Bund Deutscher Kunsterzieher [Editor]
Kunst und Jugend — N.F. 18.1938

Page: 223
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begnügt, eine Lunde ;u geben, auch nicht Halt macht bei
der inneren Verarbeitung des Stoffes, bei einer Stellung-
nahme dem „Gelernten" gegenüber, bei seiner Beurteilung
also, sondern grundsatzlich — im Rahmen des Möglichen
zwar — fortschreitet ;ur eigenen Aeußerung, ;ur Gestal-
tung deffen, was äus einem tiefen inneren Erleben heraus
da;u drängt.

Der Lharakter unserer künftigen Schule und ihr er»
;ieherischer Erfolg hängen also in besonderem Maße da-
von ab, ob man bereit ist, diesen Bereich des Grundsätz-
lichen aller Er;iehung an;uerkennen und ihm Gültigkeit
;u verschafsen.

Bisher war die Lage so, daß sich alle führenden päda-
gogen wohl im Prin;ip ;u den ge;eichneten pädagogischen
Grundforderungen bekannten, daß sie sich auch um die Ver-
wirklichung bis ;um Erleben hin ernstlich bemühten, aber
den rechten Zugang ;um Tun nicht fanden und so das
Schlußstück nicht ;u setzen vermochten.

In ciner Zeit, die den harten Gegensatz ;wischen Stadt
und Land, die „Verstädterung" noch nicht kannte, mußte
der Schule die besondere Aufgabe ;ugewiesen werden, die
spe;ifisch-geistigen Rräfte in pslege ;u nehmen.

Der tägliche Lebensablaus erfolgte fast ausschließlich
innerhalb der welt des sinnlichen Stoffes. Das Gehirn
des Menschen lag, um mit Rant ;u reden, vornehmlich in
der Hand. Unter den Augen der aufwachsenden Rinder
übte der Vater seinen Berus aus, mochte er Bauer, 'Kand-
werker oder 2lrbeiter sein. So wuchsen die Rinder hinein
in ein Leben, wie es sich in dem Alltag und Sonntag des
Volkes darbot. So sorgte das Leben selbst dafür, daß der
Iugendliche hineinwuchs in seinen späteren Aufgabenkreis,
und daß wiffen, Erleben und Tun immer in einem gesun-
den Verhältnis;ueinander standen.

Erst durch die immer weitcrgreifende Spe;ialisierung
der Berufe, durch die Steigerung der Lebensansorderun-
gen, die Vertiefung und Ausweitung des Lebensgesühls,
dcn wuchs der Rultur des Volkes, die Aufnahmen und
den Ausbau der Be;iehungen ;u anderen Völkern und an-
deres mehr wurde cs nötig, ;u der allein durch den Lebens-
ablauf bestimmten Er;iehung die Schule als ergän;ende
Er;iehungsmacht ;u schafsen und von ihr die Rräfte be-
treuen ;u laffen, die im Leben nicht immer genügend be-
ansprucht wurden. So entstand aus einem Lebensbedürfnis
heraus die heute so heftig bekämpfte Lern- und wiffens-
schule, die gewiß nicht nur Stoff übermittelte, sondern
auch das wachstum geistiger Rräfte förderte. Damals und
lange Zeit hindurch bestand diese Schulform mit Recht.
Denn nur mit ihrer Hilfe konnten die Gefahren gebannt
werden, die darin lagen, daß die körperlichen und seelischen
Rräste im Menschen infolge ihrer regen Beanspruchung
stark wuchsen und die geistigen Anlagen brach lagen und
verkümmerten oder doch nicht im gleichen Dempo mit-
wuchsen.

Das werk eines Menschen, sei es nun litcrarischer oder
politischer Art oder sei es Handbetätigung am sinnlichen
Stofs, kann an innerer Rraft immer nur so viel euthalten,
wie sein Schöpfer selbst sein eigen nennt. Auf der anderen
Seite ist aber jedes mittels des Verstandes angceignete
wissen wertloser Ballast, sofern technisches Vermögen und
gestalterische Rraft nicht ausreichen, um ;um werke ;u
gclangen.

Daraus ergibt sich, daß es höchstes Ziel jeder Er;iehungs.
arbeit sein muß, das Gleichgewicht ;wischen Rörper, Sccle
und Gcist ;u sichern, und daß die Schule sich immer in bc-
sondcrem Maße der Rräfte und Anlagen im Rinde an-
;unehmcn hat, dercn Erhaltung lebensnotwendig ist, und
die aus irgendwelchen Gründen ;u verkümmern drohen.

Vor Iahrhunderten waren das vornehmlich die geistigen
Rräste, und hcute sind es die der Seele, insbesondere dic
der Anschauuiig, des Schöpferischen, des Gestalterischen und
da;u das technischc Vermögcn. Bedroht ist also gcrade

das im Menschen, was allein kulturschaffend ;u sein ver-
mag.

