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Kunst- und Unterhaltungsblatt für Stadt und Land — 1.1852

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Das Mädchen aus Scio
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https://doi.org/10.11588/diglit.45111#0072
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Viele Jünglinge von den griechischen Inseln
dienten auf der groscherrlichen Flotte; auch gegen
sie kehrte sich die blinde Wuth ihrer fanatischen
Herren: sie wurden theils ermordet, theils zu deu
niedrigsten Sklavcndiensten mißbraucht. In ge-
rechter Erbitterung darüber schloßen sich fast alle
Inseln des Archipelagus den Kämpfen des Fest-
landes an und verwandelten ihre Handelsfahrzeuge
in Kriegsschiffe. Scio war nicht darunter. Nicht
das Beispiel des benachbarten Jpsara, nicht die
Mahnung des südlicher gelegenen Samos konnte
cs bewegen, sich für die Sache der Freiheit zu er-
klären: gleich Mctelino (wie jetzt das alte Lesbos
heißt) blieb cs ruhig; ja cs lieferte seine Waffen
ab, und stellte freiwillig 120 seiner angesehensten
Bürger den Feinden Griechenlands als Geiseln.
Allein Scio verschlimmerte nur dadurch das trau-
rige Schicksal, wodurch cs für seiue Lossaguug vom
heiligen Bunde seiner Glaubcnsbrüder schon im
nächsten Frühling büßen sollte.
Einer der Huudertzwanzig war M arko s Ari-
stobulos, ein erfahrener Arzt, bei dem sich das
„Vst 6sl6nu8 OP68" bewährt hatte, und der auch
sonst in glücklichen Verhältnissen lebte. Eine mit
den liebenswürdigsten Eigenschaften des Geistes
und Herzens geschmückte Gattin, zwei talentvolle
Sohne und eine Tochter, die das Ebenbild ihrer
Mutter zu werden versprach, bildeten mit dem von
seinen Mitbürgern hochgeachteten Hausvater einen
durch die innigste Liebe verbundenen Familienkreis,
dem vielleicht ganz Scio keinen glücklicheren hätte
zur Seite stellen können. Und doch wäre Aristo-
bulos bereit gewesen, seinen Wohlstand und sein
häusliches Glück im Kampfe für das Vaterland
auf's Spiel zu setzcu. Als aber seine Mitbürger
beschlossen hatten, das Joch, das bisher ihnen gerade
am wenigsten unerträglich erschienen war, lieber
noch länger zu tragen, als an seine Abwerfung
Hab und Gut zu wageu, unterwarf er sich willig
dem Beschlüsse der Mehrheit, obwohl er an einem
günstigen Erfolge desselben zweifelte; er riß sich
los von der weinenden Gattin, deren Ahnung sie
schon lange eine unglücköschwangcre Zukunft be-
fürchten ließ, und stellte sich mit den Ucbrigcn dem
Pascha als Bürgen für die Ruhe und Treue der Insel.
Als der erste Schmerz, den die Trennung von
dem geliebten Gatten und Vater den Scinigcn
verursachte, sich in stille Wehmuth aufgelöst hatte,

und nachdem mehrere Versuche, den Gefangen-
gehaltenen je und je zu sehen, an der beharrlichen
Weigerung dessen, der die Erlaubnis dazu hätte
geben müssen, gescheitert waren, zog sich die Mutter
mit ihrer Tochter Eudoxia und dem jüngeren
Sohne Lykurgos auf ein Landgut zurück, das
Aristobulos in der Nähe der Stadt besaß. Der
ältere Sohn Konstantin blieb seiner Studien
wegen in der Stadt zurück; denn des Vaters Wunsch
und Vorbild, wie die eigene Neigung, hervor-
gegangen aus einer besonderen Vorliebe für die
Naturwissenschaften, hatten ihn bestimmt, bei der
Wahl seines künftigen Berufes für den ärztlichen
sich zu entscheiden, und er bereitete sich zu demselben
in dem großen Collegium vor, in welchem um
jeuc Zeit mehr als sechshundert wissensdurstige
Jünglinge ihren Studien oblagen. Lykurgos da-
gegen war für die Handlung bestimmt, und sollte
gerade in dem Hause eines Verwandten eintreten,
um sich für scineu Beruf auszubilden, als der Vater
sich von den Seinen trennen mußte, und demzu-
folge im Familienrathc beschlossen wurde, den Ein-
tritt des Lykurgos bei dem Handelsherrn bis auf
Weiteres zu verschieben, damit die Mutter und
Eudoria nicht so allein feien.
So blieben denn die Drei beisammen, ihre
Herzen gcthcilt zwischen Furcht und Hoffnung, und
wenn die Kinder sich mehr auf Seiten der Lezteren
neigten, und sich bemühten, auch die Mutter auf
diese Seite hcrüberzuziehcn, so wollte es ihnen doch
selten gelingen, die Kummerwolkcn, welche deren
Herz verdüsterten, zu zerstreuen und die bangen
Besorgnisse zu heben, welche dasselbe erfüllten.
Aber auch fern von der Stadt und von den
Mauern, hinter denen Aristobulos gefaugcu saß,
drehten sich alle Unterhaltungen seiner Lieben um
ihu; uud was sie thatcn, was sie vou Andern hör-
ten, war ihnen nur durch die Beziehung wichtig,
in die es zu dem theurcu Haupt der Familie gesetzt
werden konnte. Kam die Nachricht von einem neuen
Siege der Griechen über ihre Feinde, so knüpften
Eudoxia uud Lykurgos darau sogleich die Hoff-
nung auf eine entscheidende Wendung der Dinge,
welche den Sultan nöthigen würde, Griechen-
land frei zu geben; und dann müsse auch der
Vater wieder frei werden. Aber zu diesen heiteren
Aussichten der Jugend schüttelte die Mutter je-
desmal, so oft sic auch geltend gemacht werden

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