Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 72.1922

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Die Neue Hamburger Zeitung schreibt über den Erfolg: „Die Aus-
Stellung, eine sorgsam gesiebte Schau von Mustern, ist nur ein
bescheidener Anfang in dem Versuche, die gesamte hierfür ge»
eignete kunstgewerbliche Herstellung im Hamburger Handel zu
verankern und damit dem Exporteur die stetige Übersicht zu bie-
ten, die Ausnutzung der Möglichkeiten zu erleichtern." Mit diesen
schlichtesten Worten hat Prof. Stettiner völlig klar die Ausmaße
und Grenzen, Stärken und Schwächen des Unternehmens umrissen.
Denn sie lauten, in eine etwas breitere Dialektik übertragen, etwa
so: Die Ausstellung umfängt eine Masse von Produkten, die aus
wirtschaftlichen Nöten mehr oder minder bedingt sind, sowohl was
das Material anbelangt, als auch die handwerkliche Qualität: es
ist nicht edelstes Material und nicht edelster Fleiß und bestes
Können angewandt, alles nolwendigerweise miteinander, vonein«
ander abhängig und ineinander verwirkt von wirtschaftlich-politi-
sehen Einschränkungen. Das Kunstgewerbe, das Kunstwert
besitzt, war nicht unter den ausgestellten Arbeiten zu finden,- es
wäre auch für solche Tendenz ungeeignet, weil es einen Verstoß
gegen das nationale Empfinden in ethischer und ästhetischer Hin»
sieht bedeuten würde, weil es erbärmlich wäre, Kunstwerte nach
auswärts zu verhandeln, jedenfalls in dieser Form. Auch das Kunst-
gewerbe, das nur einen profanen Gewerbewert, zur Veredelung
des Zwecklichen an sich hat, war nicht zu finden Es wäre ja auch
ebenfalls ungeeignet, weil diese Dinge heutigentags industriell
weit besser hergestellt werden und unter'diesem Gesichtspunkt
schon im internationalen Handel umlaufen. Was man sah, waren
eigentlich nur Zwitterdinge zwischen Maschine und Handwerk,
nicht recht zwecklich, nicht recht künstlerisch, halb gleißnerisch, halb
bescheiden anmutend: Dinge, mit denen man nicht recht was an»
zufangen weiß,- behandelte man sie als profanes Zweckgeschirr,
wär's lächerlich, stellte man sie als Kunst auf die Kommode, wär's
ebenso lächerlich. Dieses ist also das zur Hebung der Handels-
bilanz ausersehene „geeignete" Kunstgewerbe! Ich will mir
weiteren Kommentar ersparen und für diesen Punkt nur hinzu-
fügen, daß hier aus der Not eine Tugend und aus der Tugend
eine Not gemacht ist,- und wiederhole warnend: Möge die Güte
der kunstgewerblichen Produkte immer stärker die Tüchtigkeit der
Exporteure überwiegen: möge der Handel nicht dem Quantitäts-,
sondern dem Qualitätsbedürfnis dienen,- möge trotz aller wirt-
schaftlichen Not nicht die Massenherstellung den Sieg über die
Güte der Produkte erringen, sondern möge es umgekehrt sein!
Möge man sich zudem errinnern: Daß mit dem Grade, mit
dem sich der Handel erweitert, sich stets die Abhän-
gigkeit vom Auslande verstärkt! Frageman sich von die-
sem Symptom aus auf's Gewissen: Wird das Kunstgewerbe besser
als eine nationale oder als eine internationale Angelegenheit ge-
deihen? Frage man sich fernerhin: Ist nicht das künstlerische Ge-
werbe ein Faktor der eigensten Individualität einer Nation? Ist
es nicht eine Pflicht, diese Individualität ganz nur in eigensten
Grenzen zu hegen und zu pflegen, gewissermaßen als heiliges
Gut? Ist nicht das künstlerisch veredelte Zweckgeschirr, denn das
ist Kunstgewerbe, zur Erhöhung des Glücks in Zweck und Alltag,
ein Anlaß zur Entfaltung bester Volkskräfte? Diese Fragen sind
wesentlich: Denn nichts ist verantworlicher, und in keiner Hinsicht
ist im Lauf der Jahrhunderte verantwortungsloser gehandelt, als
in der ungenügenden Berechnung der Zusammenhänge von An-
stoß und Folge, Ursache und Wirkung. Beginnt man mit bestem
Willen eine mangelhafte Ursache, entwickelt sich daraus unfehlbar
eine böse Wirkung, die in der kausalen Fortsetzung zu einem
schwer tilgbaren Übel sich verknöchert. Der Anstoß zu allem,
was heute als offensichtliche Dekadenz dasteht, geschah zumeist
mit bestem Willen und schönster Absicht. Dies alles nur, um auf

