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Die Anbetung der hl, Dreifaltigkeit (Wien, KHM)
Die im Jahre 1511 vollendete "Anbetung der heiligen Dreifaltigkeit",
meist "Allerheiligenbild" genannt (55), gehört durch die Klarheit und
Monumentalität der Gesamtanlage, durch die fast unermeßliche Fülle
an Einzelformen und Formdurchdringungen, an Figuren in mannigfalti-
gen Bewegungsstadien und durch den Glanz der Farben zu den bedeut-
samsten und umfassendsten Äußerungen Dürerscher Kunst. Mit ihr en-
det die uns erhaltene Reihe der von Dürer gemalten Altartafeln. So
kommt einer Untersuchung der Gestaltwerdung gerade bei diesem Bild
besonderes Gewicht zu, auch wenn man die Genese allein an einem ein-
zigen Gesamtentwurf (W. 445, Chantilly, Mus. Condö) und nur an einer
mit Sicherheit zum Gemälde zählenden Detailstudie, der 1511 datierten
großartigen Kohlezeichnung für das Profilbildnis des Stifters (W. 511,
Frankfurt, Städel), verfolgen kann (56) und obwohl der Gesamtentwurf
dem ausgeführten Werk zeitlich um einiges vorausgeht - er entstand
bereits im Jahre 1508 (57).
W. 445 zeigt die geplante Bildkomposition inmitten eines aufwendigen
Rahmens (58), beides gleichermaßen ausführlich mit der Feder gezeich-
net und mit dem Pinsel zartfarbig laviert. Diese "viesirung mit halben
färben" (59) sollte wahrscheinlich dem Auftraggeber die Meinung Dürers
über das Aussehen des gesamten Altaraufsatzes vermitteln und stellt
daher wohl nicht die erste Kompositionsskizze zum Allerheiligenbild
dar (60).
In der Ausführung weichen Bild und Rahmen trotz ungefährer Überein-
stimmung der Gesamtanlage tiefgreifend vom Entwurf ab. Unterschiede
hat man oft erwähnt und dabei dem Rahmen zuweilen größeres Interesse
entgegengebracht als der Tafel (61), eine ausführliche Betrachtung aller
das Bild betreffenden Kompositionsänderungen steht jedoch noch aus.
Und dem Bild gehört bei einer solchen Untersuchung der Vorrang vor
dem Rahmen, ohne diesen gering schätzen zu wollen, schon allein wegen
der Unsicherheit, in welchem Umfang die Abweichungen des geschnitz-
ten Rahmens vom Entwurf auf Dürer selbst zurückgehen (62). Daher
möchte sich der folgende Vergleich auf die Tafel und die in W. 445 (63)
faßbare Entwicklungsstufe ihrer Komposition beschränken.
In der Visierung faßt der Rahmen ein quadratnahes hochrechteckiges
Bildfeld ein. In diesem breitet sich in niedriger Zone über dem unteren
Bildrand irdische Landschaft aus, gegliedert in weite Wasserfläche und
hügeliges Ufergelände, welches sich auf der linken Seite vom Vorder-
grund in die Tiefe hineinzieht, in der Ferne nach rechts umbiegt, dann
ins Meer abfällt und wieder aus diesem zum rechten Bildrand hin auf-
steigt. Links im Vordergrund stehen ein paar Bäume, in der fernen
Bucht haben sich einige Bauten angesiedelt, auf dem Wasser schwimmt
einsam ein kleines Boot. Tiefhängende Wolken begrenzen die Landschaft
nach oben. Auf dieser Wolkenbank vereinigen sich Vertreter der Kirche,
unter Führung eines Papstes von links her kommend, und Männer des
Alten Bundes, in Davids Gefolgschaft von rechts her der Mitte zustre-
bend, zu einer die ganze Bildbreite füllenden und sich in unabsehbare
Raumtiefe hinein erstreckenden Gemeinde. Ihr Beisammensein gilt der
