Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 66.1915-1916

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Leo von Rlenze, Entwurf zu einem Geländer in Eisenguß an der Ludwigsbrücke in München

Zur ersten Sonöerausstellung

-es Haperischen irunstgewerbe-vereins, „alte unö neue Eisenarbeiten"

Die erste Sonderausstellung des Bayerischen Kunst-
gewerbe-vereins, die in der richtigen Würdigung
eines zeitgemäßen Bedürfnisses zustande kam, galt
der Vorführung kunstgewerblicher Eisenarbeiten.
Eisen beherrscht jetzt die Welt. Sowohl die Schlachten
des Krieges als auch die wirtschaftlichen Lntschei-
dungskämxfe nach dem Kriege werden in Eisen
geschlagen. Lisen heißt die Losung in unserer In-
dustrie wie im metallenen Kunstgewerbe unserer
Tage. Führt doch schon der Mangel an anderen
durch den Krieg beschlagnahmten Metallen Kunst
und Kunstgewerbe wieder zum Lisen.

Ls tritt auch bei der Friedensarbeit so allmählich
an die Stelle jener Materialien, ohne welche eine
hochwertige künstlerische oder kunstgewerbliche
Leistung nicht möglich schien, an Stelle von Kupfer,
Messing und Bronze.

„Die Lisenausstellung des Bayerischen Kunstge-
werbe-vereins hat, wie der Vorsitzende Prof.
L. ksönig in seiner Eröffnungsrede ausführte, den
Nachweis erbracht, daß das künstlerische Wollen, die
künstlerische Gestaltung keinerlei Einbuße durch den
Verzicht auf die vorgenannten Materialien zu er-
leiden hat. Dem Bronzeguß steht vollwertig gegen-
über der Eisenguß, wer daran zweifelt, braucht nur
die Büste des Herzogs Lugen von Leuchtenberg aus
dem Hüttenwerk Obereichstätt zu betrachten, um zu-
Zugeben, daß dieser Eisenguß mit seiner kaum merk-
lichen Rostpatina keinem Bronzeguß nachsteht. Ge-
rade diese Büste liefert zugleich den vollinhaltlichen
beweis dafür, daß Gußeisen, richtig behandelt, eine
öroße Widerstandskraft gegen atmosphärische Ein-
flüsse besitzt, da speziell diese Büste 85 Jahre unter
Zum denkbar ungünstigsten Verhältnissen in einer
Atmosphäre von Rauch und Ruß zugebracht hat,
ohne von dem gefürchteten Rostprozeß weiter er-

griffen zu werden, als seiner äußeren Erscheinung
von Vorteil gereicht, von der unverwüstlichen
Dauer des Gußeisens legen nicht minder die ver-
schiedenen Ofenplatten Zeugnis ab, welche teil-
weise bis ins zs. Jahrhundert zurückreichen,
wer aber glauben sollte, daß große lapidare Wir-
kungen dem Eisenguß eigentümlich sein müßten,
dem konnte ein Blick auf die zierlichen Schmuckstücke
der ,,tonte 6e 8erlin"-periode vom ersten viertel
des vorigen Zahrhunderts zeigen, wie sehr er im
Irrtum war. Schmuckstücke von kaum zu über-
treffender, nicht für möglich gehaltener Eisenfili-
grantechnik beweisen, daß die Bearbeitungsmög-
keiten dieses alltäglichsten Materiales von keinem
sog. Edel- und ksalbedelmetall überboten werden.
Ia man fühlt sich sogar versucht zu glauben, daß
die gleiche Formengebung beim Eisen rassiger zum
Ausdruck käme wie bei den anderen Metallen.
Unsere Frauen und Mädchen brauchen darum
keinerlei Sorge zu tragen, daß eine Entäußerung
von Gegenständen der Gold- und Silberschmiede-
kunst zugunsten vaterländischer Zwecke ihnen die
Möglichkeit sich zu schmücken überhaupt benimmt.
Schöner und ernster, der jetzigen Zeit entschieden
würdiger wird der Lisenschmuck sein gleichwie vor
foo Iahren, wo Fürstinnen diese Zierde ihrer würdig
befanden. Daß der Eisenguß diese Wertschätzung
vollauf verdient, beweist der Umstand, daß die
größten Künstler, Bildhauer und Architekten sich
seiner mit Erfolg bedient haben; denn das Kunst-
werk als solches ist unabhängig vom Materialwert.
Die Menge zierlicher Lisenplastiken aus dem An-
fänge des vorigen Iahrhunderts hat zudem den
Vorzug gegenüber ähnlichen Zierraten aus Bronze
oder anderen Materialien sehr billig zu sein, so
daß ihr Eingang in weitere volkskreise ermöglicht

Aunst und Handwerk. 66. Iahrg. Heft \0/\2.

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