Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 78.1928

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DIE AUSSTELLUNG

»HEIM UND TECHNIK«

VON PROF. W. VON WERSIN, MÜNCHEN

Das Kind »Heim und Technik.« hatte es
fchon bei feiner Geburt nicht leicht. Verftim-
mungen zwifchen feinen Eltern warfen frühe
Schatten auf fein Leben. So wurde manches
verfäumt — die Zeit verrann — und dann eilte
es mit feiner Erziehung. Die Not der Zeit
brachte es mit fich, daß etwas zuviel ans Geld
und ans Sparen gedacht wurde. Aber das
Kind gedieh immerhin, wuchs heran und
wurde trotz allem — Dank, der guten Fami-
lientradition und dem gefunden Erbe — noch
ganz wohlgeraten.

Aber die Kritik, an einer Ausftellung bleibt
nicht aus. Man nimmt die Ausftellungen heute
fehr ernft und wichtig, feit fie im kulturellen
Wettbewerb der Städte die Rolle des Exa-
mens fpielen,von dem die gute oder fchlechte
Note abhängt.

Die Ausftellung »Heim und Technik« muß

- da das Schwergewicht hier weniger als bei
den früheren Ausftellungen im Dekorativen
liegt - zunächft auf den Inhalt hin betrachtet
werden. Sie bringt vor allem eine Ueberficht
über den augenblicklichen Stand unferer
technifchen Hilfsmittel und Einrichtungen im
Haufe. In den Abteilungen Beleuchtung und
Heizung, Wärme- und Kältetechnik, Waffer-
wirtfchaft, Ernährung, Körperpflege etc. ver-
mitteln Tabellen, Figuren, bildliche Darftel-
lungen und Modelle eine Fülle angewandter
Wiffenfchaft. Die Objekte folcher Theorie

- alle die Geräte, Apparate und Vorrich-
tungen im Haufe, vor allem die beften Bei-
fpiele davon — bilden den wefentlichen In-
halt der Hallen. Daran fchließt fich an reprä-

fentativer Stelle in der Halle I eine Woh-
nungsfdiau, eineZufammenftellung verfchie-
denfter Grundrißlöfungen für befchränkten
Raum, von Architekten aus allen deutfchen
Gebieten. Trotz zahlreicher reizvoller Raum-
bilder und einiger fehr durchdachter Anlagen
kommt die Gefamtidee diefer Abteilung mit
Bezug auf »Heim und Technik« zu keiner
rechten Anlchaulichkeit. Mancher hätte auf
diefer Ausftellung doch mehr die Wohn-
mafchine im pofitiven Sinne einer denkbar
vollkommenen Erfüllung aller praktifchen
Bedürfniffe des häuslichen Lebens erwartet.

Die Dinge, die mehr zum Heim als zur
Technik gehören und die man Kunftgewerbe
nennt, find in der Ehrenhalle zu einer gefchlof-
fenen Gruppe vereinigt, eine Abteilung, die
eine angenehme Cäfur in die Gefamtheit
bringt und inhaltlich durchaus erfreulich ift.

Was das Formale der ganzen Ausftellung
anbelangt, ift es intereffant, zu beobachten,
daß ein gleichgerichteter und dem Ganzen
dienender Wille der verfchiedenen Architek-
ten in faft fämtlichen Hallen zum Ausdruck
kommt. Ein Korpsgeift, der ein wertvolles
Erbe vorausgegangener Ausftellungen ift.
Die gleiche Ueberzeugung für die hier an-
gebrachte Hygiene der Form hat die gemein-
fame Sprache gefchaffen. Eine Sprache der
Ehrlichkeit, der Knappheit und Sauberkeit,
die fich nicht vordrängt, fondern entfprechend
fein will. Ein verbindendes Moment ift auch
noch die einheitliche an fich ausgezeichnete
Schrift, die in verfchiedener Farbigkeit fowohl
Gleichmaß wie Leben in die Hallen bringt.

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