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Kunst- und Unterhaltungsblatt für Stadt und Land — 1.1852

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https://doi.org/10.11588/diglit.45111#0067
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trätirt, da war noch keine Polka und keine Ma-
zurka vorhanden, da gab cs noch keine Brüsseler
Spitzen, keine Wiener Stoffe und keine Pariser
Hüte, ja es waren noch nicht einmal Ohnmächten
und andere zarte Zustände erfunden. Die gute
Mutter Eva war das erste Weib, wer aber die
erste Dame war, weiß man bis zu dieser Stunde
noch nicht. Zu No ah's Zeiten scheint es noch
keine Damen gegeben zu haben, denn eine solche
wäre sicher nicht mit in die Arche gestiegen, um
sich ihre Toilette nicht zu verderben. Die Tochter
des Herodcs muß aber schon eine vollendete D ame
gewesen sein, weil sic so graziös tanzte, daß sogar
Johannes der Täufer den Kopf darüber verlor. —
Eine Dame hätte weder des Zornes Gottes, noch
des Flammenschwertes des Erzengels bedurft, um
den Vater Adam aus dem Paradiese zu vertrei-
ben; ein Fächerschlag hätte genügt, den guten Mon-
sieur zu bedeuten, zudem da er in Folge des da-

maligen Klciderschnittcs etwas empfindlich sein
mußte. — Nichtsdestoweniger aber üben die Damen
eine bedeutende Anziehungskraft auf uns Män-
ner aus, und das Ziehen scheint in ihrem Wir-
kungskreise zu liegen: sie ziehen uns an durch
ihren Liebreiz; sic ziehen uns ab von unsern Be-
rufsgeschäften; sie ziehen uns aus — der Leere
dieses Lebens in den Bereich nie geträumter Selig-
keiten; sie ziehen uns hin zum Genüsse stillen
Liebesglückes; sie ziehen uns her, wenn wir von
ihnen entfernt sind; sie ziehen uns umher, nicht
selten in einem Labyrinth süßer Redensarten; sie
ziehen uns sogar auch herum — an der Nase.
Nichtsdestoweniger ergreifen wir Männer gerne
die Retirade vor ihrer Zungenfertigkeit, und dieß
will auch ich jetzt thun, indem ich zum Schlüsse
die Behauptung aufstelle: die Damen sind dennoch
das schönste und freundlichste Angebinde, das ein
gütiger Himmel der Erde gab.

Die Thräne.
Gedicht von W. Seidel.
Die Wahrheit wohnt in düsterm Grunde,
Ein heil'ger Schleier schwebt vor ihr;
Geheimnißvoll in rechter Stunde
Spricht sie in deiner Brust zu dir.
Und daß dein Geist ihm trauen möge,
Gab sie dem tiefverhüllten Sinn
Auf wahnumdrängtem Erdenwege
Die Thräne zur Begleiterin.
Wenn vor des Herzens off'ner Pforte
Der Schmerz mit bitt'rer Last erscheint,
Da flieht das leichte Volk der Worte,
Da steht der arme Mensch und — weint.
Und wenn der Freude Morgenschimmer
In seine Wintertraumnacht scheint,
Da g'nügt die karge Sprache nimmer —
Da steht der reiche Mensch und — weint.

Naturphilosophie.
Die müde Raupe spinnt die enge Zelle;
Der Saame fällt in feuchtes Ackerland;
Den warmen Regen trinkt der heiße Sand;
Im Abendroth verglüht des Tages Helle;
Der wilde Bach umarmt die Wiescnquelle;
Vom Berge stürzt die gähe Felsenwand;
Der Winter reicht dem Herbst die rauhe Hand,
Und Sturm und Meer zertrümmern Damm und Wälle.
So muß dem starren Tod das Leben weichen
In Berg und Thal, im Hain und aus der Flur —
Ein schön'res Sein entkeimt der Asche nur.
Und muß auch ich im kalten Tod erbleichen,
Der Hoffnung Blume sproßt empor aus Leichen:
Das lehrt die ewig schaffende Natur.
Fr. L. Kölle.
 
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