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2V 71.

u n s t - S l

a t t.

Dienstag, 3. September 183 3.

Aeber Lke Kunst-Ausstellung in Stuttgart
im Mai 1833.

(Fortsetzung.)

Ich verstehe unfern H. aus mir; — sagte ich — es
ist ein philosophisches Erlösungswerk. Er findet die Wun-
den des Lebens im Bad der Reflexion, des Gedankens,
im Reiche des Wahren und Schönen, des Allgemeinen
ausgeheilt.

Er nickte beifällig und fuhr freundlich fort: Wenn
das Wasser hier einen so bedeutenden Antheil an dem
Vegegniß hat, und die Hälfte der offenen Scene einnimmt,
so wünschen wir billig, daß es mit einer eben so sinnlichen
Wahrheit zu uns spreche, als das Schifflein mit den Ge-
fährdeten. Hier sieht nun mein inneres Auge statt die-
ser fast symbolischen Woge unbeschadet der pittoresken
Haltung deren mehrere über- oder hintereinander sich
wölben. Die Lenkung de6 Schiffs, sein Erhalten über
den Wellen könnte den kleinern Theil der Jünger etwas
mehr beschäftigen; die Gefahr würde uns noch näher ge-
bracht. Das Antlitz des Herrn, so schön eS seyn mag,
hätte ein älterer Meister wohl nicht so ganz dem Zu-
schaner zugewandt. Wer weiß, ob unsere Einbildungs-
kraft nicht leichter in den Glauben, den Gottmenschen
zu sehen, einginge, wenn sein Angesicht nur etwa zur
Hälfte sichtbar wäre. Der Maler hat sich des Größten
erkühnt und ihn portraitirt und überdieß schlafend, wo
die Seele des Auges, der aus ihm stralende Geist, nicht
zur Anschauung gebracht werden konnte. Ich sah frei-
lich nur Einmal in meinem Leben ein Paar Augen, die
mir ewig unvergeßlich sind; sie gehörten einem „Johan-
nes in der Wüste" von Raphael. Noch eine Bemer-
kung : das Gesicht des Apostels Johannes ist etwas krank-
haft gefärbt und Mehrern der Andern wünschte ich eine
größere Fülle des Hinterhauptes. —

Noch drei weitere Bilder Dieterichs fesselten unsere
Aufmerksamkeit. — Eine pvrtraitirte „Familie", Vater,

Mutter und Kind; Kniestück, wo durch starke Impastirung
und kräftig dunkle Töne die Natur auf Malerweise wie-
dergegeben schien. Da es unthnnlich, ja unmöglich ist,
sie, wie sie wirklich ist, darzustellen, so sieht sie, so gibt
sie jeder Meister nach seiner Weise in Auffassung nnd
Ausführung. Dieterich neigt zu einem dunklm Colorit

— und möchte hierin kaum noch weiter gehen dürfen.

Ein weibliches „Portrait", nach dem Tode des Ori-
ginals gemalt, erreicht ohne Zweifel den gedoppelten
Zweck: Erinnerung an geliebte Züge, und Rührung über
den Verlust der Abgeschiedenen, eines talentvollen, gebil-
deten, tugendhaften Wesens. Ihr Hinschwebeu, ihr sich
verklärender Blick aus dem lichten Aether soll den Hin-
terbliebenen sagen, daß ihr unabweisbares Trauergefühl
sich auch zu der Ueberzeugung verklären möge, es gehe
den Guten kein holdes Lebensgut verloren, es sey still-
wirkend ewig mit ihnen verbunden.

Ein „Fifcherknabe" in der Felskluft am stillen Was-
ser entkleidet sitzend, cingefchlummert, hält ein Glas mit
Fischchen in der Hand.

H., immer den Gegensatz seiner ernsten Stimmung
suchend, wollte das Bild etwas zu schwermüthig finden,
und strauchelte, ob der Maler nicht etwas Anderes ge-
wollt, als er gebildet habe. Er machte uns auf das
gefährliche Schlummern am Wasser, das in der Nahe
so schroffer Felsen gewöhnlich tief sey, auf das Anlehnen
des erhitzt scheinenden Kopfes an den feuchtkalten Fels,
auf die ganze zarte Constitution des Knaben aufmerksam.
Aber S. lenkre von diesen Betrachtungen ab, lobte die
Wahrheit der Zeichnung, den schönen Fleifchton, den fast
niederländischen Fleiß in Darstellung von Fels und Was-
ser, Pflanzen und Schmetterlingen.

Ich gab in meinem Innern beiden Freunden recht.

— Wir wandten uns sofort zu zwei Bildern jüngerer
Maler: „Elieser mit Rebekka am Brunnen" von Leib-
nitz, und „Abschied des jungen Tobias" von Schmidt,
beides Stuttgarter, von welchen dieser jenem, in Sicherheit
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