Nro. z.
Kunst-Blatt.
Der Aeglnetlsche Styl.
Mit steigender Sehnsucht sehen die Freunde alterthüm-
licher Forschung einer bestimmten Belehrung über die fünf-
zehn Marmor-Bilder entgegen, welche bekanntlich 1811 von
bessern Schatzgräbern, als die sind, welche dem verzauberten
Mammon nachgraben, auf der Insel Aegina aus den Trüm-
mern eines uralten Tempels, wahrscheinlich des Zevs
Panhellenios, zu glücklicher Stunde gefunden und zu Tage
gefordert worden sind. Sie machten die Verzierungen des
Vorder- und Hintergiebels jenes Tempels, und wurden aus
dem Schutt seines Peristyls — denn es war ein Peripte-
ros — ausgegraben. Die feurige, durch keinen Preis abge-
schreckte Kunstliebe eines erhabenen fürstlichen Kunstfreundes
erwarb diesen Schatz unferm deutjchen Vaterland, und man
wird bald nähere Aufschlüsse darüber erhalten, bald artistische
und archäologische Wallfarthen zu diesen köstlichen Ueberbleib-
seln einer hochbegabten Vorwelt anstellen sehen. Intrate,
nam ct hic dii sunt. Auch dies sind eben nicht im ge-
wöhnlichsten Sinne des Worts Gnadenbilder.
So viel ist schon jetzt zur Gnüge bekannt, daß diese Sta-
tuen viele jener Kennzeichen des vormals etrurisch genann-
ten, jetzt für alt-griechisch erkannten Tempelstyls an sich tra-
gen, wo die mit wissenschaftlicher Anstrengung ausgearbeite-
ten Körper zwar sehr ausdrucksvoll, aber steif, die Augen
noch in's Lan-lichte gezogen, die Haarlocken symmetrisch ge-
legt und oft drathförmig gedreht, die aufliegenden Gewänder
mühsam und gleichlinigt gefältelt, die herabflatternden oft
ausgezackt, oder in Schwalbenschwänzen ausgebogen sind.
Sie gehören also, wo nicht ursprünglich, doch gewiß in der
Nachahmung, die selbst durch religiöse Gewissenhaftigkeit die
strengste und treuste wurde, in die Reihe von Kunstwer-
ken, die der ganzen griechischen Kunstgeschichte zur Basis die-
nen, und von dem trefflichen Künstler und Archäologen in
Weimar, Heinrich Meyer, zuerst in einer Abhandlung
in den Horen, (1795. St. H. @. 33. ff.) und dann in
vielen gelehrten Anmerkungen zur neuen, nun ganz vollen-
deten Ausgabe von Winkelm an n's Kunstgeschichte in
richtigster Stufenfolge geordnet und gewürdigt worden sind,
mit Anfügung lehrreicher Umrisse, die eine nicht sehr schein-
bare und doch höchstvollkommene Veylage jener neuen Aus-
gabe von Winkelmann's Werken sind.
Durch dieses herrliche Hermäon, diesen am Ende doch
für Deutschland gemachten Glücksfund auf der Insel Aegina
muß sich aber auch endlich zu einer klaren Ansicht über die
wesentlichen Merkmale desjenigen Stvls in der altgriechi-
schen Sculptur gelangen lassen, den nach dem öfter wieder- ■
holten Zeugnisse des Pausanias man am liebsten der
aginetischen Schulezuschreiben möchte. Dort finden
sich mehrere Stellen, die auch schon unfern Winkel mann
dahin führten, eine eigene, von dieser in Bronze-Arbeit sich
lange auszeichnenden Insel benannte Künstlerschule anzu-
nehmen, (Werke Th. vi. S. n. Neue Ausgabe.) Denn
da die genaue Bestimmung irgend einer Kunstschule durch
den ihr eignen Styl wol selbst bey neuern Kunstschulen in
der Mahlerey keine geringen Schwierigkeiten hat, so muß
dies in so alterthümlichen Forschungen der griechischen Kunst-
Incunabeln, die alle in die Zeiten vor der Losten Olympia-
de fallen müssen, noch weit mißlicher und ein Gang auf
hinterlisnger Asche seyn, wie auch Meyer in einer Anmer-
kung zu Winkelmann (Th. vi. 2te Abtheil. S. 26. f.)
