— 2.03 —
des Laden ansteigend, mich nach Patras begeben. Diese
gleise scheint auf der Charte leicht und kurz, es gehört
aber viel dazu, wenn sie es auch in der Ausführung seyn
soll. Ich hab's erfahren, was das höckrige und wilde
Arkadien, wo ich acht Tage ohne Brod blieb, auf sich hat.
Die Regenzeit macht oft anderswo das Reisen ein wenig
langweilig, in Mvrea unmöglich. Sollte sich das treffen,
so will ich eine Seereise auf die Cprladen machen, um
den Streifzug zu schließen. Meiner Beschwerden ungeach-
tet werde ich aber bei der Rückkehr nicht behaupten, Grie-
chenland kennen gelernt zu haben. Diese Anmaßung ha-
be», hieße, der griechischen Wanderung nicht werth se»n *).
Ich bin allein mit einem Knaben von 13 — 14 Jahren,
und habe mehr als einmal unter Gottes freiem Himmel
geschlafen.-
Den Besuch Athens will ich mir für die Lezt auf-
sparen. Die Türken werden dann nicht mehr dort seyn,
und ich werde über Athen diese Arbeit machen können,
die sch über die andern Städte gemacht habe, oder sind
ste noch dort, so werde ich so viel davon sehen, als ich
jezt sehen könnte. Ich habe große Begierde, diese Haupt-
stadt des menschlichen Geistes kennen zu lernen. Aus
meinem Fenster habe ich immer als Grund des Gesichts-
kreises den Hpmettus und die Stadt der Pallas, welche
man trotz der Entfernung sehr wohl unterscheidet. So
rein und durchsichtig ist der prächtige Himmel, von ro-
scnfarbenem Weiß, leicht gebläut immer, selbst bei Nacht
leuchtend. Ich sehe Athen daher selbst im Mondschein.
Wenn Griechenland nur seinen Himmel, seine Berge und
seinen Mondschein hätte, so wäre es schon darum einer
Reise werth. Der Provence und Italiens Himmel ist
nur eine Ahnung davon. Was ist also erst der dicke
nordische Himmel dagegen?
Ich habe Dir Bemerkungen über die Sitten und die
Natur der heutigen Griechen versprochen. Dies ist nicht
leichter, als alles übrige, da das Volk so stark gemengt
ist. Im Allgemeinen find die Inseln griechischer, als der
Continent, obgleich die Aegineten halbe Araber sind. Meh-
rere Striche des Peloponnesus sind von Albanischem
Stamme. Ich habe zu Salamis leicht die Attische Phy-
siognomie unter der großen Menge der Flüchtlinge von
Athen, Megaris, Eleusts und ihren Umgebungen erkannt.
Dieser Stamm ist noch jezt bei weitem schöner, als der
unsrige; er kann nicht einmal Vergleichung stattfinden.
Es gibt kleine Mädchen, die schöner, als die besten Sta-
») Wir bemerken nochmals, baß Herr» Vietty's um sechs
Monate verlänacrlcr Anftntbalt in Griechcnlanb ergänzen
kan» , was seine erste Wanderung »»beachtet kaffen
mußte. Auch babcir die icyigcn günstige» Verhältnisse
Griechenlands ihm »erstattet, Athen zu sehen.
tuen sind. Sie haben sogar eine natürliche Grazie der
Bewegungen und Gebärden, welche unsere schönen ver-
zwickten und nachlässigen Damen nie haben können. Ich
sah brillantere Mädchen in Argolis, schönere Augen in
Messenien, aber ich ziehe dennoch die Athenerinnen vor.
Die Mädchen in Sparta (Mistra) sind immer groß, frisch,
fröhlich. Man würde von mehreren sagen können, daß
sie den schönen Mädchen von Lyon, Beaujolai, dem De-
partement de la Foret und Autun ähneln. Ihr Gesicht
'enthält das Alles. Sie haben weniger die den andern
Griechen eigene strenge Schönheit. Von den Kvrinthc-
rinnen, die ich in geringer Anzahl und in einem erbärm-
lichen Zustande sah, kann ich nichts sagen. Besser habe
ich in Korinth den männlichen Typus erkannt, und ich
bin um so sicherer, als ich sie von der dort befindlichen
römischen Raye unterschieden. (Du kennst die Geschichte
Korinths.) Ich glaube auch die alten Stämme der Ar-
kadier, Argiver, Athener und Spartiaten erkannt zu ha-
ben. Ich kann sie hier nicht charakterisiren.
