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Kuhrmann, Dieter
Über das Verhältnis von Vorzeichnung und ausgeführtem Werk bei Albrecht Dürer — Berlin, 1964

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https://doi.org/10.11588/diglit.57083#0023
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-21 -

Einleitung
In später Nachfolge des italienischen Vorbildes kommt es auch in Deutsch-
land seit der Dürer-Generation zu einer "Wiedererwachsung" (2), d.h.
zu einer geistigen und formalen Erneuerung der Kunst. In ihrer Folge
heben sich Ansehen und Selbstbewußtsein der Künstler. Beide, in der
Gestalt Albrecht Dürers am eindrucksvollsten verkörpert, (2a), strahlt
auch auf die Geltung der Handzeichnung aus. Die Zeichnung findet in
steigendem Maße Anerkennung als persönliches Zeugnis des Verferti-
gers und als künstlerische Leistung. Zunächst in den Künstlerkreisen
selbst (3). Dann aber dringt sie im Laufe des 16. Jahrhunderts aus dem
Bereich der Künstlerwerkstatt allmählich hinaus und wird zum Sammel-
objekt der Kunstliebhaber. Dennoch haben wir es wohl nur Dürers außer-
ordentlichem, schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts weit verbreitetem
und nimmer erlöschendemRuhm (4) zu verdanken, wenn Zeichnungen
von seiner Hand in so ungewöhnlicher Fülle auf uns gekommen sind.
Seit mehr als einem Saeculum hat sich die Forschung dieses Schatzes
angenommen, der im Laufe der Zeiten in alle Winde zerstreut worden
war, und ihn zu erfassen getrachtet. 1827 unternahm Joseph Heller (5)
den bewunderungswürdigen Versuch, ein erstes vollständiges Verzeich-
nis der Dürerzeichnungen aufzustellen. 1882 erschien die erste Mono-
graphie über Dürers Zeichnungen, verfaßt von Charles Ephrussi (6).
Ein Jahr später begann Friedrich Lippmann (7) mit der ersten Gesamt-
veröffentlichung der Dürerblätter in Abbildungen, die unter Friedrich
Winkler 1929 zum Abschluß kam. Winkler (8) legte dann in den Jahren
1936-1939 eine weitere umfassende, dem veränderten Stand der For-
schung Rechnung tragende und mit ausführlichem Begleittext versehene
Publikation des Dürer sehen Zeichnungs-Oeuvres vor.
So überblicken wir heute Dürers zeichnerisches Erbe, soweit es auf uns
gekommen oder bis jetzt bekannt geworden ist (9), mühelos, wenn auch
dieser Bestand auf Grund von Kontroversen um die Urheberschaft Dü-
rers an zahlreichen Blättern gewissen Schwankungen ausgesetzt ist.
Dürers Zeichnungen stellen großenteils direkte oder indirekte Vorstu-
dien zu allen Gattungen seines künstlerischen Schaffens dar, also zu
Gemälden, Kupferstichen, Holzschnitten und in sich selbst vollendeten
Zeichnungen. Auch besitzen wir Beispiele für sämtliche nur denkbaren
Vorzeichnungsarten. Die Skala reicht von der flüchtigsten Ideenskizze
über detailliertere Entwürfe, sorgfältig gezeichnete und aquarellierte
Visierungen zu sogenannten Werkzeichnungen, die entweder Kupfersti-
chen und Holzschnitten unmittelbar vorausgehen und schon Strichlagen
für die Ausführung fixieren (10) oder bei den Helldunkelzeichnungen der
Grünen Passion die ausgereiften Entwurfskompositionen zur Übertra-
gung auf das grundierte Papier präparieren und sich zu diesem Zweck
auf die Angabe der Außen- und Binnenkonturen der Bildgegenstände be-
schränken (11). Wir finden Detailstudien, meist eingehend gezeichnet
und hauptsächlich zur Vorbereitung von Gemälden angefertigt, für ein-
zelne Gestalten, Gliedmaßen, Gewanddraperien usw. Eine Gruppe für
sich bilden die Porträtstudien. Hinzu kommen alle Arten von Naturstu-
dien, die oft zweckungebunden entstanden sind und bei Bedarf Verwen-
 
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