Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 67.1916-1917

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Die Ausstellung öes Saperifchen Kunstgewerbevereins

im Glaspalast 1917

wenn man der Kunstausstellung 191.7 im Münchner
Glaspalast das Lob nicht vorenthalten darf, daß
sie nach Gesamteindruck und in den Linzelleistungen
eine der bestgeratenen seit vielen Jahren ist, so
hat an diesem guten Ergebnis das Kunstgewerbe
seinen wohlbemessenen Anteil. Die internatio-
nalen Gäste, die Heuer im Glaspalast „fällig" ge-
wesen wären, mußten natürlich wegbleiben, man
dachte daher an „Ersatz" und bat das Kunstgewerbe
zu Gast. Das war ein vorzüglicher Griff; er sollte
den Herrschern im Glaspalast in Erinnerung
bleiben und sie veranlassen, diese kunstgewerbliche
Abteilung zu einer ständigen Einrichtung zu machen.
Das hätte u. a. den Vorteil für den Kunsthandwerker,
daß er einzelne Stücke schon im Hinblick aus die
Ausstellung ersinnen und aussormen könnte, wie
es die Maler und die Bildhauer tun. Diesmal
war das nicht möglich, die endgültige Beteiligung
des Kunstgewerbes an der Ausstellung wurde erst
in letzter Stunde bekannt, und so konnten sogenannte
„Ausstellungsstücke" nicht mehr geschaffen werden.
Das bayensche Kunstgewerbe zeigt sich also nicht
im prunkvollen Sonntagsgewand, sondern im
schlichten Alltagskleid. Das hat nun aber auch wieder
einen Reiz, denn es gibt eine klare und zuver-
lässige Vorstellung vom wahren Wesen und von
dem sicheren Können der bayerischen Kunsthand-
werker und ihrer Arbeit, auch wenn sie nicht zu
„Höchstleistungen" angespannt ist.

Fünf gute Räume im Westflügel des Glaspalastes,
die Säle 52 bis 56, sind für den Kunstgewerbe-
verein bereitgestellt worden. Eine glückliche Über-
leitung von den Werken der freien Kunst zu diesen
Gemächern mit Erzeugnissen der angewandten
Kunst bildet der Saal der Buchgraphik, in dem der
„Münchner Bund" als Schutzherr waltet, Hier
sieht man köstlich gebundene, in Ausmachung und
Ausstattung, nach Vorsatzpapieren, Typen, Druck-
anordnung und Illustrationen vorbildliche Bücher,
die von den Künstlern Otto Hupp, T. T. Heine,
Ehmke, Emil Preetorius, p)aul Renner, Bruno
Goldschmitt, Paul Neu, w. v. May, Gulbransson
Taschner f, wölsfle, Unold und Kubin geschaffen

sind — also durchwegs von in München tätigen
und zu München gehörigen Künstlern. Das heißt,
daß eine behagliche, positive und optimistische
Note das Gesamtbild der hier versammelten an-
gewandten Graphik beherrscht, wenn auch im ein-
zelnen dunklere Farben einfließen und besonders
Heine und Kubin zuweilen einen stark exzentrischen
Einschlag geben.

Der Eindruck des ausgesprochenen künstlerischen
Münchnertums erfuhr in den Sälen des Kunst-
gewerbevereins noch eine Steigerung' und Ausdeh-
nung auf eine Vielheit von Gegenständen, die dazu
dienen, das Leben schön, behaglich und sympathisch
erscheinen zu lassen. Die Auswahl, die man aus
den vorhandenen Werken des Münchner Kunst-
gewerbes getroffen, ist gut und betont glücklich
das Lharakteristische; das, was nur die Münch-
ner und niemand anders zu machen weiß, ist be-
greiflicherweise hervorgehoben worden. Die Auf-
stellung der Arbeiten war im großen und ganzen
recht wirkungsvoll. Schade nur, daß die Ausstel-
lungsschreine nicht immer ganz zueinander und
zu den Ausmaßen der einzelnen Räume stimmen;
aber dafür ist eben die Kürze der Zeit, welche die
Ausstellungserösfnung von dem Beschluß der Be-
teiligung trennte, verantwortlich zu machen.

Man ließ es nicht fehlen, bildlichen Schmuck über
die wände zu verteilen; allerdings ist durch die
Wahl der Bilder und die Art, wie sie gehängt wur-
den, betont, daß ,man sich nicht in einem Bildersaal
der Ausstellung befindet, sondern in der kunstge-
werblichen Abteilung. Das dekorative Element
wurde unterstrichen, so bei den an flämische Vor-
bilder anknüpsenden Malereien von Ecke, bei den
frei und groß gestalteten, ganz aus dem Geist
unserer Zeit herausgewachsenen Stilleben von
Hermann Haas und bei den wirksamen Farben-
holzschnitten, die Helene Frauendorfer zur Ur-
heberin haben.

Den Hauptraum beanspruchen Werke der Gold-
und Silberschmiedekunst, Keramik und kleine Holz-
arbeiten. Mächtig und prunkvoll, aber in keinem
Zuge großartig oder überladen, stehen da die

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