Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 67.1916-1917

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auch hier die Rückkehr zur Arbeit der Hand Vorbe-
halten; heute gehört das radierte oder im Holz-
schnitt ausgeführte Buchzeichen entschieden zu
den feinsten und besten Leistungen moderner

Graphik, die uns zeigen, was auf diesem —- an
sich so eng umgrenzten Gebiet — durch die Hand
eines gedanken- und formreichen Künstlers ge-
schaffen werden kann.

Hubert wilm

von Richarü öraungart

Hausenstein sagt einmal, Kunst sei denaturierte
Natur. Lr meint das selbstverständlich ganz all-
gemein, nicht etwa nur für die dekorative Kunst
allein. Und er hat damit so wenig oder so viel
recht, als man eben mit solchen formelhaften
Definitionen recht zu haben pflegt. In der Regel
wird der Hörer oder Leser finden, daß etwas
wahres daran fei; aber er wird auch der Über-
zeugung fein, daß die Wahrheit selbst nur vom
Schaffenden oder vielmehr von seinem Werk
kommen könne. Alles, was in sich vollendet ist, lebt
nach eigenen Gesetzen. Und so ist es auch ganz gut
möglich, daß die Lehre von der denaturierten Natur
so oft Wahrheit wird, als die Voraussetzungen
dafür gegeben sind. In einem bestimmten Falle
(und auch in einem bestimmten Sinne) ist sie es
übrigens schon immer gewesen: bei der dekorativen,
genauer: angewandten Kunst. Hier war der Grad
der Umbildung der Naturformen in Kunstformen
stets auch der Gradmesser für den künstlerischen
wert des Erreichten. Und man kann sogar, mit
Vorbehalt allerdings, sagen, daß der beste dekorative
beziehungsweise „angewandte" Künstler der sei,
der die längste Strecke von der Naturstudie bis zum
fertigen Gebilde zurückgelegt habe und unter dessen
Händen auf diesem weg die Umformung am
weitesten gediehen sei.

Der Münchener Graphiker und Maler Hubert
wilm ist vielleicht ein Beweis — einer von vielen —
für die relative Richtigkeit dieses fast paradox
klingenden Satzes; denn gerade an ihm erweist
es sich mit augenscheinlichster Klarheit, wie der
künstlerische wert einer Arbeit mit ihrer Entfernung
von der Natur zunehmen kann. Jedenfalls ge-
hören die Kompositionen wilms, deren Stili-
sierung am weitesten getrieben ist, fast ohne Aus-

nahme auch zu seinen besten. Dem Kenner dieser
Dinge verrät man freilich damit nichts Neues;
denn das vielfach Zutreffende dieser Formel läßt
sich ja durch zahlreiche Beispiele aus Gegenwart
und Vergangenheit mühelos belegen. Doch gibt
es wohl nur wenige, die auch dem Laien so ein-
leuchtend sein dürften wie der „Fall wilm", der
im Grunde nichts anderes als der Fall der dekora-
tiven Kunst überhaupt ist.

wilms Leben und Entwicklung hat sich bis jetzt
in ziemlich einfachen Kurven bewegt. Er besuchte
von (905 bis (908 die Münchener Kunstgewerbe-
schule, wo er Schüler von Th. Spieß, M. Dasio
und I. Diez gewesen ist. Seine ersten Arbeiten —
Gebrauchsgraphisches, der Zyklus „Parkmärchen"
u. a. m. — sind nach Schwarzweißzeichnungen
reproduziert, denen eine leichte, geschmackvolle
Kolorierung erhöhten Reiz gibt. Das Bemerkens-
werteste an diesen Blättern aber ist, daß sich selbst
in den frühesten von ihnen schon ein starkes Talent
zur Stilkunst und besonders zur formelhaft knappen
Fassung eines Einfalles oder Gedankens verrät.
Und vielleicht ist nichts bezeichnender für den Um-
fang und die Intensität dieser Begabung, als daß
sie nach solchen Anfängen, die bereits etwas Fertiges,
in sich Abgerundetes gewesen sind, doch noch in
stetem vorwärtsschreiten sich entwickelt hat, wobei
wieder die Logik dieser Entwicklung überraschen
muß, die, trotz der Empfänglichkeit wilms für
äußere Eindrücke, nichts Sprunghaftes, sondern
etwas beruhigend Solides hat.

Feder, Blei und Pinsel genügten ihm freilich bald
nicht mehr. Und so begann er (908 als Autodidakt
mit dem Radieren, das heute kaum irgendein Künstler
ganz unversucht läßt. Lr schuf in der Folge in der
Atz- und Kaltnadeltechnik, deren Geheimnisse und fast

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