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Die Kunstauktion: internat. Nachrichtenblatt des gesamten Kunstmarktes — 3.1929

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Nr. 49 (8. Dezember)
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https://doi.org/10.11588/diglit.47052#0576
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6

Die Kunstauktion“

Jahrg. III, Nr. 49 vom

8. Dezember 1929

Jahrg. 11

Alte M eister
bei Goudstikker
Amsterdam
Man ist bereits gewohnt, in dem repräsen-
tativen Hause an der Heerengracht jährlich
zweimal eine Ausstellung der Neuerwerbungen
J. Goudstikkers zu erleben, zweimal im Jahre
mit dem sorgfältig gedruckten und mit großer
Kennerschaft bearbeiteten großen Katalog

Ehe wir die übrigen Niederländer des
17. Jahrhunderts betrachten, seien kurz die be-
deutendsten Werke der frühen nordischen
Schulen genannt. Lukas Cranach d. Ä. ist
mit dem großen Kreuzigungs-Triptychon der
ehern. Sammlung v. Kaufmann-Berlin vertreten.
Von Nicolas de Neuchätel finden wir
ein Damenporträt, das in der Gesamthaltung
wie der Qualität dem kürzlich bei Mensing mit
so außerordentlichem Erfolg versteigerten
Werke der Sammlung Leuchtenberg sehr nahe-
steht. Ein Hauptwerk der südniederländisch-
burgundischen Schule des 15. Jahrhunderts
bildet Simon Marmio n s von den Aus-

Sammlung Warneck-Paris, O s t a d e durch
eine Bauernkirmeß, Miereveld und
Ravesteyn durch Bildnisse, Jan Brueghel
durch ein stark koloristisches Blumenstück,
yan Beyeren, Goyen, Huysum, Jacob
R u y s d a e 1, Aert van der Neer und D u b -
b e 1 s durch Landschaften repräsentiert.
Ein außergewöhnliches Kabinettstück und eine
I künstlerische und kunsthistorische Delikatesse
ersten Ranges stellt das Herkules
Seghers genannte, bisher vollkommen un-
bekannte Stilleben „Bücher mit Totenkopf'' dar.
Dr. Werner R. Deusch


Antonio Canale, gen. Canalotto, Ansicht der Riva degli Schiavoni
Leinwand, 46 : 62 cm
Galerie.van Diem en & Co., Berlin
Antonio Canale,_ dit Canaletto, Vue de la Riva degli Schiavoni
Toile, 46 : 62 cm
Galerie van Diemen & Co., Berlin

dieser Schau erfreut zu werden. Und man ist
immer wieder erstaunt, welche Fülle unbe-
kannten, kunsthistorisch wie künstlerisch inter-
essanten Materials neben manchen Haupt-
werken der europäischen Auktionen in diesen
kurzen Zeifabständ’en in die Sammlung Goud-
stikker einzieht.
Kein geeigneteres Titelblatt hätte der Kata-
log 37 dieser Ausstellung finden können als
Gerrit Adriaenszn. Berckheydes wunder-
voll klare, streng architektonisch gefügte An-
sicht der Heerengracht von 1672, die das
schöne alte Patrizierhaus zeigt, in dem sich
heute die Sammlung Goudstihker befindet.
Eine Anzahl der Werke, die der Katalog
noch aufführt, sind inzwischen bereits in an-
deren Besiß übergegangen. So Aelbert
Cuyps Dordrechter Landschaft mit Vieh-
herde, Jan van G o y e n s feine Ruinenland-
schaft von 1645, ein Blumen- und Früchte-
stilieben von Jan van Huysum, die beiden
aus der Sammlung Eduard Simon stammenden
florentinischen Rundbildchen der Verkündigung
um 1400 und das grandiose und einzigartige
Hauptstück der Sammlung, Luca Sig-
n o r e 11 i s Himmelfahrt Mariae, das bereits
auf der Ausstellung alter Kunst im Rijks-
museum zu sehen war und soeben vom Metro-
politan Museum in New York erworben wurde
(Abbildung Seite 19).
Einige Werke, die der jeßige Besißer auf
deutschen Versteigerungen des leßten Jahres
■erwarb, sind an dieser Stelle bereits erwähnt
oder besprochen worden. Zu nennen sind hier
vor allem die Geißelung von Juan de
Flandes und die Hafenlandschaft von
Claude Lorrain aus der Sammlung Eduard
Simon, die prächtige Cassonetafel des A n -
ghiarimeisters von der Auktion Spiridon
sowie die „Hühner“ von A. Cuyp und die
Landschaft von P a t i n i r aus der Sammlung
Cremer, die nach der Reinigung an Wärme
und Tiefe bedeutend gewonnen hat.
Zeitlich das früheste Werk der interessanten
und umfänglichen Ausstellung bildet der bei-
nahe lebensgroße gemalte Kruzifix von
Giuliano da Rimini aus der ersten Hälfte
des 14. Jahrhunderts, dessen formale Ge-
staltung auffallend wenig giotfeske Züge auf-
weist und dafür selbständig die Tradition des
Haupfmeisters der römischen Schule, Cavai-
linis, fortseßt. Noch stark guattrocenfohaft
wirken in der Komposition wie im einzelnen
die drei Predellentafeln Marco Palmez-
z a n o s mit Geburt Christi, Kreuzigung und
Auferstehung, während die durchaus den Geist
der Hochrenaissance atmende Madonna mit
Kind und Johannes von Francesco Francia
sich als spätes Hauptwerk des Bologneser
Meisters erweist. Von äußerster künstlerischer
Ausdruckskraft, Eindringlichkeit und Unmittel-
barkeit sind die vier Skizzen von Tinto-
r e 11 o aus der ehern. Sammlung Sir
Archibald G. B. Russell mit mythologischen
Darstellungen.
Diese vier Blätter leiten über zu den
Werken der Großmeister des Barock. Voran
das Gemälde des Johannes Evangelist von
Greco, dem sich die beiden monumentalen,
frühen Apostelhalbfiguren Matthäus und
Johannes von Rubens aus der Sammlung
des Herzogs von Leuchtenberg, von denen wir
die leßtere auf Seite 5 abbilden, sowie die
Olskizze zweier nackter Kinder von van
Dyck und der reizende, im Katalog dem
Rubens zugeschriebene, jedoch von Glück und
Burchard wohl richtiger van Dyck genannte
Kinderkopf anschließen.

