Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 10.1829

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befangen, an eine Compositio» dachte, so fand man hier
sein vollkommenes Abbild. Das dritte Porträt war in
früheren Jahren von Camuccini gemalt worden. Man
sah Thorwaldsen als jungen Mann mit kaum mehr kennt-
lichen Zügen in einer heftigen, leidenschaftlichen Bewe-
gung, mit prüfendem Blick nach der Seite gewendet, und
wem der Name nicht genannt worden wäre, der hätte mit
Recht darunter schreiben können: „Abällino der große
Bandit." Wer Thorwaldsen nur einigermaßen kannte,
durfte mit Sicherheit behaupten, daß er niemals einer so
theatralisch furiosen Bewegung fähig gewesen sey.

Jenes Bild von Heinrich Heß ist mit ihm aus
Rom hieher gekommen und befindet sich aus der Ausstel-
lung. Es ist seit jener Zeit durch das günstige. Zusam-
menwachsen der Farben noch schöner geworden , ein Be-
weis, daß die Farbenstoffe mit großer Sorgfalt gewählt sind
und der Auftrag mit ausnehmender Geschicklichkeit behan-
delt ist. Die Ausführung gleicht der des Holbein in sei-
nen schönsten Bildern: durchaus wahre und entschiedene
Form bis in das kleinste Detail, sorgfältige und zarte
Ausführung jedes Theils mit feinem und geistreichem
Pinsel, und kräftige, vollkommene, lebendige Wirkung im
Ganzen. Der weiche, durch und durch modellirte Mus-
kelbau an Gesicht und Händen, der Glanz der lichten Au-
gen, das Haar, der Pelz an dem einfach grauen Scblaf-
vock, sind mit ausserordentlicher Wahrheit, Sorgfalt und
Vollendung ansgeführt, und nur die strengste Kritik würde
etwa bemerken, daß das Fleisch durch allzugrofie Zartheit,
obwohl eine zarte Haut zu Thorwaldsens Eigenthümlich-
keit gehört, hie und da etwas aufgedunsen erscheint, daß
die Haare in den dunkeln Parthien etwas luftiger seyn
und im Tone sich mehr mit dem des Gesichts vereinigen
dürften, daß endlich , auch der Hintergrund, sowohl die
dunkle Wand, an der der Lorbeerkranz hängt, als die Aus-
sicht auf die Via sacra, etwas mehr zurücktreten sollte.
Diese Bemerkungen würden an einem Werke von so aus-
gezeichneter Vollkommenheit als Krittele» erscheinen, wenn
nicht gerade ein solches die allerungenügsamsteu Forderun-
gen erweckte.

Prof. Vegas in Berlin, von welchem damals das
andere Bildniß Thorwaldsens, eben so vortrefflich, wie das
von Heß, gemalt wurde, hat ein weibliches Bildniß auf
unsre Ausstellung gesandt, welches besonders durch den
schön modellirten und zart ausgeführten Kopf sich Be-
wunderung erwirbt. Dieses Bild ist aber momentan auf-
gefaßt, und wir wollen darüber den Maler nicht voreilig
radeln, da vielleicht eine besondere Beziehung dabey zu
Grunde liegt. Aber ließe man uns die Wahl, so würden
wir eine ruhige Stellung vorgezogen haben. Denn könnte
man zweifeln, ob diese anmuthige, junge Frau, deren
glänzendes, scclcnvolles Auge unser ganzes Interesse er-

regt, auch in ruhiger Haltung eben so interessant und lie-
benswürdig wäre, so müßte man den Maler beschuldigen,
daß er den Zweifel erregt habe. Der an sich so günstige
Ausdruck ist hier auf die Spitze gestellt, und wir müssen
zu der schönen Individualität gleich etwas Zufälliges hin-
zudenken, nämlich daß die Frau in einem Zeichenbuch ge-
blättert und darauf, von einem freudigen Gefühl ergriffen,
die Augen emporgeschlagen hat. Die Schlagschatten, welche
von der am Gesicht lehnenden Hand über die Brust fal-
len, erhöhen zwar das zarte Jncarnat der Schultern, wir-
ken aber störend auf die Form, dagegen sind im Gesicht
die Mitteltöne etwas zu bläulich gehalten, und haben nicht
jene vollkommene Verschmelzung in den Hauptton, welche
an den bepden Bildnissen Thorwaldsens so bewunderungs-
würdig ist. Außerordentlich schön und klar sind die Au-
gen, so wie die Haupttheile des Gesichts modellirt und
gemalt, und auch in der Ausführung des klebrigen, z. B.
des schwarzen Flors an den Aermeln, des Schmucks und
der Rheingegend im Hintergrund, nähert sich das Bild
den Werken der guten, alten Zeit.

Ganz anders als Holbein und die ihm gleichzei-
tigen Meister der deutschen Schule, haben Tizian und
Vandpck ihre Bildnisse behandelt. Sie gingen weniger
auf das Einzelne, als auf das Allgemeine der Erscheinung
aus und suchten den Charakter in einer ruhigen, wahren
und natürlichen Haltung frappant darzustellcn. Ich möchte
dies bey weitem nicht, wie Fr. Schlegel gethan hat, die
niedrigste Gattung des Bildnisses nennen. Denn obgleich
der Maler dieser Art sich nicht die Mühe gibt, oder es
nicht vermag, jedes Einzelne aufs Genaueste abzubilden,
so muß doch die Kenntniß davon seine Pinselzüge'leiten,
und immer hat er die Totalität des Charakters aufzufas-
sen und einfach mit treffenden Zügen hinzustellen.

Von dieser Art sind zwey Bildnisse von August
Riedel aus Bayreuth: eine Bürgersfrau und eiueBan-
rin ans der Gegend von Rom. . Der einfache, gerade und
derbe Charakter, die entschiedenen Nationalzüge dieser
Frauen, ihr eigenthümlicher Teint, sind mit frappanter
und ungesuchter Natürlichkeit in diesen Bildern ausge-
drückt. Der Vortrag des Pinsels ist auf die allgemeine
Wirkung berechnet, einfach, frei) und leicht, und dabey ist
eine große Wahrheit der Formen, der Carnation und der.
Stoffe erreicht, obgleich man in der Nähe wenig Ausfüh-
rung sieht und die Arbeit der Hand mehr als ein Spiel
erscheint. Sowohl die pastose Breite und sichere Behand-
lung, als die natürliche Harmonie und Wirkung der Farbe
ist vorzüglich gelungen; nur die eine Hand der bnntbe-
kleideten Frau ist etwas verzeichnet.

Raphaels hielt in seinen ausgeführtesten Bildnissen die
Mitte zwischen jener feinen Behandlung des Holbein und
der breiten des Tizian und Vandpck. Die breite Behänd-
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