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Kunst- und Unterhaltungsblatt für Stadt und Land — 1.1852

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Das Mädchen aus Scio
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https://doi.org/10.11588/diglit.45111#0071
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Das Mädchcn aus Scio.
Historische Erzählung.

Unter den Inseln, womit das ägäische Meer über-
säet ist, war noch in den zwei ersten Dezennien des
gegenwärtigen Jahrhunderts Seio — das Chios
der Alten — nicht bloß eine der schönsten, sondern
auch eine der glücklichsten zu uennen. Ein srucht-
barer Boden, der alle Gewächse der südlichen Ge-
genden in üppiger Fülle hervorbringt, und ein säst
beständig lachender Himmel, dessen Sommergluth
durch die kühlende Seeluft und das die Insel der
Länge nach durchziehende, nach allen Seiten male-
risch abfallende Gebirge gemildert wird, machten
von jeher Scio zu einem wahren Garten Gottes,
und in der genannten Zeit wußten die rührigen
Bewohner der Insel durch eiuen ausgedehnten Han-
del die Reichthümer noch zu vermehren, welche die
paradiesische Natur ihnen darbot. Zwar glänzte
der Halbmond, dem fast vierhundert Jahre zuvor
auch der lezte morsche Nest des byzantinischen Rei-
ches erlegen war, schon lange von Scio's Burg;
aber der Druck der muselmännischen Herrscher war
leichter, als der, den damals mancher christliche
Fürst ausübte, ohne daß seine Unterthemen sich dar-
über, als über eine zu schwere Last, beklagt hätten,
leichter aber besonders, als ihn die Türken selber
aus vielen andern Punkten der von ihnen unter-
jochten Provinzen übten. Denn da die Scioten
die Bezahlung des Haradsch nie weigerten, und
die Pascha's aus dem steigenden Neichthum der
Insel, wie für den Schatz des Sultans, so auch
für den eigenen Beutel Vortheil zogen, so blieb
das glückliche Völkchen von Scio in seinem Handel
und Wandel ziemlich unangefochten, und die Placke-
reien und Grausamkeiten, womit ost der türkische
Ucbcrmuth anderswo die verachteten Christen zu
quälen sich das Vergnügen machte, kannte man
fast nur vom Hörensagcu.
In dieser glücklichen und zufriedenen Lage der
Inselbewohner trat eine Aenderung ein, als mit
dem Frühjahr l821 der griechische Aufstand aus-
brach. Nachdem am 7. März Alexander Upsi-

lanti von Jassy aus seinen bekannten Aufruf an
alle Griechen hatte ergehen lassen, der so viel Un-
heil über den kühnen Helden selbst und seine Waffen-
brüder brachte; nachdem die feurigen Worte, welche
Erzbischof Germanos von Patras vor den ver-
sammelten Bischöfen und Archonten im Kloster Mega-
spiläon gesprochen, mit Blitzesschnelle durch das Land
fliegend, überall, wohin sie trafen, gezündet hatten; und
nachdem, wie diesseits des Isthmus, so auch jeuseits, iu
Böotien, Livadicn und bis nach Epirus hinaus
Tausende und aber Tausende sich erhoben, mit dem
Schwur, au Griechenlands Befreiung Gut und Blut
zu wagen, die Waffen ergriffen und da und dort
den Bedrängern ihres Volkes empfindliche Verluste
bcigebracht hatten: da war es wohl nicht zu ver-
wundern, wenn die Türken auch diejenigen Griechen,
welche sich der Sache ihrer Stammes- und Glau-
bensgenossen nicht angeschlossen hatten, mit miß-
trauischen Augen anzusehen anfingen, und die sried-
lichen Verhältnisse, in denen sie bisher mit denselben
gelebt Hatter:, vielfach gestört wurden.
Als aber die türkischen Machthaber sich nicht
schämten, die Erfolge der griechischen Waffen an
Unschuldigen, die gar nicht am Kampfe Theil ge-
nommen, und selbst an Greisen, Frauen und Kin-
dern zu rächen; als Jussus, Pascha von Missolonghi,
vom Palmsonntag bis zum Charsrcitag in Patras
mit Mord und Brand gcwüthct hatte; als in Kon-
stantinopel selbst fünf Tage lang in den Kirchen
und Häusern der Griechen geplündert und gemor-
det, und am heiligen Osterfeste der Patriarch
Gregor, ein achtzigjähriger Greis, vom Gottes-
dienst weg ergriffen und sammt seinen Bischöfen
am Hauptthor der Kirche aufgeknüpst wurde: da
war cs kein Geheimuiß mehr, was die Griechen
von Seiten der Türken, wo diese Meister waren,
zu erwarten hatten, und da war auch für Scio
eine Zeit banger Besorgniß gekommen, welche nur
zu bald in Trauer, und zuletzt in namenlosen Jam-
mer sich verwandeln sollte.
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