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Die Heimsuchung Mariä (B.84)
Wenn der "Heimsuchungs"-Holzschnitt B.84 aus dem Marienleben und
seine Vorzeichnung W. 293 (Wien, Albertina) (22) als erstes Beispiel
auf das Verhältnis zwischen Entwurf und endgültiger Fassung untersucht
werden sollen (23), mag dies seine allgemeine Rechtfertigung aus dem
Umstand erfahren, daß wir in der Mehrzahl der Dürerschen Komposi-
tionsskizzen, die sich zu seinen ausgeführten Werken erhalten haben,
Vorstufen zu druckgraphischen Arbeiten besitzen. Davon abgesehen er-
scheint dieses Vergleichspaar für einen Beginn aber deshalb geeignet,
weil die Entstehungszeit der meisten Holzschnitte des Marienlebens -
rundherum das erste Jahrfünft des neuen Saeculums (24) - in Dürers
Schaffen mit einer Periode künstlerischer Reifung und Klärung gegen-
über der stürmischen Entwicklung in den 90er Jahren zusammenfällt
(25) und weil sich von den vier Kompositionsstudien zum Marienleben
aus dieser Zeit (W. 291-W. 294) (26) in besonderem Maße bei W. 293
skizzenhafte Gesamtanlage mit einer bereits einsetzenden Um- und
Durchformung erster Ideen verbindet, ohne daß ein letztes Vorberei-
tungsstadium erreicht wäre. (27)
In der wohl 1503 (28) entstandenen Wiener Federzeichnung schildert
Dürer den Besuch Marias bei Elisabeth in dem Augenblick, da sich
beide Frauen auf einem kleinen Platz vor dem Hause des Zacharias be-
grüßen. Maria ist von links her gekommen. Kurz vor Erreichung ihres
Reisezieles ist sie ihren drei Begleiterinnen etwas vorausgeeilt und
umarmt nun, im Schritt innehaltend, (29) Elisabeth, die ihr von rechts,
vom Hause aus, auf halbem Wege entgegengelaufen ist. Zacharias er-
wartet indessen auf der Schwelle seines Hauses mit dem Hut in den Hän-
den den Gast, während die dicht beisammen und etwas abseits stehen-
den Begleiterinnen Marias - sie werden vom linken Bildrand teilweise
über schnitten - auf den Fortgang der Dinge harren. Der kleine, nicht
völlig ebene Platz, auf dem sich dies Geschehen abspielt, nimmt den
Vordergrund des Bildraumes ein. Er erstreckt sich quer über die Bild-
breite bis zu dem am rechten Bildrand aufragenden Haus. Seine Tiefe
scheint mit der Breite des Hauses übereinzustimmen und wird hinten
von einem niedrigen Plankenzaun begrenzt, der in der Lücke zwischen
Elisabeth und dem Haus stückweise sichtbar wird. Das Haus steht so
nah am rechten Bildrand und so weit im Vordergrund, daß nur seine
Fassade und diese auch nur bis zum Ansatz des Obergeschosses im
Bildfeld erscheint. Diese Hausfront schiebt sich in jäher Verkürzung
schräg in den Bildraum hinein. Eine vorgelagerte Sockelbank, in der
Mitte von zwei Treppenstufen unterbrochen, die rundbogige Öffnung der
Haustür mit der Hausteinfügung ihrer Wölbung sowie die vorkragende
Kehle zwischen Erdgeschoß und erstem Stock sind die einzigen Gliede-
rungselemente der Fassade. Ein Täfelchen mit dem seitenverkehrten
Monogramm Dürers lehnt ganz vorn, d. h. in der rechten unteren Bild-
ecke, gegen die Sockelbank. Ebenfalls ganz vorn, nur weiter zur Bild-
mitte hin, schnuppert ein Pintscher aus dem Bilde heraus. In der lin-
ken unteren Bildecke zeichnen sich die Umrisse von zwei runden Feld-
steinen ab. Sonst ist der Boden des Platzes leer. Hinter Marias Beglei-
terinnen wächst eine Laubbaumgruppe auf; die links außen stehenden
