Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 72.1922

Page: 61
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kuh1922/0074
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Die erste deutsche Kunstgewerbeausstellung seit dem
Kriege in Amerika ist in Newark bei Newyork eröffnet worden
und soll später in verschiedenen Städten der Vereinigten Staaten
gezeigt werden, um weiten Kreisen die Leistungen Deutschlands
auf diesem Gebiet vorzuführen. Wie der Newyorker Berichter-
statter des „Cicerone" mitteilt, ist der Leiter der Ausstellung,
die auf Veranlassung von A. Wiener, Mitglied des Deutschen
Werkbundes, von diesem zusammengestellt wurde, der Direktor
des Newarker Museums J. C.Dang, der sich durch seine taktvolle
Politik und sein unermüdliches Interesse ein großes Verdienst
um das Zustandekommen erworben hat. Die Ausstellung ist
namentlich auf dem Gebiete des Buches vorzüglich,- auch die
Keramik ist recht gut vertreten, und auf anderen Gebieten wie
Metallen, Textilwaren, Glas usw. findet sich viel Gediegenes.—
Die Rheinisch»Westfäl. Ztg. errährt dazu: Die Ausstellung
deutschen Kunstgewerbes im Newarker Museum trägt bereits
ihre Früchte. So hat eine jüngst im Anschluß an diese Ausstellung
veranstaltete Versammlung von Interessenten beschlossen, auf die
Gründung eines Kunstgewerbemuseums hinzuarbeiten und in
Verbindung damit auf die einer Vereinigung aller am Kunstge-
werbe Beteiligten, also der Künstler, Fabrikanten, Händler usw.
mit anderen Worten eines Amerikanischen Werkbundes nach
dem Muster des Deutschen Werkbundes. Kommt es während der
nächsten Saison zu dieser Gründung, so ist es auch möglich, daß
der Aufforderung des Deutschen Werkbundes anläßlich der Ne»
warker Ausstellung zur Zusammenarbeit Folge geleistet wird, was
einen großen moralischen Sieg deutscher Arbeit und Organisa-
tion darstellen würde, gleichgültig, ob das nun in Amerika gleich
öffentlich anerkannt werden würde oder nicht. Und ein solcher
Sieg würde sicher nicht ohne wertvolle Folgen bleiben, wenn er
mit Takt und Klugkeit weiter verfolgt würde.

Die kunstgewerbliche Exportausstellung der Übersees
Woche. Dieses Unternehmen, das Prof. Stettiner in Hamburg
leitet, scheint uns von großer Bedeutung zu sein. Wir lassen daher
einige Stimmen darüberzu Wort kommen und hoffen, daß sich im»
sere Leser mit dieser sehr wichtigen Sache ebenfalls besdiäftigen wer-
den.....Bewußt oder unbewußt hat der Amerikaner schon seit

langem derdeutschen Industrie, dem deutschen Kunstgewerbe einen
wichtigen Platz in seinem Leben eingeräumt, das beim Durchschnitts«
Amerikaner erfolgreiche Arbeit bedeutet. Und wie er seit einem
Jahrhundert jene deutschen Helden der Arbeit schätzte, die den
Weg übers Weltmeer fanden, so gebraucht er auch heute gern
deutsche Erzeugnisse, sobald sie seinen praktischen Forderungen
entgegenkommen, gleichviel ob sie von den Nachfolgern jener zum
größten Teil zu guten Bürgern Amerikas gewordenen Einwan»
derer, oder von ihren Landsleuten jenseits des Meeres stammen.
Er verkennt durchaus nicht die Schwierigkeiten, die auch ihm und
dem ganzen Wirtschaftsleben seines Landes die Nachkriegswir»
kungen mit ihren Zuzugsschwierigkeiten und Einreisehemmnissen
bringen. Er weiß, daß es heute und in nächster Zukunft keinen
Nachschub geben wird für einen Wilhelm Stiegel, der im Jahre 1757
in Lancaster County eine Glashütte und ein Eisenwerk gründete,
für einen Steinweg, dessen ein halbes Jahrhundert später entstand
dene Newyorker Klavierfabrik gleichen Weltruf hat wie die am
gleichen Ort seit 1899 bestehende Zweigniederlassung der altbes
rühmten Nürnberger Bleistiftfabrik von Faber, um nur einige
deutsche Namen aus der großen Liste derer herauszugreifen, die
deutschem Fleiß und Können Ansehen und kaufmännische Voll»
wertung verschafften. Er weiß auch ferner, daß die Industrie und das
Kunstgewerbe Deutschlands trotz aller Zeitungunst mit eiserner
Energie vorwärtsstrebt und daß die Leistungen beider recht häufig
voll und ganz den Forderungen und Bedürfnissen seines Marktes

