Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 77.1927

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STAAT!, I CIIE KUNSTGEWE R B E 8 C H U L E
MÜNCHEN - KLASSE F R I TZ SC H M t D T

und der neue Rhythmus nicht nur Tanz und Sport,
sondern Arbeit, Verkehr und alles Leben erfaßt hat,
dann erwächst der Kunst, die dann nur mehr Kunst-
handwerk sein kann, die große Aufgabe, die Normen
zu schaffen, die diesem auf technischer Sparsamkeit
und Zweckmäßigkeit beruhenden, rhythmisierten
Leben entsprechen. Das Kunsthandwerk wird dann
der rassigen Derbheit des Sportes konform werden
müssen und brauchbare Arbeit leisten, statt wie heute
in formalistische Spielereien sich zu verlieren und auf
intellektualistischen Versuchsanstalten lebensfremde,
abstrakte Experimente zu erklügeln. Das Kunsthand-
werk der Massen braucht keine preziöse, es braucht
schlichte, sachliche Form. Es wird die verhängnisvolle
Verwechslung von Qualität und solider Zweckmäßig-
keit aufgeben. Seine Aufgabe wäre ausschließlich sozial
und praktisch und es befriedigte das Lebensbedürfnis

der normierten Massen. Die vom Sport rhythmisierte
Masse bestimmte dann die Form des Kunsthandwerks
und nicht die Künstler, die fern von der Wirklichkeit
an einer abstrakten Formmystik herumspekulieren. Es
mag eine Utopie sein, daß Kunsthandwerk und Sport
ihr gemeinsames Ziel erreichen, der Masse eine Lebens-
form zu geben, aber diese Utopie ermöglicht erst eine
Kritik des heutigen Kunstgewerbes. Das Kunsthand-
werk müßte über die heutige Halbheit hinauskommen
und die Wahl treffen zwischen einem falschen Luxus-
ideal, das ihm als Qualität vorschwebt und zwischen
seiner natürlichen, sozialen Zweckbestimmung. Das
Kunstgewerbe kann nur Kunst im Sinne jener biolo-
gischen Form der primitiven Rassen werden, wenn es
sich von der Bewegung der Masse mit fortreißen läßt
und der im Sport gewonnenen Disziplinierung des
Lebens die äußere Form geben kann. uirich christoflei

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