Bund Deutscher Kunsterzieher [Hrsg.]
Kunst und Jugend — N.F. 18.1938

Seite: 12
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Gestaltenöe Handarbeit der Mädchen

Von Albert Leist-Rottweil a. N.

Für die Mädchenbildung sind grundlegend und richtung-
wcisend die Aufgaben, welche der Frau in Familie und
Volk gemäß ihrer natürlichen Veranlagung und eigent-
lichen Derufung gestellt sind. Daraus ergeben sich für die
Runsterzichung an der Mädchenschule gegenüber der Rna-
bcnschule mancherlei Sonderaufgaben.

In der ,Zand der Frau licgt die Gestaltung des deut-
schen Heims, ferner die Formprägung und Ausschmückung
von Rleidung und Handarbeiten aller Art. Es ist Auf-
gabe der Frau, deutsche Art, Sitte und Lrauchtum pfle-

„eine Million Stiche" sei. Das Gebiet der weiblichen
Handarbeit, insbesondere die Stickerei, ist heute weit-
gehend von Ritsch überwuchert. wir haben uns entfernt
von der gepflegten Volkskunst unserer Vorfahren, die
selbstschöpferisch herrliche Stickereien gestalteten. wir fra-
gen uns, woher dieser rasche Zerfall weiblichcr Hand-
arbeitskultur kommt. Die Handarbeit sank immer mehr
;u ciner leeren, mechanischen Tätigkeit herab. Unsere
Frauen ließcn sich von den Modezeichncrn und von der Gn-
dustric der „Abplättmuster" ihrc Motive vordrucken. Diese

Abb. ). Entwurfe für Rreuzstichstickerei (auf
Guadratpapier). Mädchen, -r Iahre alt.

Abb. r. „Lebensbaum". Entwurf für Rreuzstichstickcrci
(auf Guadratpapier). Mädchen Gahre alt.

gend ;u bewahrcn. Durch Aufträge und Einkäufe, welche
in großer Zahl von der Frau ;u besorgen sind, hat sie
entscheidenden Einfluß auf geschmacklichc und künstlerische
Gualität der warenherstellung. Auf vielen Lebensgebieten
ist somit die Frau Trägerin und Gestalterin deutscher
volkskultur.

Gm Bereich der Runstcr;iehung liegt es weitgehend,
die Mädchen für diese ihre Lebcnsaufgabcn ;u befähigcn.

Am folgenden soll aus dem wciten 2lufgabenkreis dcr
künstlcrischen Er;iehung unserer weiblichen Gugend nur
cin Ausschnitt gegebcn wcrden. Eine dcr wichtig-
stcn Fragen, die jeden Runster;ieher an
der Mädchenschule bcschäftigen m u ß, i s t,
wic die wcibliche Handarbeit von dcr
Runste r; i ehung her durchdrungen werden
k a n n.

Beachten wir ;ucrst das Gebiet der weiblichen Hand-
arbeit in scinem heutigen Stand! Vielcrlei kitschigc und
stillosc Muster verunstalten scit Aahr;chntcn das deutschc
Hcim. Durchblättern wir cine lNodc;eitung oder bctrach-
tcn die Auslagcn in eincm Handarbeitsgeschäft, dann muß
sich cin künstlcrisch cmpfindendcr Mensch oftmals entsctzcn
übcr dicse mit leidcr so großem Flciß ausgcführtcn lllach-
werke, welche nach Vordruckcn »icchanisch Stich für Stich
ausgcführt werdcn. llcbcr dcrartige Handarbeitcn sagt
A. Stiftcr init Rccht—baß—das^einMe Verdienst daran

wurden ohne Bedcnken auf jeden belicbigen Stoff über-
tragen. Gb die Stickart paßte, oder ob dcr Stoff ver-
gewaltigt wurde, war keine Frage mehr. wichtig war
lediglich, daß man rasch etwas fertigstellen konnte, das
nach etwas aussah. Ein innercs Verhältnis ;u den dar-
gestelltcn Stickmustcrn war nicht mchr vorhanden, schließ-
lich ging sogar das Gefühl für gediegene, werkgercchte
Arbeit verloren. Daß bei dicscr gcist- und her;verödenden
Tätigkcit der Geschmack immer mehr abgestumpft wurde,
ist natürlich. Das schlimmste aber war, daß die Gestal-
tungskraft, welche in dcr Erbanlagc der hcutigen Frauen
in gleichem Maße liegt wie früher, immer mchr erlahmte.
Das Handarbeiten, in dem die Frauen seit alters am mei-
sten ihre schöpferischen Rräfte betätigcn konnten und ihr
von dcr Natur geschenktes Form- und Farbgefühl ai»
schönstcn sich auswirkte, hatte scinen cigcntlichen Sinn
verlorcn. Es kommt nicht allcin darauf an, daß einc Hand-
arbeit flcißig und sorgfältig gemacht ist, sondern daß sie
schön ist und daß sie pcrsönliche, sinnvolle Formung ist.

Es ist eine wichtige Aufgabe der Volksbildung, dic dcut-
schc Frau von dcr Sklavenarbeit mechanischer Handarbcit
;u bcfreien und wieder dcn Anschluß ;u suchcn ;u dcn
Leistungen der frühcren wciblichcn Volkskunst. Die bestc
Führnng bei diescm Unternehincn gibt uns dic altc Volks-
kunst sclbst. Das ist nicht so ;u vcrstchcn, daß wir sic
nur kopiercn dürften, sondern ivir iniissen uns in die
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