Stellungen im Burlington House und Rijks-
museum bekannte Madonna mit Kind. Zwei
bezeichnende Arbeiten des vielfach verkannten
Herri met de Bles sind der Hieronymus
in Landschaft und die Versuchung des heiligen
Antonius.
Wie sehr die internationalen Interessen und
der große künstlerische Gesichtskreis des

Hauses Goudstikker im Laufe der leßten Jahre
mehr und mehr sich erweitert haben, be-
weist die Tatsache, daß etwa nur noch die
Hälfte der ausgestellten Werke den heimischen
niederländischen Schulen des 17. Jahrhunderts
angehören. Bewundernswert ist die Gleich-
mäßigkeit der Qualität, die sowohl für Haupf-
wie Kleinmeister maßgebend ist. Nur wenige
Beispiele aus dem reichen und vielfältigen
Material müssen genügen. Von den engeren
Rembrandtschülern erwähnen wir Arent de
Gelder mit dem ausdrucksstarken „Christus
im Tempel" und Köninck mit dem im Hell-
dunkel äußerst kontrastreichen Damenbildnis.
T e r b o r c h wird durch ein Interieur aus der

„Musikalische
Unterhaltung“ von
Frans van M ieris cLAe.
Wenn man an „holländische Malerei" des
XVII. Jahrhunderts und nicht speziell an die
einsame Sondererscheinung Rembrandt denkt,
so verdichtet sich der Gedanke zur ganz be-
stimmten Vorstellung vom „Genrebild“.
Der Begriff entsteht aus der Addition vieler
Eindrücke von Bildern, die wir in Museen und
Sammlungen gesehen haben: Kleine Formate,
stille Szenen des täglichen Lebens in gepfleg-
ten Räumen, schlichte Menschen, vergnügt und
behaglich dem Genüsse geselliger Freuden er-
geben, aufgehend im einfachen Dasein.
Dieser harmonischen und freudigen inneren
Haltung entspricht die virfuosenhaft gemei-
sterte Schaustellung aller farbigen und mate-
rialbedingten Oberflächenreize. Ein wichtiger
Repräsentant dieser Kunst ist Frans van
Mieris der Ältere (Leiden, 1635—1681), so ge-
nannt zur Unterscheidung von seinem Sohn
(Willem) und Enkel (Frans der Jüngere). Die
Abbildung (s. unten) zeigt ein ausgezeichnet
erhaltenes, kürzlich in den Besiß der Bach-
stitz-Gilerie gelangtes Bild von seiner
Hand.
Mieris, ein Schüler Gerard Dous und von
seinem Lehrer als „Prinz unter seinen
Schülern“ gelobt, behauptet die von Dou be-
gründete Tradition der Feinmalerei in Leyden.
Durch die Betonung des Farbigen dokumen-
tiert er seine Zugehörigkeit zur jüngeren Rich-
tung holländischer Malerei aus der zweiten
Hälfte des Jahrhunderts. Das Bild der Bach-
stiß-Galerie ist bezeichnend für den Meister:
ein vornehmes Wohnzimmer, — in der Mitte
ein Tisch mit prächtig buntem Teppich.
Links daneben sißt, die Laute spielend, ein
Herr mit braunen Locken in schwärzlich-
bräunlichem Kostüm. An der anderen Seite
steht, leicht an den Stuhl gelehnt, eine junge