zu erkennen gegeben hat. Nur da lässt sich ein sicherer Fuß-
tritt thun, wo durch die Umstände, unter welchen eine Mu-
ster-Antike gesunden wurde, auch ihre Geburtsstätte so außer
allen Zweifel gesetzt ist, wie bey den neuerlich zu Aegina aus-
gegrabenen Statuen-Vereinen. Hier oder nie muß es mög-
lich seyn, den wahren Styl der alten äginetischen Sculptur-
Schule nach Merkmalen zu bestimmen, wie wir sie außerdem
nur noch bey der attischen Schule aus dem Zeitalter des
Perikles aufzustellen vermögen. Die Sache führt auch
außerdem noch zu wichtigen Folgerungen. Auf der Insel
Aegina war nach unverwerflichen Zeugnissen eine der ältesten
Münzstätten Griechenlands, da dort der Erz- und Metall-
guß frühzeitig zu einer großen und dem Ausprägen des Me-
talls günstigen Vollkommenheit gebracht wurde. Könnte der
ehrwürdigste Veteran der alten Münzkunde, der Abbe N e u-
mann in Wien, bewogen werden, uns seine Epochen der alt-
griechischen Numismatik endlich mitzutheilen, und dadurch
der ungebürlichcn Verwirrung in dieser Wissenschaft, welche
durch Eckhel's geographische Methode nur zu mächtigen
Vorschub erhalten hat, auf einmal ein Ende zu machen; so
möchte jener Widderkopf auf der uralten vertieft eingepräg-
ten Münze von Aegina, die wir aus Hunters Museum
und aus andern Sammlungen kennen, leicht einen der ersten
und ehrenvollsten Plätze einnehmen.
Ueber den sogenannten äginetischen Kunst-Styl hat uns
der scharfsinnige Pariser Archäolog, Quatremöre de
Quincy in seinem so eben erst erschienenen Prachtwerke
über den Olympischen Jupiter und die polychromische Sculp-
tur*) eine ganz eigene Vermuthung mitgetheilt, die, so
"') Le Jupiter Olympien ou l’art de la sculpture anti-
tique considere' sous un nouveau point de vue avec
un essai sur le gout de la sculpture polychrome —
Kunst-Blatt.
Der Aeglnetlsche Styl.
Mit steigender Sehnsucht sehen die Freunde alterthüm-
licher Forschung einer bestimmten Belehrung über die fünf-
zehn Marmor-Bilder entgegen, welche bekanntlich 1811 von
bessern Schatzgräbern, als die sind, welche dem verzauberten
Mammon nachgraben, auf der Insel Aegina aus den Trüm-
mern eines uralten Tempels, wahrscheinlich des Zevs
Panhellenios, zu glücklicher Stunde gefunden und zu Tage
gefordert worden sind. Sie machten die Verzierungen des
Vorder- und Hintergiebels jenes Tempels, und wurden aus
dem Schutt seines Peristyls — denn es war ein Peripte-
ros — ausgegraben. Die feurige, durch keinen Preis abge-
schreckte Kunstliebe eines erhabenen fürstlichen Kunstfreundes
erwarb diesen Schatz unferm deutjchen Vaterland, und man
wird bald nähere Aufschlüsse darüber erhalten, bald artistische
und archäologische Wallfarthen zu diesen köstlichen Ueberbleib-
seln einer hochbegabten Vorwelt anstellen sehen. Intrate,
nam ct hic dii sunt. Auch dies sind eben nicht im ge-
wöhnlichsten Sinne des Worts Gnadenbilder.
So viel ist schon jetzt zur Gnüge bekannt, daß diese Sta-
tuen viele jener Kennzeichen des vormals etrurisch genann-
ten, jetzt für alt-griechisch erkannten Tempelstyls an sich tra-
gen, wo die mit wissenschaftlicher Anstrengung ausgearbeite-
ten Körper zwar sehr ausdrucksvoll, aber steif, die Augen
noch in's Lan-lichte gezogen, die Haarlocken symmetrisch ge-
legt und oft drathförmig gedreht, die aufliegenden Gewänder
mühsam und gleichlinigt gefältelt, die herabflatternden oft
ausgezackt, oder in Schwalbenschwänzen ausgebogen sind.
