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2V 21.

U N

l a t t.

Dienstag, 12. Marz 1 8 3 5.

K u n st l i t e r a t u r.

A. Wendt: U e b e r die H a u p t p e r i o d e n ber-
sch vne n Kunst oder die Kunst im Laufe
der Weltg eschichte rc.

(Fortsetzung.)

Folgen wir dem Verfasser auf seinem Wege.

Die Einleitungsperiode der Kunst, welche er auch
als vorgriechische bezeichnet, soll nach seiner Meinung
darin ihren Charakter behaupten, daß der Geist gleich-
sam noch überwältigt von der Anschauung der Natur,
den in ihr gcahneten höheren Eindruck wieder zu geben
strebt, daher der Ausdruck selbst noch ein ungemeffener,
unbestimmter sey. Zuvörderst ist dabei schwer abzuse-
hen, wie jene Ueberwältigung oder Betäubung, da sie
ursprünglich nur in einer momentanen Erregung durch-
dringt, den Gehalt hergeben kann für einen dauernden
Zustand, wie ihn die Rundung einer Periode voraus-
setzt, werde sie auch bloß als Eingang zu einem größer«
Ganzen betrachtet. Entweder schöpft der Geist, ergrif-
fen, niedergeworsen, erdrückt von dem maaßlosen Reich-
thume der Natur, wirklich Stoff für seine später« Schö-
pfungen, oder er geräth bloß in erschütternde Berührun-
gen, in unruhige Schwingungen, die kein Gesetz der
Ordnung verknüpft und die daher auch keine bleibende
Spur zurücklassen. — Im ersten Falle aber, wo er
aus den stürmischen Eindrücken irgend etwas Wesentli-
ches festhält, in der Folge weiter verarbeitet, ist er
deßhalb auch schon gewissermaaßen der unsichtbare Trä-
ger der Erscheinungen, indem er das Empfangene selbst-
thätig befruchtet und es seiner besondern Weife zubildet.
Ueberhaupt bedingt jener Prozeß der Ueberwältigung ein
stärker erwachtes Bewußtseyn, als der Verfasser anzu-
nehmen scheint. Der Mensch kann sich nicht eher in dem
Drange der äußern Dinge machtlos verlieren, bis er
sich vorher auf irgend eine Art und bis zu einem gewis-
sen Punkte selbst gefunden hat. Darum dürfte denn
auch der Charakter jener Einleitungsperiode, um ein
Beispiel anzuführen, der Anschauungsweise der Indier
wenig zusagen, bei denen Idealismus und Realismus

in den Formen der Spekulation, des Gefühls, der Ein-
bildungskraft völlig aufgingen, so weit die Spuren ih-
res geschichtlichen Daseyns zurückreichen. Was zum Be-
hufs der vorgriechischen Periode aus ihren Bauwerken
geschlossen wird, dient erst im Zusammenhänge mit der
gesummten geistigen Entwicklung zu einer gültigen Nach-
weisung.

Dieselbe Neigung zu einem beliebigen Trennen des
Innern und Äußern blickt bei der Deduction der zwei-
ten Kunstperiode, der klassischen oder griechisch-
römischen durch. Um dem Verfasser durch den Schein
einer willkührlichen Auslegung nicht Unrecht zu thun,
mag er selbst das Wort nehmen. „Mit weiter fortschrei-
tender Ansbildung, so sagt er, entfaltet sich das Ideale
zu größter Klarheit und tritt somit auch als Bestimm-
tes in die äußere Erscheinung ein, in welcher es seinen
vollkommen angemessenen klaren Ausdruck findet. Der
Geist hat sich gesammelt von dem betäubenden und das
Bewußtseyn überwältigenden Eindrücke, er findet nach
außen strebend in der bestimmten Gestalt sein Gegenbild,
in welchem er sich ganz verkörpert. Um diese Periode
noch genauer zu bezeichnen, könnten wir sie vorläufig
diesenige nennen, in welcher das Ideal der Kunst sich
vornehmlich in den festen bestimmten Gestalten des Aus-
senlebens vollendet hat, oder mit kürzer« Worten: die
Periode der vorherrschenden Vergötterung des Geistigen,
auch wohl in der Schulsprache die Periode des vorherr-
schenden Realismus in der Kunst genannt. Kehrt nun
der nach außen strebende Geist in sich selbst zurück, so
nimmt auch die Kunst diese Richtung an; sie nimmt
das Leibliche in das Geistige auf und vergeistigt das
Körperliche. Der Geist erhebt sich wiederum über das
Leben der Natur, es erweitert sich die Idee zum Be-
griffe des ewigen Geistes, der in Natur und Menschen-
welt sich beurkundet, und es erscheinen nun die Formen,
in welchen der Geist darstellt, als Gestalten und Verän-
derungen seines innern Lebens, und die Kunst vorherr-
schend als fortgehende Offenbarung dieser innern Welt.
Es ist dicß daher die Periode, in welcher die Vergeisti-
gung des äußern Lebens vorherrschend wahrnehmbar ist."
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