die Gefahren, die der Angelegenheit der kunstgewerblichen Export;
ausstellung innewohnen, von vornherein deutlicher hinzuweisen.—
In Summa bliebe nur übrig, den Organisatoren der Ausstellung,
insbesondere den Herren Prof. Dr. Stettiner, Prof. O. Czeschka
sowie deren wissenschaftlichen Hilfsarbeiter E. Meier-Oberist,
und ihren praktischen Mitarbeitern und Beiräten Architekt Nebet
und Wilhelm Schulze unsere Hochachtung und Bewunderung für
hre Tatkraft und ihr Können auszusprechen,- denn mehr denn jede
Ausstellung verdient diese das Lob, mit einfachsten Mitteln
hochkünstlerisch zu wirken! Möchten die hiesigen Kaufhaus- und
Ladeninhaber von der Aufmachung dieser Stände und Tische viel
gelernt und abgesehen haben! — Wert zu registrieren ist noch, daß
man in der Anhäufung und Fülle dieser Schau zum erstenmal
offensichtlich wahrnahm, daß wir im Kunstgewerbe heute einen
einheitlichen Stil besitzen. Von den Metallarbeiten (Messing,
Kupfer, Silber) an, über Schmuck — Emailarbeiten — Beleuch-
tungskörper und damit Zusammenhängendes (Lampenschirme)

— Töpferarbeiten — Leder — Buchbinderarbeiten, Kartonnagen,
Möbel, Innendekoration — Tapeten — Drechslerarbeiten ■—
Korbflechtarbeiten (Korbmöbel.) - Mode, Materialien für Mode
(z. B. Hand- und Maschinenspitzen, Stoffe, besonders bedruckte
Stoffe), Pelzkonfektion — Stickereien, Bildwirkereien, sonstige
künstlerische Textilien — Erzeugnisse der Schriftgießereien —
hin bis zur Abteilung Das schöne Buch — Gebrauchsgraphik usw.

— die ganze reiche Schau verbindet ein Stil, der aus dem Expres-
sionismus abgeleitet ist. Das ist denn auch ganz erklärlich. Der
Expressionismus an sich ist eine Manier, — Manier führt zum
Ornament, das Ornament aber ist das Ausdrucksmittel des Kunst»
gewerbes. Also was in der freien Kunst nur einem großen Könner
erlaubt ist, das ist im Kunstgewerbe selbst für den geringsten Not-
wendigkeit. Verdienstlich ist der Expressionismus nur für das
Kunstgewerbe geworden. Das ist vielleicht der beste Beweis für
seine Schwächen."

Der russische Kunstausverkaufsplan. Die Frankfurter
Nachrichten schreiben: Die Sowjet-Regierung arbeitet, wiePraw-
da meldet, einen Plan aus, den Kunstbesitz Rußlands im Auslande
zu veräußern. Wenn die bolschewistische Regierung die Absicht
hat, den Kunstmarkt der „kapitalistischen Länder" vollkommen
zu zerrütten, so kann sie kein geeigneteres Mittel dafür finden als
dieses. Seit Jahr und Tag ist in allen Kunstländern Europas und
ebenso drüben in Amerika eine beträchtliche Stockung im Kunst-
handel zu verzeichnen. Die an den Fingern einer Hand herzu-
zählenden Käufer der größten Werte: Rembrandts, der großen
Franzosen, der kostbarsten Antiquitäten, halten sich bei der Un-
sicherheit der allgemeinen Wirtschaftslage stark zurück,- die Kunst*
märkte, besonders in England und Deutschland, sind überfüllt
mit guten Sachen, deren Abströmen nach Amerika, nach Holland
und Skandinavien stockt. Der erwartete Run auf die Sachwerte

— als solche gelten ja nach einer nur halbrichtigen Meinung
auch gewisse internationale Kunstmarktwerte — ist hier nirgends
eingetreten, und die Preissteigerung auf dem Kunstmarkte, die
der Geldentwertung in den valutaschwachen Ländern die Wage
halten muß, ist ein weiteres Hindernis für das Geschäft in Kunst
und Antiquitäten. Kommt nun noch ein großes Angebot offizieller
Art aus Rußland hinzu, nachdem aus dem Osten auf heimlichen
Wegen schon so vieles herübergekommen ist, die Rembrandt»
Porträts des Fürsten yussupoff ebenso wie manches kostbare
Stück aus den Kirchenschätzen, dann ist es um den Kunstmarkt
des Westens, wenigstens für gewisse Werte, geschehen. Man
bedenke den ungeheuren Reichtum etwa der Petersburger Ere«
mitage an den großen Meistern des 17. und 18. Jahrhunderts und
die Fülle des Guten, das die Moskauer Adelspalais immer noch

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