Gewiß ist der Grieche im Allgemeinen besser gebaut,
knochiger, muskulöser als Franzosen, Engländer und Deut-
sche; auch viel behender ist er. Er läuft auf Felsen, wo
wir Hände und Füße, um uns zu erhalten, brauchen. Ich
habe mir von Offizieren unserer Marine sagen lassen, daß
unsere besten Mastwächter den ihrigen nicht nahe kommen.
Aufrecht laufen sie auf den Rahen des Toppmastes ihrer
einzigen Fregatte (in Amerika gebaut und die schönste, so
ich gesehen). So machen sie immer ihre Manövres an
Behendigkeit den Affen gleichkommend. Ihren Charakter
anlangend, so finde ich ihn ganz, wie er ehemals zu The-
mistokles Zeit war. Du wirst Ho ho! oder Sachte! rufen;
chhut nichts, ich bleibe dabei. Man muß den Rost der
Zeit durchdringen und von dem Angenommenen den Ori-
ginalcharakter unterscheiden. Ja, der Grieche ist fröhlich,
geschwätzig, eitel, eifersüchtig undundankbar. Jst's nicht
so in der Geschichte? Er ist brav nach seiner Art, nicht
nach der unsrigen. Er ist Guerilla, weil er Bergbewoh-
ner, weil er nicht zur Civilisation des Abendlandes ge-
langt ist, weil er an Stärke dem Feinde nicht gleich kam.
Leonidas schlug sich als Guerilla in den Termopylen. Von
der Anlage der Griechen zur Kunst darf man nichts sa-
gen, seit Jahrhunderten übten sie sich darin nicht mehr.
Dasselbe gilt beinahe von der Literatur, obgleich sie, wie
alle halbwilden Völker, recht poetische Gesänge haben. In
seiner besten Zeit hatte ja der Grieche Schlauheit und
Verschmiztheit genug; seitdem er Sklave ist, hat er deren
weit mehr. Von dieser Seite ist er nicht schön. Durch
sein gegebenes Wort glaubt er sich nicht verpflichtet. Nach
Gefallen entschlägt er sich eines. Kaufes oder abgeschlosse-
nen Vertrages. Seine Geldliebe ist größer, als jede an-
dere, er könnte Alles dieser Leidenschaft opfern. Weil er
1 nicht für sich arbeiten konnte, besizt er nichts, seine Städte
des Laden ansteigend, mich nach Patras begeben. Diese
gleise scheint auf der Charte leicht und kurz, es gehört
aber viel dazu, wenn sie es auch in der Ausführung seyn
soll. Ich hab's erfahren, was das höckrige und wilde
Arkadien, wo ich acht Tage ohne Brod blieb, auf sich hat.
Die Regenzeit macht oft anderswo das Reisen ein wenig
langweilig, in Mvrea unmöglich. Sollte sich das treffen,
so will ich eine Seereise auf die Cprladen machen, um
den Streifzug zu schließen. Meiner Beschwerden ungeach-
tet werde ich aber bei der Rückkehr nicht behaupten, Grie-
chenland kennen gelernt zu haben. Diese Anmaßung ha-
be», hieße, der griechischen Wanderung nicht werth se»n *).
Ich bin allein mit einem Knaben von 13 — 14 Jahren,
und habe mehr als einmal unter Gottes freiem Himmel
geschlafen.-
Den Besuch Athens will ich mir für die Lezt auf-
sparen. Die Türken werden dann nicht mehr dort seyn,
und ich werde über Athen diese Arbeit machen können,
die sch über die andern Städte gemacht habe, oder sind
ste noch dort, so werde ich so viel davon sehen, als ich
jezt sehen könnte. Ich habe große Begierde, diese Haupt-
stadt des menschlichen Geistes kennen zu lernen. Aus
meinem Fenster habe ich immer als Grund des Gesichts-
kreises den Hpmettus und die Stadt der Pallas, welche
man trotz der Entfernung sehr wohl unterscheidet. So
rein und durchsichtig ist der prächtige Himmel, von ro-
scnfarbenem Weiß, leicht gebläut immer, selbst bei Nacht
leuchtend. Ich sehe Athen daher selbst im Mondschein.
Wenn Griechenland nur seinen Himmel, seine Berge und
seinen Mondschein hätte, so wäre es schon darum einer
Reise werth. Der Provence und Italiens Himmel ist
nur eine Ahnung davon. Was ist also erst der dicke
nordische Himmel dagegen?
