Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 80.1930

Page: 79
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kuh1930/0089
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
notwendiger Beftandteil, das Organ felbftändigen Lebens,
der eigentliche göttliche Funke wird und gleichfam dem Gan-
zen die geiftige Krone auffetzt. Abfolute Sachlichkeit ver-
trägt keinen finnlofen Schmuck; das geftorbene, zur Formel
gewordene Ornament wie die feelenlofe Dekorationsfigur
find eine Unmöglichkeit für fie, aber nicht das geiftige Fluidum
der künftlerifchen Note als lebendiger Beftandteil ihrer Ein-
heit. Die Plaftik muß fo unbedingt mit dem Bauwerk ver-
bunden fein, foTeil des Ganzen, daß ihr Fehlen einen Mangel
bedeuten würde. Auch jeder literarifche Einfchlag muß ver-
mieden werden als unvereinbar mit dem rein plaftifch emp-
fundenen Bildwerk, das nicht zur Illuftration herabgewürdigt
werden darf. Der plaftifchen Rundfigur als felbftändiges, aber
unentbehrliches Bauglied gebührt der Vorrang; felbft kubuch,
bereichert und ergänzt fie den ganzen Organismus der ku-
bifchen Bauform, während das übliche Relief geneigt ift, diefe
Form, die klare Fläche der Wand, zu zerreißen; als Relief
kann nur die flächenbetonende Form eine Berechtigung haben,
ähnlich wie fie von den Aegyptern behandelt wurde, fo daß
nicht nur die Wandfläche ihre Einheit bewahrt, fondern auch
das ganze Bauwerk an Kraft und Ausdruck gewinnt. Solche
Plaftik wird dem modernen Bau gewiß kein fremdes Element
fein und auch das handwerklich gut ausgeführte Hauszeichen
nicht, ift doch immer noch das Gebäude felbft größtenteils
handwerkliches Produkt und ein Vergleich mit der zwecklos
ornamental belafteten Nähmalchine unangebracht.

Im Verfolg folcher Gefichtspunkte wird fich die Bauplaftik
bald wieder einen legitimen, nicht nur geduldeten Platz er-
obern und die Not und Armut unferer Zeit wenden helfen,
zur Notwendigkeit werden und kein Luxus mehr fein, für
den man die Mittel glaubt verfagen zu müffen.

Relief »Arbeit« von Bildhauer Htins Weffelmann, München

79 .
loading ...