Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 77.1927

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glückliches Verwachsensein mit der Umgebung, Dinge,
die für die Baukunst unserer Zeit viel mehr bedeuten
dürften als stilistisch morphologische Fragen. Nicht
als wäre es belanglos, welcher Einzelformen das Ge-
bäude sich bedient: ohne die schmalschlanken Fenster-
schlitze, ohne das Scharfkantige aller Formen des Bau-
körpers, ohne die Entschiedenheit und Straffheit der
Schmuckformen, wie z.B.der so wirksamen, schmiede-
eisernen Gitter und Beschläge, wäre der Eindruck ge-
wiß ein anderer. Aber die Details sind nur Mittel und
Steigerungen. Das wahrhaft Entscheidende ist doch
die Gruppierung der Massen, die dem verschiedenen
Standpunkt des Anschauenden und dem naturgege-
benen Raumgebilde, in welches der Bau einzufügen
war, gerecht wird.

Das einschiffige Langhaus, im Inneren einheitlich
von hölzerner Spitztonne überdeckt, ist architektonisch
sehr schlicht. Man tut gut, sich an die räumliche Rhyth-
mik im ganzen zu halten. Diese ist vortrefflich. Die
Westpartie betont die Querrichtung: Portale auf der
West- und Südseite, eingebaute Orgelempore auf
schlanken Marmorsäulen, davor ein Streifen freien
Raumes, der durch Mosaike im Fußboden als querge-
lagert gekennzeichnet ist. Die Längsrichtung entwickelt
sich anschließend, zunächst mit Hilfe des Gewändes:
zwischen den schmalen, hohen Fenstern Konsolen, de-
nen vorläufig die Statuen noch fehlen. Größter Nach-
druck aber liegt wieder — und vielleicht nichts verrät
mehr die künstlerische Einsicht — auf der Behandlung
des Paviments. Die Rhythmen des farbigen Belages sind
für die Stellung der Bänke verbindlich; im freien Mit-
telgang folgen sich die punktierenden Intervalle der
Mosaike. Das ist eine einfache und absolut wirkungs-
sichere Art und Weise, den Einheitsraum zu gliedern
und von innen heraus zu gestalten. — Die Mosaike
selbst übrigens geben ihre symbolischen Inhalte mit
einer der Technik entsprechenden klaren, abstrakten
Formung in kräftigen Farben. Sie wurden von Pütz
und S. v.Weech geschaffen. Ihr Verdienst ist, daß sie
der architektonischen Absicht dienen, ohne sich selbst
zu verlieren. — Im Osten des Raumes endlich liegen
die beiden Hauptakzente des Ganzen, die Kanzel und
der Chor. Für die erstere ist in baukünstlerischer Hin-
sicht die Stelle entscheidend, die ihr am Gewände be-
reitet wurde. Der außen angeschobene Turm, der die
Fenster unterdrückt, schafft die breite Wandfläche, an
der sie mit ihrem monumentalen Zugang haftet, aus-
gezeichnet gleich sehr durch die warme Farbe des
braunen Marmors und den Metallglanz des Schall-
deckels, wie durch die abstrakte Folgerichtigkeit ihres
Aurbaus. Für den Chor, der nach dem religiösen Zweck
das Haupt und die Vollendung des Ganzen ist, wurde

der größte Reichtum spezifisch architektonischer Mittel
aufgespart. Durch den wuchtig einschneidenden Tri-
umphbogen vom Schiff abgeschnürt, ist er ganz mit
Spannung gefüllt. Das einheitliche Südostlicht fängt
sich in den scharfen Graten und Kehlen der Netzdecke
und zwar so, daß die höchste Helligkeit im Ostschluß,
im eigentlichen Altarraum liegt. Die Gesamtwirkung
ist von einer transzendenten Bildhaftigkeit, die der
sakralen Idee würdig und angemessen erscheint. Einer
der großen Vorzüge, die dem Bauwerk als Ganzem
eignen, ist ja, daß es sich in Unbefangenheit mit dem
religiösen Moment auseinanderzusetzen versteht und
die traditionelle Auffassung so gut wie traditionelle
Formen ohne Ängstlichkeit zu Worte kommen läßt.
Trotzdem, vielleicht auch gerade deshalb, hat der Bau
nichts Epigonisches. Schließlich dürfte ja das Epigo-
nentum weit weniger ein Schicksal, als vielmehr ein
ethischer Defekt der „Nachgeborenen“ sein. Der Un-
terschied zwischen schwächlicher Nachahmung und
krampfhafter Originalität ist jedenfalls nicht so groß,
daß man die beiden gemeinsame Wurzel verkennen
könnte. In unserem Falle ist die schlichte, möglichst
restlos durchdachte Lösung der Aufgabe ganz offen-
sichtlich das einzig Erstrebte. Deshalb konnte der for-
male Zusammenhang, die künstlerische Einheit als ein
Neues und Einmaliges, als positive Leistung glücken.

Der Respekt vor der Aufgabe bestimmt vollends
und rein die plastischen Werke von der Hand Joseph
Killers. Bei der Kanzel wird die zweckliche Form
durch die in wuchtiger Plastizität vorgewölbten Fi-
guren der Evangelisten an der Brüstung bedeutend
hervorgehoben: die von der Mittelachse allseitig aus-
strahlende Wirkung ist praktisch wie ideell dem Sinn
des Gebildes konform. Die Figuren sind streng in die
Flächen hineingebannt, wobei die Neigung, abstrakte
Randlinien und Kurvenzüge zu bilden und so das Or-
ganische ausdruckmäßig wiederzugeben, ebensosehr
dem Wesen der Aufgabe entspringen, als dem per-
sönlichen Stil des Künstlers angehören mag. — Streng
in sich geschlossen, ist jede der Gestalten bis zum
Rande gefüllt mit Bewegung — es entsteht so das
Energiegeladene, die Versinnlichung machtvoll wir-
kender geistiger Potenzen. In der Stimmung durch
die Gebärde und den Ausdruck der Köpfe variiert,
sind diese Evangelisten glaubwürdige Repräsentanten
der religiösen Lehre, des aktiven und des gelassenen
Überzeugtseins, des Zeugnisgebens und der seheri-
schen Spannung. Ganz anders lautete die Aufgabe bei
den Darstellungen an den beiden mittleren Säulen der
Orgeltribüne. War an der Kanzelbrüstung das pla-
stische Volumen, die fast volle Rundung natürlich, so
mußten sich bei den Säulen, sollten diese ihre architek-

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