entsprechen. Diesen rein praktischen Gründen des Verbrauchs,
also des Handels, der ohne Einfuhr ebenso wenig gedeihlich arbeiten
kann, wie ohne Ausfuhr, kommt die Kunstgewerbliche Export«
Ausstellung der ersten Übersee«Woche Hamburg August 1922
entgegen. Sie geht bei ihren Bestrebungen, den Erzeugnissen der
deutschen Industrie und des deutschen Kunstgewerbes wiederum
vermehrten Zugang nach drüben zu schaffen — vor allem nach
Südamerika, dessen Stimmung in Volks» und Regierungskreisen,
wie auch in der Kaufmannschaft erheblich freundlicher gegen
Deutschland als gegen Nordamerika ist — natürlich von dem Grund«
satz aus, nur hochwertige Güter in bester Auswahl, die im inter»
nationalen Wettbewerb bestehen können, auszustellen. Ihre von
berufenen Fachkennern und Land und Leute kennenden Handels«
Vertretern scharf betonte Zielsetzung heißt: Beweis des Könnens,
der Gediegenheit, der Konkurrenzfähigkeit unserer Handwerks»
und verwandten Künste, denen so rasch und so weitgehend als
möglich neue Abnahmegebiete verschafft werden müssen, weil
ihnen voraussichtlich in absehbarer Zukunft das verarmte Deutsch«
land keine Absatzmöglichkeiten mehr bietet und weil stetig zuneh«
mende Steigerung und Verfeinerung der Produktion gerade auf
diesem so ausdehnungsfähigen Gebiet äußerst wichtige Faktoren
im Wiederaufbau und Ausbau deutschen Wirtschaftslebens sind.
Dem Programm der Gosantveranstaltung: Übersee« Woche Harn«
bürg entsprechend, dessen alljährliche Wiederholung den Rahmen
der Darbietungen immer weiter ausdehnen soll, werden diesmal
verhältnismäßig wenige Tätigkeitsgebiete in der Kunstgewerbe
liehen Exportausstellung vertreten sein. Daß sie aber trotz dieser
klugen und zeitgemäßen Beschränkung eine wohl abgerundete und
in ihren Einzelheiten höchst vielseitige Übersicht bieten wird, mag
daraus erhellen, daß neben Keramik, Korbflechterei, Drechslerei,
drei zu großer Mannigfaltigkeit anspornenden Handwerkskünsten,
auch Bildwirkerei und Tapetenherstellung wie die verschiedensten
Metalltechniken, einzelne Gruppen der Textilindustrie und eine
ganze Reihe anderer dem Kunstgewerbe verwandter oder ihm
beizuordnender Betriebe zu dem Gesamtbild herangezogen werden,
das Auslands» und Inlandsbesuchern eine bequeme und praktische
Gelegenheit zur Steigerung ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit geben
soll. Üie Interessen der Verbraucher, Exporteure, Exportagenten
undder Herstellersollen hiergleichmäßige Berücksichtigung finden.
Ihm ist neben jenen bereits genannten, sowohl für dasKunstgewerbe
ferneren wie für den Ausfuhrhandel sehr stark in Frage kommenden
Erzeugnissen deutscher Handwerkskunst oder seiner zweckdien«
liehen Hilfs« und Ergänzungsmittel auch der Graphik gebührender
Platz einzuräumen. Daß bei ihr alles, was mit einer guten wirksamen
Empfehlung, oder wie man früher sagte, Reklame zusammenhängt,
eine große Rolle spielen wird, ist bei ihrer heutigen Bedeutung,
und ihrer jenseits des Ozeans gewohnten, sehr weitgehenden Aus«
nutzung und Auswirkung ganz selbstverständlich. Dieser Gruppe
von Leistungen und Erzeugnissen der Gebrauchsgraphik wird sich
auch eine ihrer wichtigsten Hilfsindustrien, die Schriftgießerei,
gesellen, deren Schrift« und Zeichenarten bereits früher gern in
überseeischen Druckereien und Kunstanstalten Verwendung fan«
den. Die auf all diesen Gebieten, wie auch auf anderen gemachten
großen Fortschritte der letzten Jahre den Lateinamerikanern vorzu«
führen, dürfte eine des Erfolgs sichere Aufgabe der ersten Übersee«
Wochesein. Ihrreiht sich als ebenso wohl vorbereitetes und auf den
Geschmack und die Forderungen des Auslands eingestelltes
weiteres Ausstellungsgebiet auch die Mode ein, wenn man diesen
Ausdruck als Zusammenfassung für all die vielen, vielen Zweige,
Haupt« und Unterabteilungen der Bekleidungsindustrie und ihrer
zahllosen Hilfs« und Ergänzungsgruppen, wie, um nur ein Bei»
spiel zu nennen, derHand« und Maschinenspitzen, anwenden will.

61
loading ...