Bund Deutscher Kunsterzieher [Editor]
Kunst und Jugend — N.F. 18.1938

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ss öeutsche NgtlonslöenkmÄ

(Einige Lextbeispiele aus der Schrift im Verlag A. Langen / G. Müller, MUnchen 1SZ4)

Von Hubert Schrade

Vor das Schlageterdenkmal können wir in keiner wcise
h i n treten. Da gibt es kein sreies Gegenüber von Denk-
mal und Betrachter mit der Allusion der Ebenbürtigkeit.
Da gibt es überhaupt nicht den Letrachter.

Das Denkmal ist eine Architektur und zwar eine Archi-
tektur von solcher Einfachheit/ daß da an ihr so gut wie
nichts ;u „betrachten" ist. Doch nicht allein die Einfach-
heit hebt den Betrachterstandpunkt auf. Auch die Architek-
tur als solche tut es. Sie ist es, die das individuell be-
trachterhafte Gegenüber als ihrem wesen widersprcchend
schlechthin ausschließt. Denn sie ist bestimmt, den Einzel-
ncn, der zu ihr hinpilgert, auf; unehmen. Den E i n-
zelnent Nein, für den einzelnen Betrachter ist diesc
Denkmalsarchitektur nicht geschasfen. Der Einzelne würde
in ihr keinen Drt finden, er würde sich ortlos in ihr ver-
lieren. Die Architektur dicses Denkmals fordert so viele
als nötig sind, sie;u crfüllen. Denn erfüllt auch die 2lrchi-
tektur ihren Sinn, dann erst vollendet sie sich auch.
Denn im Gegensatz ;u dem in sich selbst immer vollende-
ten Standbild ist das Scklaaeterdenkmal mit seincr
offenen Architektur erst und immer nur vollendet, wenn es
von den Menschen erfüllt ist, die sein Bereich aufzunehmcn
geschaffen ist. Die aber in ihn treten und so das Denk-
mal vollenden, können es nicht je als Vereinzelte tun. Dcnn
die kreisrunde Form des Denkmalsbereichs schließt die
Menschen in ihm notwendig ;u einer Einheit, ;u einer Gc-
meinschaft zusammen. —

Auch wenn keinesfalls alle Denkmäler dcs i§. Aahr-
hunderts so blind dem verführerischen Vorbild der Antike
folgten, wie Rlenze, Schopenhauer und mit ihnen viele
andere bis ;u Adolf Hildebrand forderten, so sind doch
auch die naturalistischcn werke unter ihnen Mal um
Mal ;um monumentalen Beweis für die unüberwundcne
Fremdheit dieser Denkmalsform in Deutschland geworden.
Es kann doch kein Zufall sein, daß sie sich innerhalb der
deutschen Runst erst so spät durchgesctzt hat. Subjektivist
von Hause aus, als solcher von je ;um porträt hinge-
zogen, durch die geistige Entwicklung des is. Aahrhun-
dcrts in seinem Individualismus noch bestärkt, hat
der Deutsche dann mit der übcrzahl seiner Denkmäler
durch die Fremdheit ihrer Form sich beinahe systematisch
;u ciner falschen und zutiefst unechten pathetisierung sci-
ner Verehrung für die person und ihre geistige Leistung
erziehen laffen. Unleugbar ist dicse Gefahr auch gesehcn
worden, und die Runst hat wieder und wieder Versuche
gemacht, der Verführung ;u begegnen. 2lber cs geschah
c.m untauglichen Vbjekt — untauglich und doch unablässig
gesucht nicht nur als Ausdruck des Individualismus, der
allcs Denken beherrschte, sondcrn auch weil sicb heraus-
stclltc, daß die plastik in dcr cntgötterten welt dieser
Epoche kaum cine andre monumentale 2lufgabe mehr ;u
findcn wußte wie diese: das für cigcnständig gehaltenc In-
dividuum im Standbilde auf cinem isolierenden Sockcl
der Mit- und Nachwelt porträthaft ;ur Sckau ;u stellen.

„Und diese Mcnschen mit ihrer Verrücktheit und wut,
alles auf das einzelne Andividuum ;u rcduzieren und lau-
ter Göttcr der Selbständigkeit ;u sein, diese wollen ein
volk bilden .. .1" hat bercits Goethe in Voraussicht dcr
kommendcn Entwicklung fragcn müsscn.