Sie gehören also, wo nicht ursprünglich, doch gewiß in der
Nachahmung, die selbst durch religiöse Gewissenhaftigkeit die
strengste und treuste wurde, in die Reihe von Kunstwer-
ken, die der ganzen griechischen Kunstgeschichte zur Basis die-
nen, und von dem trefflichen Künstler und Archäologen in
Weimar, Heinrich Meyer, zuerst in einer Abhandlung
in den Horen, (1795. St. H. @. 33. ff.) und dann in
vielen gelehrten Anmerkungen zur neuen, nun ganz vollen-
deten Ausgabe von Winkelm an n's Kunstgeschichte in
richtigster Stufenfolge geordnet und gewürdigt worden sind,
mit Anfügung lehrreicher Umrisse, die eine nicht sehr schein-
bare und doch höchstvollkommene Veylage jener neuen Aus-
gabe von Winkelmann's Werken sind.
Durch dieses herrliche Hermäon, diesen am Ende doch
für Deutschland gemachten Glücksfund auf der Insel Aegina
muß sich aber auch endlich zu einer klaren Ansicht über die
wesentlichen Merkmale desjenigen Stvls in der altgriechi-
schen Sculptur gelangen lassen, den nach dem öfter wieder- ■
holten Zeugnisse des Pausanias man am liebsten der
aginetischen Schulezuschreiben möchte. Dort finden
sich mehrere Stellen, die auch schon unfern Winkel mann
dahin führten, eine eigene, von dieser in Bronze-Arbeit sich
lange auszeichnenden Insel benannte Künstlerschule anzu-
nehmen, (Werke Th. vi. S. n. Neue Ausgabe.) Denn
da die genaue Bestimmung irgend einer Kunstschule durch
den ihr eignen Styl wol selbst bey neuern Kunstschulen in
der Mahlerey keine geringen Schwierigkeiten hat, so muß
dies in so alterthümlichen Forschungen der griechischen Kunst-
Incunabeln, die alle in die Zeiten vor der Losten Olympia-
de fallen müssen, noch weit mißlicher und ein Gang auf
hinterlisnger Asche seyn, wie auch Meyer in einer Anmer-
kung zu Winkelmann (Th. vi. 2te Abtheil. S. 26. f.)
zu erkennen gegeben hat. Nur da lässt sich ein sicherer Fuß-
tritt thun, wo durch die Umstände, unter welchen eine Mu-
ster-Antike gesunden wurde, auch ihre Geburtsstätte so außer
allen Zweifel gesetzt ist, wie bey den neuerlich zu Aegina aus-
gegrabenen Statuen-Vereinen. Hier oder nie muß es mög-
lich seyn, den wahren Styl der alten äginetischen Sculptur-
Schule nach Merkmalen zu bestimmen, wie wir sie außerdem
nur noch bey der attischen Schule aus dem Zeitalter des
Perikles aufzustellen vermögen. Die Sache führt auch
außerdem noch zu wichtigen Folgerungen. Auf der Insel
Aegina war nach unverwerflichen Zeugnissen eine der ältesten
Münzstätten Griechenlands, da dort der Erz- und Metall-
guß frühzeitig zu einer großen und dem Ausprägen des Me-
talls günstigen Vollkommenheit gebracht wurde. Könnte der
ehrwürdigste Veteran der alten Münzkunde, der Abbe N e u-
mann in Wien, bewogen werden, uns seine Epochen der alt-
griechischen Numismatik endlich mitzutheilen, und dadurch
der ungebürlichcn Verwirrung in dieser Wissenschaft, welche
durch Eckhel's geographische Methode nur zu mächtigen
Vorschub erhalten hat, auf einmal ein Ende zu machen; so
möchte jener Widderkopf auf der uralten vertieft eingepräg-
ten Münze von Aegina, die wir aus Hunters Museum
und aus andern Sammlungen kennen, leicht einen der ersten
und ehrenvollsten Plätze einnehmen.
Ueber den sogenannten äginetischen Kunst-Styl hat uns
der scharfsinnige Pariser Archäolog, Quatremöre de
Quincy in seinem so eben erst erschienenen Prachtwerke
über den Olympischen Jupiter und die polychromische Sculp-
tur*) eine ganz eigene Vermuthung mitgetheilt, die, so
"') Le Jupiter Olympien ou l’art de la sculpture anti-
tique considere' sous un nouveau point de vue avec
un essai sur le gout de la sculpture polychrome —