Frau. Lächelnd lauscht sie der Musik.
Ihr weißes Atlasgewand, vibrierend im
Spiel der Schatten und Lichter, wächst leuch-
tend aus der dämmerigen Atmosphäre des
Raumes. Die Dame rafft das seidene Kleid.
Ein Teil des Untergewandes in brennendem
Zinnoberrot wird sichtbar. Die Muster des
vom Tisch herabfallenden Teppichs führen
dieses Rot weiter, gedämpfter und dunkler,
wie Begleitakkorde zum Thema. In den rot-
braunen Fliesen des Vordergrundes klingt
es ab.
Von der Decke des Zimmers herab hängt
zur Linken ein glänzender Metallkäfig mit
Papagei. x.


Frans van Mi e r i s d. Ä., Musikalische Unterhaltung
Leinw., 67,5 : 63 cm
Galerie B a e h s t i t z , Berlin
Frans van Mieris VAine, Entret'.en musical
Toile, ,5 : 63 cm
Gaier.e b achstit z, Berlin

Der rheinische
Kunsthandel
Von H. Ginzel.
Es ist eine rasch vergessene Tatsache,
Köln vor und um die Jahrhundertwende 11
Kunsthandel Deutschlands führende Bedeutung
halte. Damals unterstützte ein kaufkräftig61
und vor allem kenntnisreicher Stamm großef
rheinischer Kunstfreunde den Handel, der 5°
wiederum für das Wachsen mancher Sammlung
von entscheidender Bedeutung war. Auch be'
standen engste Beziehungen zu Paris, Londo*1
und Holland. Die Kölner Kunsthandlung^
Bourgeois und Steinmeyer hatten intef''
nationale Geltung. Der Düsseldorfer Handc
spielte hauptsächlich, nicht ausschließlich, 1,11
innerdeutschen Kunstmarkt eine Rolle. D1.^
Kriegs- und besonders die Nachkriegszej,
brachte einschneidende Veränderungen. Dl<'
Führung konzentrierte sich nunmehr imm6
stärker und nachhaltiger m der ReichshauP*'
stadl. Die Gründe dafür sind allzu bekam11’
als daß sie an dieser Steile wiederholt wer'
den müßten. Jeßt gestaltete sich das Arbeit611
für den westdeutschen Handel von Jahr ?l!
Jahr schwieriger. Besonders auf dem Geb*6
der alten Kunst. So kam es, daß S 1 c i11 ’
meyer sein Hauptbetätigungsfeld nach Ber
lin (dort assoziiert mit Böhler, München) ve1'
legte und jeßt in Köln nur noch ein pua
Räume unterhält. Auch Dr. Burg (mitte1'
altcrliche Plastik und frühe Tafelbilder)
sein Kölner Geschäft auf. Troß der an96^
deuteten Schwierigkeiten versucht der rheim,
sehe Kunsthandel mit zähem Eifer seine P°
sition zu halfen und auszubauen. Sein Schwef
gewicht liegt in Köln und Düsseldorf.

träisti
(Kaiser
Nanteuil,
(Friedrich
Künstler
M. Kling’
Federzeic
— in um:


Inter:

Eir

Beginnen wir diesen Hinweis mit Köln'
Hier hat sich seit 1919 der Kunstsalon Herma111'
Abels eine beachtliche Stellung geschaff6'!'
Manch schönes Stück alter Kunst geht dur61
seine Hand. Vor allem aber bemüht sKj
Abels um die neuere Zeit. In größeren Un
kleineren Ausstellungen vermittelte er d6
Einblick in das Werk Kokoschkas, Nold6 '
Liebermanns, der Sintenis und des B
hauers Kogan. Einen schönen Erfolg brach*
die Feuerbach-Ausstellung (1926), aus
Handel und Privatbesiß wichtige Arbeit6
erwarben. Auch die Kollektiv-Schau <*
Werke Gerhard Janssens fand rege Beachtung'
Zur Zeit bringt Abels Graphik, zum Teil n° |
unbekannte, von Matisse, Derain und Mail1
auf den Markt.
Die 1922 gegründete Kunsthandlung
Becker-Newman, der . später der
verstorbene Dr. Jaffe (alte Kunst) beitN ’
pflegt in erster Linie das Gebiet der asia*1
Sehen Kunst, ferner Primitive und Exptp .
Das Haus findet eine erfreuliche Fördern'1^,
durch das Kölner Museum für ostasiatis611 f
Kunst und einen guten Stamm rheinisch*'
Sammler. An syrischen Gläsern und frLP'Jc
Jadearbeiten bietet Becker eine beachtlich^
Auswahl. Daneben fördert man in reger A^'j
stellungsarbeit die schaffende Gegenwart uP
jüngste Vergangenheit (u. a. Dix, Kolbe, O**
Mueller, Rohlfs, Radziwill, Minne, Ens1^’
Seiwert, Jankel Adler, Junge Franzos6 '
Hoerle). Dr. Becker betreut als Vertreter ***
Interessen von Radziwill (bisher bei NierpP
dort), Heinrich Hoerle (Köln), Marta He0e
mann (Köln) und Jankel Adler (Düsseldorf"!
Seit 1919 arbeitet in der rheinischen x
tropole mit schönem Erfolg die
Galerie (Inhaber: E. A. Schmidt). Sie P
faßt sich besonders mit dem deutschen ne11
zehnten Jahrhundert (Romantik, Leibl-Kr6^
Barbizon, München, Düsseldorf). Auch h>
sind von Zeit zu Zeit beachtliche Ausstell11 g Zungen (n
gen zu sehen, in den leßten Jahren ?'x|Feder) in ■
Friedrich Loos (ein Maler aus dem Dresdu j|e , ,
Biedermeier-Kreis), Zeichnungen von KasP g : , .
David Friedrich, Kollektiv-Schau E. R.
Professor Hermann Gradl (Nürnberg), Ad..z
Wüster (Elberfeld-Paris), Professor 11
Rhein (Berlin-Paris). ,„5
Weit über Köln hinaus bekannt ist ö e . x»>
Haus Malmede & Geißendörfer, elue|Flne Schk
Gründung aus dem Jahre 1897. Es entwicke ppanna star
sich im Lauf der Zeit zu einem bedeutsam Miweiftes
Antiguitäfen- und Kunsthandelsgesd16^ mit Bildern
Möbel aller europäischen Länder aus d»j]<,L1.?r^ u°d
15. bis 18. Jahrhundert, Tapisserien, Pia® [KorpenE.
Fayencen, Kunstgewerbe und nicht zuleß*aeF^^^s^s
mit besonderer Aufmerksamkeit gerade i*1 7- —
leßten Zeit (Ausstellung alter Bilder) —
der Malerei findet hier der kundige Betra611
in guter Qualität (vgl. S. 20). 5w
Das Haus Hermann S o n n t h a 1 (Kuu^J
und Antiguifätenhandlung), das am 1. DeZ rp
ber d. J. sein 50jähriges Bestehen f6jef.,
konnte, wurde 1879 in Darmstadt gegrü0
Einer der Hauptkunden war damals der h6 A
sehe Hof. Auch veranstaltete Sonnthal in rjed
wissen Abständen Kollektiv-Ausstellung r|
lebender hessischer Maler und BildWjjd
1924 wurde das Geschäft nach Köln in „js
früheren Räume der Kunsthandlung Bour0 ng
verlegt. Auf die besondere Spezialist6
eines bestimmten Gebiets hat sich SoUn iefi:
nicht verlegt. Er bringt Arbeiten aller Zes0<
und Stile. Dem Sammler bietet sich hier
mit eine vielseitige Fundgrube. j-er<
Nicht vergessen sei Bornheims KuP.^I
stichkabinett, das in Köln seit 1920
und die englischen und französischen Arp
des 18. Jahrhunderts in schöner VollstaU
keit besißt. Bornheim führt ferner
täten. — Die Firma Max Grat tum 1
Skulpturen, Ausgrabungen u. a.) arbeite1
Erfolg seit 25 Jahren in der Domsfad
I.udwig Hart (früher Amsterdam) bietet n^aftl
anderem alten Mobiliar eine schöne Aus
in holländischen Barockschränken. "
(Fortseßung auf Seite 19) _
 
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