kommt als Vermittlerin -es geistigen Gehalts bei öen vorliegenöen Arbeiten ein hervor-
ragenöer Platz zu.

Darum ist es nicht unangebracht von ihr im allgemeinen Deutlichkeit zu verlangen.

Diese Deutlichkeit öarf jeöoch nicht zur Aufdringlichkeit werüen.

Ruöolf von Larisch spricht in solchen Zöllen von öer „brutalen Leserlichkeit".

vor allem ist öie Zorm öer Schrift nicht unabhängig von üer Zorn, öer übrigen Arbeit, vom Material

unö üer Technik. Die Schrift öarf nicht als Zremökörper öer sonstigen Darstellung anhaften.

Das beöingt, öaß sie sich je nach üer flrt öer Ausführung ües Gegenstanüs ä'nüert.

Der Steinschnitt erforöert lapiöare Zormen, üie Malerei flächige öehanölung auch öer Tppe. Die
Druckplatte, sei es Holz oöer Linoleum, soll als solche nach Möglichkeit erhalten bleiben, was wieöerum
ein nur befcheiüenes Ausfchneiöen von weiß aus Schwarz, entweöer öer Schrift selbst oöer ües hinter-
grunöes, beöingt.

Kreuzstich verlangt ein Einglieüern üer Duchstabenform in öas Huaöratnetz ües Stramins, Mosaik
oöer Nagelung ein tupfenweises Zusammensehen öes öuchstabenbilües. 6ei üer Schablone gar beöingen
üie notwenöigen Zusammenhänge öer einzelnen Schristformen ein Zusammenschließen zu neuen, öem
Gewohnten fremöen Zormen.

Die solcherweise als Zolgeerfcheinung auftretenöe schwerere Lesbarkeit muß als öas Ergebnis künst-
lerischer Einheit unö Zolgerichtigkeit mit in Kauf genommen werüen.

Schließlich ist ja eine Geöenktafel, ein Grabstein kein Plakat oöer Inserat, öas unbeöingt auch von
öen vorbeieilenüen schnell erfaßt werüen muß.

Derartige Oenkzeichen laüen vielmehr zum verweilen ein. Erfreut am Anfang eine harmonische oöer
fesselt eine absonöerliche Zorm, so föröert ein weiteres Einöringen in öen Inhalt noch einen tieferen
Sinn zutage. Das allmähliche Entziffern eöler unö weiser Morte prägt solche öem Geöächtnis
öauernöer ein als ein flüchtiges, zu leicht gemachtes Ersoffen.

Es gibt öafür in öer Vergangenheit öeifpiele genug: Angefangen bei öen Nunenzeichen früher Völker-
schaften, öle voller mystischer, nur öem Eingeweihten bekannten Zormeln stnö, stilistisch in höchster
weise ausgeprägt in öen öeifpielen öer Gotik, wo Spruchbänöer unö Schriststächen hervorragenöen
Anteil an öer öekorativen Gestaltung öer Grabsteine haben, bis zu öen graziösen Spielereien üer
Schreibmeister öes 18. Iahrhunöerts.

Unsere heutigen öunöesgenoffen, üie Türken, kennen noch in vollem Maße öen wert öer Schrift als
fchmückenöes Mittel. Die Koransprüche, üie ste als Zieröe in ihren Moscheen unö wohnräumen auf-
hängen, veröanken ihre reizvolle Silöwirkung öem nur nach künstlerischer Willkür georüneten ^neinanüer-
schiebcn öer einzelnen Wort- unö Satzgruppen unö öem sehr freien Ausgleich öer entstehenüen Lücken
öurch allerlei Schnörkel unö Zutaten.

Zreilich macht solch Abweichen von öer Regel es selbst Gelehrten schwer, öen Sinn öer Worte zu
finöen. Doch muß öafür öer Geöanke trösten, öaß öiese Arbeiten ja in erster Linie einem Schmuck-
zweck öienen. Zür öen unachtsam vorübergehenüen bleibt öoch üer große Einüruck öas Entfcheiöenüe.
Nur ein rationelles Zeitalter, öem öer verstanö über alles geht, konnte als ausschließliches Gesetz
öie Zoröerung einer gleichmäßigen Klarheit unö Übersichtlichkeit aufstellen, öie aber ebenso langweilig
wie peöantisch ist unö zumeist mit Kunst nichts mehr zu tun hat.

S. h. Ehmcke.
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