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uns

l a t t.

Dienstag/ 12. November 1833.

Das neue Theater in Mainz,
gebaut von G. Möller, großherzogl.' hessischem
Hofbaudirektor.

Mit Erwartung sah man bisher der Vollendung des
Schauspielhauses in Mainz entgegen, und die nun be-
gonnenen Vorstellungen berechtigen jeden Freund der
Künste zu einem Urtheile über dieses neue architektonische
Werk. Im Voraus hatte sich die allgemeine Stimme in
Mainz außerordentlich vortheilhaft für dieses Gebäude
ausgesprochen, und der Erfolg hat nun alle Erwartungen
mehr als gerechtfertigt. Es wäre zu wenig gesagt, wollte
man behaupten, daß Möller nur die Erfahrungen, welche
er bei dem früheren Baue des Theaters in Darmstadt
gemacht hat, mit Einsicht und Vortheil zu benutzen ge-
wußt hatte, denn das neue Theater in Mainz unter-
scheidet sich wesentlich von jenem ersten, und dürfte wohl
unter allen neueren Theatern Deutschlands eines der vor-
züglichsten seyn.

Wenn die Schöpfungen jeder Kunst in ihrer Erschei-
unng durch den Zweck bedungen werden, und die Kompo-
sitionen der Architektur vorzugsweise aus dem Grundrisse
hervorgehen, der die Bestimmung eines Gebäudes zuerst
ausspricht: so wird sich nicht leicht eine Theater-Construktion
denken lassen, welche niehr aus dem Bedürfnisse hervor-
gegangen wäre, als die des ebengenannten Baues. Zwei
Haupttheile, Bühne und Parterre, bestimmen durch ihre
nothwendige Form die Ausdehnung des Gebäudes, welches
in zwei Flügeln die geräumigen und geschmackvollen
Haupttreppen enthält, die eben so schön als nützlich ihrer
Bestimmung entsprechen.

Keine gelogene Architektur, kein griechisches Portal,
keine überflüssige Faxade zeigt sich hier als fremder Schmuck,
sondern nur in der eigenen Gediegenheit beurkundet sich
die Schönheit der Erfindung.

Die Hauptansicht des Theaters bietet einen Halb-
zirkel, der durch die Form des Parterres bedungen ist,
mit drei Etagen geschmackvoll gezierter Bogenfenster

und einem fortlaufenden Balkons, der den davorliegenden
Platz beherrscht. Gegen die Größe des Umfangs des Ge-
bäudes überrascht die Weite des innern Raumes, und
wenn es ein hauptsächliches Verdienst des Architekten ist,
durch eine glückliche Eintheilung die Räume möglichst
groß zu erhalten, so hat sich hier Möller durch eine höchst
originelle Anordnung alle Ansprüche auf unsere Anerken-
nung erworben. Das schon bedeutend steigende Parterre
ist durch zwei Reihen von Logen umschlossen, welche am-
phitheatralisch hinter demselben aufsteigen, ohne durch
Säulen getragen zu seyn, und gewähren dem Blicke die
freie Uebersicht bis zur Hinteren Begrenzungsmauer, auf
welcher sich oben eine Colonnade befindet, welche die Decke
trägt, und zwischen welcher zwei Galerien für Zuschauer
angebracht sind. Auf den Seiten, wo man von diesen
Galerien nicht mehr ungehindert in die Scene sehen
könnte, verwandeln sich die Säulen in Pilaster, in deren
Mitte, in zwei Nischen, die Statuen der Melpomene und
Thalia, als der hier gefeierten Göttinnen, bestimmt find.

Mit Recht gedachte der Architekt der Musen, und
der heitere Ueberblick, den das Ganze in jedem Punkte
des Theaters gewährt, erinnert an das öffentliche Leben
der antiken Theater. Es ist vielleicht das größte Ver-
dienst Möllers, daß er uns zu der antiken Form zurück-
geführt und durch eine so glückliche Auflösung aller
Schwierigkeiten gezeigt hat, wie sehr diese Form auch
den Anforderungen einer verschiedenen Raugeintheilung
entsprechen kann. Doch nicht unmittelbare Nachahmung
der Alten zeigt sich hier dem forschenden Blicke, sondern
das Erkennen und Betreten des gleichen Weges, den jene
gingen, um für ihren Zweck die besten und schönsten
Mittel zu wählen. Die gemeinschaftliche Erheiterung,
welche die Künste dem Leben gewähren, spricht sich hier
deutlich als Bestimmungaus; keine abgeschlossene Logen,
worin sich der enge Kreis des täglichen Lebens wiederholt,
selbst keine stützende Säulchen oder Pfeiler trennen die
Zuschauer, welche ein gleicher Zweck hier vereint, und
frei streift der Blick über die ganze Versammlung.
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