Die Anbetung der hl, Dreifaltigkeit (Wien, KHM)
Die im Jahre 1511 vollendete "Anbetung der heiligen Dreifaltigkeit",
meist "Allerheiligenbild" genannt (55), gehört durch die Klarheit und
Monumentalität der Gesamtanlage, durch die fast unermeßliche Fülle
an Einzelformen und Formdurchdringungen, an Figuren in mannigfalti-
gen Bewegungsstadien und durch den Glanz der Farben zu den bedeut-
samsten und umfassendsten Äußerungen Dürerscher Kunst. Mit ihr en-
det die uns erhaltene Reihe der von Dürer gemalten Altartafeln. So
kommt einer Untersuchung der Gestaltwerdung gerade bei diesem Bild
besonderes Gewicht zu, auch wenn man die Genese allein an einem ein-
zigen Gesamtentwurf (W. 445, Chantilly, Mus. Condö) und nur an einer
mit Sicherheit zum Gemälde zählenden Detailstudie, der 1511 datierten
großartigen Kohlezeichnung für das Profilbildnis des Stifters (W. 511,
Frankfurt, Städel), verfolgen kann (56) und obwohl der Gesamtentwurf
dem ausgeführten Werk zeitlich um einiges vorausgeht - er entstand
bereits im Jahre 1508 (57).
W. 445 zeigt die geplante Bildkomposition inmitten eines aufwendigen
Rahmens (58), beides gleichermaßen ausführlich mit der Feder gezeich-
net und mit dem Pinsel zartfarbig laviert. Diese "viesirung mit halben
färben" (59) sollte wahrscheinlich dem Auftraggeber die Meinung Dürers
über das Aussehen des gesamten Altaraufsatzes vermitteln und stellt
daher wohl nicht die erste Kompositionsskizze zum Allerheiligenbild
dar (60).
In der Ausführung weichen Bild und Rahmen trotz ungefährer Überein-
stimmung der Gesamtanlage tiefgreifend vom Entwurf ab. Unterschiede
hat man oft erwähnt und dabei dem Rahmen zuweilen größeres Interesse
entgegengebracht als der Tafel (61), eine ausführliche Betrachtung aller
das Bild betreffenden Kompositionsänderungen steht jedoch noch aus.
Und dem Bild gehört bei einer solchen Untersuchung der Vorrang vor
dem Rahmen, ohne diesen gering schätzen zu wollen, schon allein wegen
der Unsicherheit, in welchem Umfang die Abweichungen des geschnitz-
ten Rahmens vom Entwurf auf Dürer selbst zurückgehen (62). Daher
möchte sich der folgende Vergleich auf die Tafel und die in W. 445 (63)
faßbare Entwicklungsstufe ihrer Komposition beschränken.
In der Visierung faßt der Rahmen ein quadratnahes hochrechteckiges
Bildfeld ein. In diesem breitet sich in niedriger Zone über dem unteren
Bildrand irdische Landschaft aus, gegliedert in weite Wasserfläche und
hügeliges Ufergelände, welches sich auf der linken Seite vom Vorder-
grund in die Tiefe hineinzieht, in der Ferne nach rechts umbiegt, dann
ins Meer abfällt und wieder aus diesem zum rechten Bildrand hin auf-
steigt. Links im Vordergrund stehen ein paar Bäume, in der fernen
Bucht haben sich einige Bauten angesiedelt, auf dem Wasser schwimmt
einsam ein kleines Boot. Tiefhängende Wolken begrenzen die Landschaft
nach oben. Auf dieser Wolkenbank vereinigen sich Vertreter der Kirche,
unter Führung eines Papstes von links her kommend, und Männer des
Alten Bundes, in Davids Gefolgschaft von rechts her der Mitte zustre-
bend, zu einer die ganze Bildbreite füllenden und sich in unabsehbare
Raumtiefe hinein erstreckenden Gemeinde. Ihr Beisammensein gilt der



