Bund Deutscher Kunsterzieher [Hrsg.]
Kunst und Jugend — N.F. 18.1938

Seite: 30
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Ion Mckl Psttöen

Von Richard Graber-Marburg a. d. L.

Elgeirtlich ist ihm sein endgultigcs Abtreten vom Schau-
platze unseres Lebens schon seit langem vorhergesagt, ihm,
dem „königlichen Rosse", mit dem uns so viele stimmungs-
haste Erinnerungen verbinden und das uns in den Iahren
unseres ersten Bckanntwerdens mit der welt Gegenstand
drs Bestaunens und der Bewunderung, geheimnisvoller
Trägcr irgendcines großcn und herrlichen Lebens war.
Und in der Tat finden wir unser pferd, wenigstens in
drn großen Städten, nicht mehr bei vielen uns frühec
bcdcutungsvollen Verrichtungen, und es erscheint uns
nicht unwahrscheinlich, daß in ciner absehbaren Zukunft
selbst sein platz vor dem Pfluge abgegeben sein wird und
im gleichmäßig surrenden Räderwcrke zwischen tiefbrauner
Erde und hellblauem Frllhlingshimmel nichts mehr an
den Ackcrgaul, das ehrwürdige Sinnbild einer vergangenen
Zeit, erinnern will.

Scheint das pserd doch unseren jüngsten Geschlechtern
schon nicht mehr soviel zu bedeuten wie uns, deren erster
beruslicher Ehrgei; es war, Rutscher ;u werden, wenn auch
heute die alten Bindungen noch nicht zertrennt sind und
die Guellen des Erlebens ununterbrochen weiterfließen.

Rommt doch noch jeden Vormittag ;ur bestimmten Zeit
der große Rappen mit dem Molkeceiwagen vor das Haus
und vor das Fenster, als aufsehenerregende Erscheinung,
deren wirkung von ausnahmebereiten Rindersinnen ohne
Ermüdung immer wieder erneut mit Genuß ausgekostet
wird. wenn sich der kurze Lärm der Glocke an der Seite
des wagens längst in der winterluft verlorcn hat und
die plöhliche Ansammlung der Frauen und Mädchen wie-
der zerstreut ist, dann steht der Schwarze noch lange
draußen und wartet, weil sein Betreuer ;ur Frühstllcks«
rast in der gegenüberliegenden Gaststätte seinen Standort
eingenommen hat. Ruhig und fest steht er zunächst aus
seinen vier schwarzen Beinsäulen, gan; seinen Gedanken
hingegeben. Urteile Uber Menschen und Menschenwert
scheinen durch seinen Pserdekopf ;u ziehen. Ab und ;u
gibt er seinem Innenleben Ausdruck und verrät sich, wenn
cr jäh mit seinem Ropf gegen einen ahnungslos Vorüber-
gehenden ausfährt.

Seine Gedanken müssen ihn folgerichtig ;um werk-
zcuge sittlicher Grundsähc werden lassen. Allmählich geht
cr da;u über, mit der vollen Länge seines Leibes, den
cr ansänglich hübsch nach dem Randsteine des Bürgerstei-
ges ausgerichtet hatte, dorthin ;u weisen, wo nach seiner
Meinung der wagenführer allzulange seiner pflichten
säumt. wenn dieser mahnende wesenszug in der Haltung
des Tieres immer ausgesprochener wird, wenn der Ein-
tritt von Roß und wagen durch die Tüc des Gasthauses
unmittclbar bevorzustehen scheint und wenn infolge einer
Art schräger Abriegelung der Straße Unwillensäußerun-
gcn dcs radsahrenden Bevölkerungsteiles laut werden und
crste Anzeichen einer Verkehrsgefährdung vorliegen, dann
verläßt regelmäßig dec Milchkutscher mit unausgegliche-
nen Bewegungcn seinen Frühstücksplah, — beunruhigt
;war und lcicht ärgerlich, aber doch im Vcrein mit der

Austeilung dcc vorhandenen Bildsläche. Zum zweiten
punkt sei bemerkt, daß die Hauptumrißlinien der Baufor-
men zunächst mit Hilfe von Zirkel und Lineal in dünncr
Strichsührung aufgezeichnct wurdcn, dann aber bei dcr
„srei"händig vorgenommenen graphischcn Füllung mit
Einzelsormen allmählich Uberflüssig und durch Frcihand-
striche ersetzt würden. Eingehalten wurde dieses Arbeits-
verfahren, um cinen Bruch zwischcn darstellerischcc und
gestalterischer Ausführung ;u vcrmeiden, damit die Ein-
heitlichkeit dcs Bildganzen und dcr Zusammcnhang mit der

gesamten Belegschaft seincs Betriebes und der Anwohner-
schaft der Straße, vor allem^ aber in Übereinstimmung
mit einer jugendlichen Sachkennerschaft überzeugt, weit
mehr als nur das beste pferd der Molkerei vor sich ;u
haben.

Trotz aller neuen Erfindungen und schnellcn Fahrzeuge
crfährt der Iunge während seines Ferienausenthaltes auf
dem Lande, wenn einmal die pferde, von der Arbeit heim-
kchrend, micht so sehr angcspannt sind, in gleicher weise
wie Gcschlechter vor ihm etwas von dem Glück, das auf
dem Rückcn der pferde liegt. Unvergleichlich erscheinen
ihm die schwerfälligen Belgier des Bauern, auf deren
Nilpferdrücken die jungen Beine kaum einen Halt finden.
„Auf solchen pferden müffen in alten Zeiten Ritter und
Rönige geritten sein."

r. Schüler O III. Gips, ro cm hoch.

was abcr bedcutet alles dicses ncben andcrcn köstlichen
Erlebnisscn, die dcr Gungcnschaft dcs Städtchcns biswei-
lcn an den Vormittagen dcr schöncrcn Iahrcszeiten be-
gegncn könncn.

Gan; oben, da wo die Hauptausfallstraßc hintcr dcr
Dahnüberführung verschwindct, war socben noch, dcm
nicht darauf eingestellten <vhre unhörbar, ein leises, regel-
mäßiges Rlopfen im Gange. Aber es kann auch Täuschung
gewesen sein. Aetzt jedcnfalls schweigt cs. Dann abcr bricht
es los, mitten in die allgemeine Gelassenheit, jäh, hcll
und Bewegung entzündcnd. lüber viclcn dunklen pferdc-
beinchen schwebt in (lbcrmannshöhe ein gelbes Blitzen
und Flimmern. Soeben sind sie schon an der Drogeric!
Geziert hebt der Rotschimmel an der Spitze die Beine,
langsam und gleichmäßig pocht der Schlag auf den Resscl-

punkt ; cntsprechendcn Gestaltungsweise gewährleistet
wurden. Vorbedingung sür dcn beschriebenen Arbeitsgang
war natürlich sorgfältigc und genaue Ausführung. Der
lctzte Abschnitt ;ur Durchftthrung dcr Aufgabc bcdarf kci-
ncr Hinweisc. Ein Dorf als lebcndigcr Vrganismus konntc
eine „Bclebung" mit Mcnschcn, pflanzen und Dicrcn
nicht cntbehren. wer Frcude hat an dcn crzählcrischcn
Gestaltungen Bruegels und an Dürcrs „Drahtziehmühlc"
ivird auch bei der Betrachtung dcr abgcbildcten Schüler-
zcichnungen auf scinc Rostcn kommen.
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