Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 78.1928

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Holzfpielzeug, aegy ptifch, um 2000 v. Chr.

Eine zweite und nicht unwichtige Frage,
die gerade vom heutigen Kunftgewerbler oft
gänzlich außeracht gelaffen wird, ift die tech-
nifche Ausgestaltung des Kinderfpielzeugs.
Wenn Kinder fpielen, fo zerftören Tie, und
ein Spielzeug, das fich in feine Teile auflöft,
muß fo aufgebaut fein, daß die einzelnen
Teile dem Kinde keinen Schaden zufügen
können. Das alte Spielzeug hat hierauf im-
mer fein Hauptaugenmerk gerichtet. Ent-
weder war es aus einer homogenen Maffe
wie Ton, die eben, wenn feine Zeit gekom-
men war, in Scherben zerfprang und weg-
geräumt wurde, oder es war das noch unge-
fährlichere Holzfpielzeug, von dem fogar
die einzelnen Stücke zum Spielen dienen
können. Hier bewirkt die innige Verbindung
der Einzelteile entweder der Leim oder die
Holzverzapfungen, bei beweglichen Spiel-
fachen oft auch das Zufammenhängen mit
Schnüren, wie Tie die Gliederpuppen aller
Zeiten und Völker zeigen.

Nie aber wäre ein alter Handwerksmeister
auf den irrfinnigen Gedanken gekommen,
fcharfe oder fpitze Eifenteile und fogar Stahl-
drähte hiefür zu benützen. Man ift oft er-
ftaunt, wie weit heute in folchen Dingen —
man kann es nicht anders bezeichnen — die
Gedankenlofigkeit geht.

Welche Mutter könnte fo unvernünftig
fein, ihrem Kinde z. B. einen Hahn, deffen
Wackelkopf auf einer nadelfcharfen Stahl-
fpitze balanziert, in die Hand zu geben. Solch
ein Spielzeug ift lebensgefährlich und es
überläuft jeden kalt, wenn er in den Schau-
käften des Spielzeugladens oder einer Aus-
ftellung diefe fo neckifch ausfehenden Ge-
genftände in die Hand nimmt. Auch manches
der vielen Stofftiere birgt ein wahres Arfenal
von Gefährlichkeiten in feinem Innern, und
im Laufe kürzefter Zeit wird das fpielende
Kind, wenn es im Leibe feines Lieblings nach-
forfcht, ein Gewirr von roftigen und fcharfen
Drähten entdecken.

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