Ich habe Dir Bemerkungen über die Sitten und die
Natur der heutigen Griechen versprochen. Dies ist nicht
leichter, als alles übrige, da das Volk so stark gemengt
ist. Im Allgemeinen find die Inseln griechischer, als der
Continent, obgleich die Aegineten halbe Araber sind. Meh-
rere Striche des Peloponnesus sind von Albanischem
Stamme. Ich habe zu Salamis leicht die Attische Phy-
siognomie unter der großen Menge der Flüchtlinge von
Athen, Megaris, Eleusts und ihren Umgebungen erkannt.
Dieser Stamm ist noch jezt bei weitem schöner, als der
unsrige; er kann nicht einmal Vergleichung stattfinden.
Es gibt kleine Mädchen, die schöner, als die besten Sta-
») Wir bemerken nochmals, baß Herr» Vietty's um sechs
Monate verlänacrlcr Anftntbalt in Griechcnlanb ergänzen
kan» , was seine erste Wanderung »»beachtet kaffen
mußte. Auch babcir die icyigcn günstige» Verhältnisse
Griechenlands ihm »erstattet, Athen zu sehen.
tuen sind. Sie haben sogar eine natürliche Grazie der
Bewegungen und Gebärden, welche unsere schönen ver-
zwickten und nachlässigen Damen nie haben können. Ich
sah brillantere Mädchen in Argolis, schönere Augen in
Messenien, aber ich ziehe dennoch die Athenerinnen vor.
Die Mädchen in Sparta (Mistra) sind immer groß, frisch,
fröhlich. Man würde von mehreren sagen können, daß
sie den schönen Mädchen von Lyon, Beaujolai, dem De-
partement de la Foret und Autun ähneln. Ihr Gesicht
'enthält das Alles. Sie haben weniger die den andern
Griechen eigene strenge Schönheit. Von den Kvrinthc-
rinnen, die ich in geringer Anzahl und in einem erbärm-
lichen Zustande sah, kann ich nichts sagen. Besser habe
ich in Korinth den männlichen Typus erkannt, und ich
bin um so sicherer, als ich sie von der dort befindlichen
römischen Raye unterschieden. (Du kennst die Geschichte
Korinths.) Ich glaube auch die alten Stämme der Ar-
kadier, Argiver, Athener und Spartiaten erkannt zu ha-
ben. Ich kann sie hier nicht charakterisiren.
Gewiß ist der Grieche im Allgemeinen besser gebaut,
knochiger, muskulöser als Franzosen, Engländer und Deut-
sche; auch viel behender ist er. Er läuft auf Felsen, wo
wir Hände und Füße, um uns zu erhalten, brauchen. Ich
habe mir von Offizieren unserer Marine sagen lassen, daß
unsere besten Mastwächter den ihrigen nicht nahe kommen.
Aufrecht laufen sie auf den Rahen des Toppmastes ihrer
einzigen Fregatte (in Amerika gebaut und die schönste, so
ich gesehen). So machen sie immer ihre Manövres an
Behendigkeit den Affen gleichkommend. Ihren Charakter
anlangend, so finde ich ihn ganz, wie er ehemals zu The-
mistokles Zeit war. Du wirst Ho ho! oder Sachte! rufen;
chhut nichts, ich bleibe dabei. Man muß den Rost der
Zeit durchdringen und von dem Angenommenen den Ori-
ginalcharakter unterscheiden. Ja, der Grieche ist fröhlich,
geschwätzig, eitel, eifersüchtig undundankbar. Jst's nicht
so in der Geschichte? Er ist brav nach seiner Art, nicht
nach der unsrigen. Er ist Guerilla, weil er Bergbewoh-
ner, weil er nicht zur Civilisation des Abendlandes ge-
langt ist, weil er an Stärke dem Feinde nicht gleich kam.
Leonidas schlug sich als Guerilla in den Termopylen. Von
der Anlage der Griechen zur Kunst darf man nichts sa-
gen, seit Jahrhunderten übten sie sich darin nicht mehr.
Dasselbe gilt beinahe von der Literatur, obgleich sie, wie
alle halbwilden Völker, recht poetische Gesänge haben. In
seiner besten Zeit hatte ja der Grieche Schlauheit und
Verschmiztheit genug; seitdem er Sklave ist, hat er deren
weit mehr. Von dieser Seite ist er nicht schön. Durch
sein gegebenes Wort glaubt er sich nicht verpflichtet. Nach
Gefallen entschlägt er sich eines. Kaufes oder abgeschlosse-
nen Vertrages. Seine Geldliebe ist größer, als jede an-
dere, er könnte Alles dieser Leidenschaft opfern. Weil er
1 nicht für sich arbeiten konnte, besizt er nichts, seine Städte