Tausende von Großstadtkindern wachsen heute auf, ohne
Hammer, Zange und Beil in der Hand gehabt ;u haben,
geschweige denn mit ihnen umgegangen ;u sein. Tausendc
lernen Hol; ünd Eisen und viele andere werkstoffe, aus
denen sich unser gesamtes wirtschastlichcs Leben gründet,
nicht kennen, obgleich sie täglich und stündlich mit ihnen
in Berührung kömmen. Tausende von Rindern wiffen
kaum, welche Arbeit ihr Vater täglich verrichtet, da dec
Arbeitsort nichts mehr mit der wohnung ;u tun hat. So
sehen sie nirgends, wie etwas wird und woraus es wird,
können nirgends mit Hand anlegen, können nicht mehr wie
von selbst hineinwachsen in die Aufgaben des Lebens. So
muß das technische Vermögen im Rinde verkümmern,
noch ehe es sich über die Beherrschung des Rörpers hin-
aus recht ;u entwickeln vermochte.

Und weil Dausende von Rindern von der Teilnahme
am Leben nach dieser Richtung hin ausgeschlossen sind und
Langeweile haben, so geben ihnen die Eltern BUcher über
Bücher in die Hände und sie lesen in sich hinein, was sic
nie geschaut, nie kennengelernt, nie erlebt, nie anschaulich
begriffen haben. „Begrifse ohne Anschauung sind leer. An-
schauungen ohne Begriffe sind blind." warum niüffen die
Er;ieher seit Iahr;ehnten diesen Fundamentalsatz lernen,
wenn für die Er;iehung die Folgerungen nicht ge;ogen
werdein warum muß unsere Iugend jahraus, jahrein von
Dingen reden, mit denen sie sich nie anschaulich denkend
auseinandersetzte; wird nicht damit schon in das Rind
der Reim gelegt ;um lebensfremden und lebens;erstörcnden
Intellektualismus;

Und wo das Duch die Langeweile nicht ;u stillen ver-
mag, wo die junge LZatur sich dagegen ausbäumt, wo dcr
Rörper nach Aktivität giert, wo es dem Rinde biologisches
und seelisches Dedürsnis ist, sich ;u bewegen, ;u springen,
;u laufen, überhaupt etwas ;u tun, gibt man ihm schlechtc
Bilderbücher, Bilderbaukäften, mit denen sast mechanisch
hantiert werden kann, und Malbücher, die nichts ver-
langen, als daß Ronturen nachge;ogen oder Flächen mit
Buntstisten nach Vorbild angelegt werden. Schema, Vor-
bild und Lype! Das ist alles, was man ;u geben vermag.
Nichts, was sich 'an die Anschauungskraft, an den Schöp-
fer- und Gestaltergeist im Rinde wendet, hält das Leben
mehr für unsere Augend bereit, und so muß das wert-
vollste in ihr verdorren, ehe es sich überhaupt ;u beweisen
vermochte.

Und wir Er;ieher kennen die Not unserer Iugend, kla-
gen über Zappeligkeit und Unaufmerksamkeit und sehen ;u.
So ist das wort von der „harmonischen Ausbildung allcr
Rräfte" ;u einem Spott geworden. wir sollten doch endlich
begreifen, daß die Lern- und wissensschule, die cinst vollc
Berechtigung hatte, bei den völlig veränderten Lcbens-
verhältniffen keincn Sinn mehr hat.

Heute sind es die technischen und künstlerischen Rräste,
die des Rörpers und der Seele, die beim Lebensablaus
unserer Iugend ;u kur; kommen. Deshalb hat die Schulc
als die wichtigste der das Leben ergän;enden Er;iehungs-
mächte die Pslicht, sich ihrer in besonderem Maße an;u-
nehmen und das völlig verlorengegangene Gleichgewicht
;wischen Rörper, Seele und Geist wicder her;ustellen.

Es hat der Rufer in der pädagogischen Führcrschicht
seit Iahr;ehnten genug gegeben; aber man hat sie nicht
gehört oder den Sinn ihres wollens verfälscht.

Der Ruf nach der „2lrbeitsschule" war ein solchcr Not-
schrei. Er sollte den wandel in der Er;iehung bringen.

Gcwiß, die Arbeitsschule kam, aber man verfälschte dcn
Arbeitsbegrisf. während die 2lrbeit, die das Rind meint,
die cs fordert und srcudig und mit allcr Hingabe ver-
richtet, körperliche Arbeit und 2lrbeit am sinnlichen lNatc-
rial ist, verstand man darunter bald nur noch einc gc-
lockerte, kraft- und sastlose, gan; individuell gcrichtctc
Untcrrichtsweise, von der Rricck mit Rccht sagt, daß sic
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