Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 66.1915-1916

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er den wärmsten Dank des Vereins hinzu und betonte, daß für
jeden Einzelnen, gleichviel ob er nun an der Front oder zu
Hause Anteil an den gewaltigen Ereignissen nehme, die Pflicht
zum Durchhalten bestünde, daß dann auch die Ereignisse mit
zuversichtlicher Ruhe abgewartet werden könnten eingedenk
des Wortes „die Weltgeschichte ist das Weltgericht".

Am Dienstag den Februar sprach Herr Dr. Adolf Dirr,
Kustos am «gl. Ethnographischen Museum, über „Land und
Leute im «aukasus". Der Vortragende gab zunächst einen geo-
graphischen Überblick über die so stark voneinander abweichen-
den Linzelregionen des «aukasus. Dann schilderte er die un-
endlich bunten ethnographischen Verhältnisse des Landes, wo
Vertreter verschiedener europäischer Völker (Russen, Deutsche,
Tschechen, Polen) mit den Einheimischen Hausen. Letztere teilt
er wieder in zwei Abteilungen: Einheimische, die Stammes-
brüder oder Sprachverwandte auch außerhalb des «aukasus
haben (Armenier, Tartaren, «urden u. a.) und solche, die nur
im «aukasus Vorkommen (Georgier, Mingrelier, Swassen, Ab-
chasen und Tscherkessen; Tschetschenen und Lesghier). Er
schilderte dann die Sprachverhältnisse und die allgemeine
«ultur der «aukasier, wobei manches Streiflicht auf die Haus-
und anderen Gewerbe der «aukasier siel, wie Teppichweberei,
Waffen-, «upfer- und Silberschmiede u. a. Zum Schlüsse be-
sprach der Vortragende die politische und militärische wichtig,
feit des «aukasus für die Russen, wobei er besonders betonte,
daß das Land das eigentliche Sprungbrett der Russen für die
Eroberung «leinasiens und Persiens gewesen sei und es auch
bleiben werde, wenn es nicht in andere Hände übergehe. Eine
Reihe vorzüglicher Lichtbilder erläuterte die Ausführung des
Vortragenden in anschaulichster weise.

Dienstag den J5. Februar Vortrag des Herrn Professors Max
«leider über das Lovcen-Gebiet. Professor «leider, ein aus-
gezeichneter «enner von Land und Leuten dieses «üsten-
gebietes und Montenegros, zeigte an der Hand überaus schöner
Lichtbilder den besonderen Lharakter dieses Landes, das der
Weltkrieg auch mit in den Mittelpunkt des öffentlichen Inter-
esses gerückt hat. Eigenartig wie der Gegenstand, den der
Redner schilderte, ist auch die Art und weise, wie er ihn sieht.
Ein «ünstler des wanderns und Schauens, vermeidet er dabei
die ausgetretenen großen Heerstraßen und bequemen Reise-
routen, die gewöhnlich von einem Hotel ins andere führen,
sondern begeht die viel seltener betretenen Wege, auf denen
die Einwohner des Landes, Jäger und Hirten wandern, und
so erhält er Einblick in Dinge, wo noch Natur und Volk ganz
bei sich zu Hause ist.

Der Redner schilderte den Tarabosch, das «üstengebiet von
Antivari bis Lattaro, die unwirtlichen Gebirge, die eigent-
liche Erna Gora, «rivosje und das österreichische Grenzgebiet.
Er führte die Städte Montenegros: podgoritza und Letinje
vor Augen und erzählte von ihren Bewohnern und von dem
«önig des Landes, von dessen dichterischer Begabung er ein
paar schöne Proben vorlas.

Der besondere Reiz dieses Vortrages, die lebendige, plastisch
anschauliche Schilderungskunst Professor «leibers in Verbin-
dung mit unvergleichlich schön abgerundeten Landschaftsbildern,
liegt im unmittelbaren Aufnehmen des Hörers und läßt sich
im Referat kaum andeuten. Reicher Beifall lohnte den Redner.

