Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 66.1915-1916

Page: 206
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kuh1915_1916/0215
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
erinnern uns aus Goethes Wilhelm Meister, daß
es in den letzten Jahrzehnten des t8. Jahrhun-
derts zum guten Ton gehörte, daß die Damen im
vornehmen Zirkel eine Landarbeit ausführten, und
daß sich besonders die Perlstrickerei und -stickerei
hoher Gunst erfreute. Sie ist dasjenige unter den
Gbjekten des Frauenluxus, das sich nicht nur rüh-

Dr. Georg Hirth f

von Zritz von Gstini

Nach einem Leben von fast 75 Jahren, das aus-
gefüllt war mit der fruchtbarsten Arbeit auf den
Gebieten der Kunst, der Wissenschaft und des
Kampfes um unsere völkischen Ideale, ist Dr. Georg
Hirth am 28. März des Jahres entschlafen. Der
Tod kam als Freund zu ihm und erlöste ihn von
halbjährigem, hoffnungslosem und schwerem Leiden.
Bis dieses begann — im Herbst — war es ihm
vergönnt, in ungebrochener Frische tätig zu sein —
zuletzt hauptsächlich aus physiologischem Gebiete,
in das er sich mit einer Energie eingearbeitet hatte,
die auch die Fachleute staunen machte.

Mit der gleichen Willenskraft und zugleich mit
jugendfroher Kampflust hat Georg Hirth vor rund
40 Jahren sich auf anderem Felde, auf dem der
angewandten Kunst, der Stilpflege, der Kunst
überhaupt, zu betätigen begonnen, wer sich an
jene Zeit zurückerinnert, der weiß auch, daß vor
dem Anfang, ja der Mitte der siebziger Jahre in
unserem Kunsthandwerk und in weiten Kreisen
der Kulturwelt so etwas wie Stilgefühl überhaupt
kaum mehr vorhanden war, und wie schlimm es
in dieser Beziehung stand, bestätigen gerade die
Ausnahmen, wie die Zuckerbäckergotik der König-
Max-Zeit, über die man sich noch an manchem
Münchener Bau und Innenraum aus jenen Tagen
unterrichten kann. Man sah nicht ins Wesen des
Stils hinein, nur in Äußerlichkeiten und Schnörkel-
werk, und gelangte zu nichts, als zu einer falschen
Romantik, ohne Sinn zu haben für die organische
Form, für das tragende Gerüst eines Stils. Und
darum mußte auch mißglücken, was die König-
Max-Zeit anstrebte — die Entwicklung eines neuen
Stils aus dem Wesen des alten. Zuerst mußte
resolut hineingegrisfen werden in den köstlichen und
unerschöpflichen Formenschatz, den uns unsere Vor-
fahren hinterließen, und es blieb nichts übrig fürs
erste, als nachzuahmen, um dann nachzufühlen.
Ls waren Taten der Erlösung, als eine Gruppe
von Männern, die man in München wahrlich nicht
mehr mit Namen zu nennen braucht, sich daran

men kann, im exklusiven Damenkreis mitzuleben,
sondern auch dort ausgewachsen zu sein. Die Heimat
der Perlarbeit ist Gstasien, sie kommt nach Europa
mit dem Porzellan und wird mit ihm bodenständig.
Starke und stileigene Kunstsormen von größter
Liebenswürdigkeit hat bekanntlich die goldene Zeit
des Biedermeierstils geschaffen.

machte, jene Schätze zu heben und dem deutschen
Volke wiederzugeben, das freudig nach ihnen griff.
Vor allem begriff unser Kunsthandwerk sofort den
Gewinn, der ihm da geworden war, es blühte in
unglaublich kurzer Zeit auf allen seinen Gebieten
auf, fand die alten Techniken wieder und wett-
eiferte mit den Meistern der Vergangenheit in
schöner und gediegener Arbeit. Gewiß war das
kein Neuschaffen, aber ein rüstiges und verständiges
Nachschaffen legte den Grund zu dem Können und
organischen Verstehen, aus dem später dann ein
neuer Stil erwachsen konnte.

Zu den Männern, die an der Wiedereroberung des
alten Formenschatzes in erster Linie beteiligt waren,
gehörte Georg Birth. Mit dem jugendlichen Feuer-
eifer, den er auch noch im höchsten Alter betätigte,
galt's einer Sache, die ihm des Kampfes wert
schien, trat er in die Reihe jener begeisterten Strei-
ter, zumal als die Münchener Kunstgewerbeaus-
stellung s876 in jeder Hinsicht durch ihren Erfolg
die Berechtigung, ja die Notwendigkeit jener Um-
wälzung des Stilbegriffes erwiesen hatte. Er
sammelte selbst, was an guten Altertümern zu
haben war, richtete sein eigenes Heim zu einem
Musterbild des guten Geschmackes ein, arbeitete
aber vor allem für die Sache als Schriftsteller und
Verleger. Schon Z877 erschien sein Werk „Das
deutsche Zimmer der Renaissance", das die neuen
Ideen in weite Kreise trug, ein Jahr später begann
er mit der Veröffentlichung seines „Formen-
schatzes", eines Lieserungswerkes, das Künstlern,
Kunsthandwerkern und Freunden des Schönen
überhaupt eine wahrhaft unerschöpfliche Fund-
grube der Belehrung und des Vergnügens wurde.
Heute bringt eine unabsehbare Anzahl von deutschen
Zeitschriften Mitteilungen über die Schöpfungen
des Kunsthandwerks und der Raumkunst — da-
mals gab es in Deutschland nichts Ähnliches wie
den „Formenschatz" Hirths, und alle Handwerks-
künstler wußten ihn zu nutzen. Mit Jubel wurde
jedes Heft auch von denen begrüßt, die das ge-

206
loading ...