Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 69.1918-1919

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Körper allein angewiesen, so bot sich ihm
in dem ehrenvollen Auftrag, den hochragenden
Perlachturm, das ragende Stadtzeichen, in seiner
alten bunten Farbenpracht erstehen zu lassen, die
lang ersehnte Möglichkeit, Architektur, Grnament
und menschliche Figur zu einer einheitlichen selb-
ständigen Komposition zusammenklingen zu lassen.
Die rechteckigen Flächen der einzelnen Geschosse
der einfachen Putzarchitektur gaben das natürliche
Gehäuse für die eingespannten Bilder. Nach einem
Wunsch des Stifters wurde im untersten Feld gegen
den Marktplatz zu ein Gedächtnismal für den edlen
Verleiher des Stadtrechts, den altrömischen Kaiser
Trajan, verewigt. Der Imperator auf einem
sehnigen Schimmel reitet vor einer weiten Pallen-
architektur in die Stadt ein, begrüßt von Militär
und Zivil, der Stadtgöttin und der Göttin der
Fruchtbarkeit, die mit ihren reichen Gaben ein
jahrtausendelanges Blühen des neuen Gemein-
wesens verheißt (S. 45, $8). Sinnige Beziehungen
zu den römischen Feldzeichen bilden den ornamen-
talen Schmuck der rahmenden Pilasterfüllungen.
Anmutig bewegt und doch in seiner Denkmals-
bedeutung statuarisch fest gefügt, bildet es den
prunkvolleren Gegensatz zu den höher gelegenen
und deshalb, weil auf weitere Sicht berechneten,

schlichteren astronomischen Tafeln, die nach den
vier Pimmelsrichtungen verschiedene Planeten zei-
gen, von denen wir die nördliche mit dem Mars
als Beispiel für diese kraftvolle, dekorativ groß-
zügige und klug verteilende Art bringen (S. 47).
Darüber liegt dann auf einem fast nur aufs
Zeichnerische beschränkten Wappen und Monats-
zeichen enthaltenden Kompartiment (S. 50)
das klare, deutliche Zifferblatt. Der wohlbewußte
Übergang von malerischer zu zeichnerischer Form-
sprache zeugt für die künstlerische Ökonomie ihres
Meisters.

Diese gut gelungene Arbeit hat dann Brandes den
Weg geöffnet für sein bisher größtes und bedeu-
tendstes Werk. Als im Jahre das alte Weber-
zunfthaus .in Augsburg, das sich an dem bedeutend-
sten Knotenpunkt der Stadt erhebt, dort, wo die
Straße vom Bahnhof mit der großen Pauptver-
kehrsader zusammentrifft, durch einen dem alten
ruinösen Bau möglichst angeglichenen Neubau er-
setzt wurde, erhielt Brandes auch den Auftrag, die
alten Fresken, die nur in küminerlichen Resten
und durch literarische Nachrichten auf uns gekom-
men waren, wieder aufleben zu lassen. In: Jahre
t60? hatte sie Mathias Kager, der berühmte Maler
und Architekt, in dem raumillusionistischen, aber

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