Die Heimsuchung Mariä (B.84)
Wenn der "Heimsuchungs"-Holzschnitt B.84 aus dem Marienleben und
seine Vorzeichnung W. 293 (Wien, Albertina) (22) als erstes Beispiel
auf das Verhältnis zwischen Entwurf und endgültiger Fassung untersucht
werden sollen (23), mag dies seine allgemeine Rechtfertigung aus dem
Umstand erfahren, daß wir in der Mehrzahl der Dürerschen Komposi-
tionsskizzen, die sich zu seinen ausgeführten Werken erhalten haben,
Vorstufen zu druckgraphischen Arbeiten besitzen. Davon abgesehen er-
scheint dieses Vergleichspaar für einen Beginn aber deshalb geeignet,
weil die Entstehungszeit der meisten Holzschnitte des Marienlebens -
rundherum das erste Jahrfünft des neuen Saeculums (24) - in Dürers
Schaffen mit einer Periode künstlerischer Reifung und Klärung gegen-
über der stürmischen Entwicklung in den 90er Jahren zusammenfällt
(25) und weil sich von den vier Kompositionsstudien zum Marienleben
aus dieser Zeit (W. 291-W. 294) (26) in besonderem Maße bei W. 293
skizzenhafte Gesamtanlage mit einer bereits einsetzenden Um- und
Durchformung erster Ideen verbindet, ohne daß ein letztes Vorberei-
tungsstadium erreicht wäre. (27)
In der wohl 1503 (28) entstandenen Wiener Federzeichnung schildert
Dürer den Besuch Marias bei Elisabeth in dem Augenblick, da sich
beide Frauen auf einem kleinen Platz vor dem Hause des Zacharias be-
grüßen. Maria ist von links her gekommen. Kurz vor Erreichung ihres
Reisezieles ist sie ihren drei Begleiterinnen etwas vorausgeeilt und
umarmt nun, im Schritt innehaltend, (29) Elisabeth, die ihr von rechts,
vom Hause aus, auf halbem Wege entgegengelaufen ist. Zacharias er-
wartet indessen auf der Schwelle seines Hauses mit dem Hut in den Hän-
den den Gast, während die dicht beisammen und etwas abseits stehen-
den Begleiterinnen Marias - sie werden vom linken Bildrand teilweise
über schnitten - auf den Fortgang der Dinge harren. Der kleine, nicht
völlig ebene Platz, auf dem sich dies Geschehen abspielt, nimmt den
Vordergrund des Bildraumes ein. Er erstreckt sich quer über die Bild-
breite bis zu dem am rechten Bildrand aufragenden Haus. Seine Tiefe
scheint mit der Breite des Hauses übereinzustimmen und wird hinten
von einem niedrigen Plankenzaun begrenzt, der in der Lücke zwischen
Elisabeth und dem Haus stückweise sichtbar wird. Das Haus steht so
nah am rechten Bildrand und so weit im Vordergrund, daß nur seine
Fassade und diese auch nur bis zum Ansatz des Obergeschosses im
Bildfeld erscheint. Diese Hausfront schiebt sich in jäher Verkürzung
schräg in den Bildraum hinein. Eine vorgelagerte Sockelbank, in der
Mitte von zwei Treppenstufen unterbrochen, die rundbogige Öffnung der
Haustür mit der Hausteinfügung ihrer Wölbung sowie die vorkragende
Kehle zwischen Erdgeschoß und erstem Stock sind die einzigen Gliede-
rungselemente der Fassade. Ein Täfelchen mit dem seitenverkehrten
Monogramm Dürers lehnt ganz vorn, d. h. in der rechten unteren Bild-
ecke, gegen die Sockelbank. Ebenfalls ganz vorn, nur weiter zur Bild-
mitte hin, schnuppert ein Pintscher aus dem Bilde heraus. In der lin-
ken unteren Bildecke zeichnen sich die Umrisse von zwei runden Feld-
steinen ab. Sonst ist der Boden des Platzes leer. Hinter Marias Beglei-
terinnen wächst eine Laubbaumgruppe auf; die links außen stehenden