Dienstag den 2g. Februar Vortrag des Herrn vr. L. Gratzl
über „Zwei indische Fürstenstädte: Ahmedabad und
Bidschapur",

Die islamische Baukunst Indiens scheint der einheimischen
Hinduarchitektur bei oberflächlicher Betrachtung völlig fremd
gegenüberzustehen. Dieser Eindruck entsteht hauptsächlich da-
durch, daß sie in ihren wichtigsten Leistungen, den Moscheen
und Prunkgräbern, Aufgaben zu lösen hatte, die der altein-
heimischen «unst fremd waren; dann dadurch, daß die in
Europa am besten bekannten islamischen Bauten Indiens, die
der Blütezeit des Mogulreiches im ;7. Jahrhundert, von Hindu-
einflüssen fast völlig frei sind. Ganz anders aber liegen die
Dinge in den ersten Jahrhunderten der islamischen Herrschaft
in Indien: die Notwendigkeit der Verwendung einheimischer
Baumeister und Steinmetzen hat in einer Reihe örtlich be-
grenzter Bauschulen zur Vermählung indischer und islamischer
Stilelemente geführt; nirgends war diese Verbindung inniger
und in ihren Ergebnissen befriedigender als in Ahmedabad.
Diese Stadt, im nördlichen Indien in der Landschaft Gudscherat
gelegen, war im iS. und 16. Jahrhundert der Sitz einer musli-
mischen Dynastie, die die Stadt und ihre Umgebung mit einer
Fülle von Moscheen, Palästen, Grabmälern schmückte, die
alle in gleicher weise die Anpassung der einheimischen «ünstler
an Aufgaben zeigen, die ihrer Wesensart ursprünglich fremd
waren. Besonders charakteristisch dafür ist die ganz äußerliche
Art, wie bei den frühesten Moscheebauten der unvermeidliche
Spitzbogen ganz äußerlich verwendet wurde, ohne ihn kon-
struktiv mit der Gesamtanlage zu verbinden. Erst im Lauf der
Zeit gelang den indischen Meistern die Beherrschung von Bogen
und «uppel. Glänzendes haben sie dagegen als Steinmetzen
geleistet: die riesigen durchbrochenen Steinplatten, die der
Moschee Sidi Saijids als Fenster dienen, sind als künstlerische
wie als technische Leistung unübertroffen geblieben. Auch in
reinen Nutzbauten ist es den Baumeistern Ahmedabads gelungen,
aus dem Zweck des Baues künstlerisch wertvolle Formen zu
entwickeln: die Zisternenanlagen, die etwa 8—\o m tief zum
Grundwasserspiegel hinabführen, sind die schönsten in ganz
Indien.

Die Baukunst Bidschapurs (im Dekkan) ist aus ganz anderen
Bestrebungen erwachsen, hier hat eine Dynastie geherrscht
die sich ihrer außerindischen Abstammung rühmte und auch
in ihren Bauten mit Bewußtsein fremde, hauptsächlich per-
sische Stilelemente bevorzugte. So sehen wir hier vom frühen
tö. Jahrhundert an den persischen «ielbogen und ein kühnes
«uxpelfystem im «ult- wie im profanbau herrschen. In ge-
waltigen Befestigungsanlagen zeigt sich der Machtwille der
Herrscher; ihre Prachtliebe haben sie, großenteils durch lange
Regierungszeiten begünstigt, in ihren Palästen und Moscheen,
am stolzesten in ihren Grabanlagen betätigt, von zierlicher
Feinheit entwickelt sich dabei der Stil mehr und mehr zu einer
machtvollen Einfachheit, die nicht mehr durch schmückende
Einzelheiten, sondern nur noch durch die Gewalt beherrschter
Massen wirken wollen. Glänzend ist dieses Ziel erreicht im
Gol Gumbaz, dem Grabmal Mohammed Adil Shahs (gest.
fsss), das die Landschaft weithin beherrscht. Das Grabmal
seines Nachfolgers sollte in seinen Ausmaßen noch darüber
hinausgehen, auch in der Anlage ist es ganz selbständig. Ls
ist aber nie vollendet worden; den Untergang der Dynastie
hat auch die «unst Bidschapurs geteilt (fsss). Seither ist die
Stadt verödet; wo einst eine halbe Million Menschen lebte,
Hausen heute in armseligen Dörfern verstreut kaum 20000.
Aus Gärten und Feldern erheben sich einsam Zwischen dem
verfall der Gegenwart die Zeugen einstiger Größe.

Den mit Beifall aufgenommenen Vortrag begleiteten Licht-
bilder, meist nach eigenen Aufnahmen des Redners.

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von R. Dldenbourg, München. 9
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