Um die Sache (d. h. dcn plan des Friedrichsdcnkmals)
abcr wciterzutreibcn, erwirkte dcr Minister von Heinitz
1701 eine Rabinettsordre, krast dcren cine Ronkurrcn; aus-
gcschricben wurde. Die Ronkurrcn; verlicf crgebnislos.
Es ;cigtc sich, daß dic deutschen Aünstler ;u cincr Lösung,

die der Größe der Aufgabe entsprach, noch nicht fähig
waren. Mehrere Entwürse kamen auf den pyramiden-
plan mit der Begründung zurück, daß die pyramidenform
doch „die tiefste Jdee von Größe" gewähre. Sonst aber
zielten alle pläne nur auf Reiicr- oder Standbilder nach
der überlieferten weise. Dabei war cs für die meistcn
selbstverständlich. daß die Gestält des Rönigs in anti-
kischer Gewandung gegeben werden müffe. Nur ;wci
Entwürfe wagten in dieser Beziehung abzuweichen. Sie
zeigten den Rönig nämlich in altdeutscher Tracht.aus
der Zeit Hermanns des Lheruskers. Es waren nach Scha-
dows Ansatz crste und noch unbestimmte Versuche, wesiig-
stens auf dem wege über das Rostüm anzudeuten." in
welchem volksgeschichtlichen Zusammenhange die Gestalt
des Rönigs ;u sehen sei. —

Die cinzigen beiden wirklicken Ergebnisse,. der Ronkur-
ren; von 17S1 waren, daß Schadow auf Rosten des Staa-
tes ins Ausland reisen sollte, die dortigen FUrstendenk-
mäler ;u studieren (er lernte dabei gründlich, „daß die
Denkmäler in römischem Rostüm alle denselben Lharakter
oder vielmehr gar keinen haben"), und daß man sich in
den folgenden Aahren weiter mit dcr Rostümfrage aus-
einandersetzte. Diese Frage ist — wir brauchen nur an die
Sätze Schopenhauers zurückzudenken — durchaus nicht ein
Streit um bloße Äußerlichkeiten gewesen. Hinter der
Frage nach dem Rostüm steht immer die Frage nach dem
Stil und mit ihr die Frage nach dem Sinn des Dcnkmals.
Es handelt sich um nichts weniger als um das problem,
wer den Lharaktee des Denkmals ;u bestimmen habe: das
Gesetz der Runst oder das Gesetz der Geschichte.

Das Gesetz der Runst: d. h. für die damalige Zeit Nach-
ahmung der klassischen Adealität; das Gesetz der Geschichte:
d. h. realistische wiedergabe der geschichtlichen Erschei-
nungsform. ii-

FUr Friedrich wilhelm II. war es von vornherein klar
und er beharrte auf seinem Standpunkt, daß sich - das
„jetzige Lostume füc Statuen nicht schickt..., weil unsre
faltenlose, zusammcngeflickte Rleidung allen Lharakters
cntbehrt, die menschliche Gestalt'in Vergleichung mit dem
in seiner pkacktheit prangenden pferde ;u sehr herabwür-
digt und im Gebilde dem Auge nichts als einen glattcn
Rlumpen Er; darstellt". —

Das Denkmal Rauchs ist ;war insofern cin nationales
werk geworden, als es Friedrich nicht in römisch-impera-
torischer Verkleidung, sondern annähcrnd in der Gestalt
zeigt, in der er in der Erinnerung des Volkes nachlebt,
obwohl Schadows und Menzels Schöpfungen bestimmen-
der geworden sind. Aber die Reliefs und die Gruppen
des Denkmalsockels verkörpern mehr das programm eincs
eklektischen Historismus als die im Volke mythisch leben-
digen Vorstellungen vom Dascin und wirken seines größ-
ten Rönigs. — > !

2lm i. Iuni 1S40 war der Grundstein gelegt worden.
wcnige Tage vorher hatte Fricdrich Schinkel, anscheinend
unter unmittelbarer Deilnahme und Inspiration Fricdrich
wilhclms IV., damals noch Rronprin;, einen plan voll-
cndct, der srühere Entwürfc des Meisters zusammcnfaffcn,
aber auch an Großartigkeit übertrcffen sollte. Es wirkt
wie der lcyte protest eincs Rünstlers, dcr sich in dicscr
Sache als Erbe Gillys fühlt, gcgcn die Verdcrber dcr
Idee des Nationaldenkmals.

Schinkcl träumte — denn ctwas andcrcs ist sein plancn
angcsichts dcr wirklichkeit nicht — von ciner ricsigcn
Anlagc auf dcm Mühlbcrge bei potsdam, die durch eincn
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