Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Hrsg.]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 77.1927

Seite: 28
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Beziehungen über das Gemälde aus und ahnen nichts
davon, daß unterdessen das Bild ununterbrochen Be-
redsamkeitgöttlicher Kunst ausstrahlt, Offenbarungen
von ewiger Bedeutung.

Soll die Kunst richtig gewürdigt werden, so darf
sie nur isoliert, losgelöst von allen anderen Lebensele-

menten,mit denen sie in Beziehung zu stehen scheint,
betrachtet werden. Denn nur das Kunstorgan gibt ein
Recht, endgültig das Urteil zu fällen. Der Philosoph,
der Theologe, der Naturforscher, der Lebemann, der
Soldat, der Diplomat, hat keiner vor dem anderen bei
dem Urteil über Kunstwerke etwas voraus.

DIE PFARRKIRCHE IN WIESSEE

VON

RUPERT VON MILLER

Das Gelände, in das die neue Kirche von Wiessee
am Tegernsee hineingebaut wurde, ist durchaus eigen-
tümlich: Unterbrochen von mannigfachen Hügeln
zieht das sanft ansteigende Gestade eng begrenzt zwi-
schen dem See und den im Hintergrund ragenden
waldigen Bergen dahin. Der Architekt, Rupert von
Miller, wählte sich den augenfälligsten Hügel des Ufers,
der mit plastischer Bestimmtheit das gleitende Gelände
durchbrach. Diese Wahl war künstlerisch entschei-

dend. Durch sie wurde jedes Streben, im Angesicht der
Berge imposant sein zu wollen, von vornherein ausge-
schlossen. Der Baukünstler bekannte sich vielmehr zu
einer maßvollen und durch die genaue Beachtung der
Situation edlen Wirkung. Wer im Boote dem Ufer
naht, wird finden, daß der Umriß des Gebäudes sich
dem bewegten Gelände ausgezeichnet einfügt.

In der dem See zugekehrten Ostansicht der Kirche
wurden die Elemente gehäuft, die dem Gebilde den

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