Nro. 4.
Kunst-Blatt.
Aphrodite Melanis.
Nachdem wir, Morgbl. iz. Dec. I8i5, gezeigt, daß
Aphrodite Melanis nicht griechischen Ursprungs, son-
dern wie alle mythologischen Vorstellungen des weiblichen
Prinzips unter verschiednen Beziehungen aus Asien nach
Hellas eingewandert, wollen wir dieselbe in ihrem ersten
Naterlande selbst in der Dreyfaltigkeit der großen indischen
Göttinnen (Sgraswati, Lachschmi und Parawati)
aufsuchen, deren Verehrung unter den verschiednen Formen
des griechischen Mythos als Pallas, Aphrodite, Hekate, Here
u. s. w. in Hellas erneuet worden. Saraswati, die Ge-
mahlin» Vrahma's, die Göttin» der Weisheit, die Richkerinn
des Wortes, und mit Gaenesha, dem Gotte der Klugheit, die
Vorsitzerinn glücklicher Ehen, bietet keinen Berührungspunkt
dar, und das Urbild der Venus Melanis muß in einer der
beyden andern Göttinnen gesucht werden. Lachschmi, die
Gemahlinn Wischnu's des Erhalters, die Göttinn des
Glücks, des Ueberflnsses, der Schönheit, die Mutter Ka-
madio's, des indischen Gottes der Liebe, erscheint uns
ebenfalls in keiner Beziehung, welche die schwarze Farbe als
ausschließende Eigenschaft rechtfertigte. Sie ist vielmehr die
weiße glanzende, die dem Milchmeer entstieg, als die Göt-
ter den indischen Olymp (Meru), als Quirl, mit der Schlan-
ge der Unendlichkeit (Ananäa Ohnende)/ als Strick umdre-
hend, Ambrosia(LwAt) butterten. Als Lachschmi ist sie die
Spenderinn der herrlichsten Gaben des Glucks, der Schön-
heit und des Reichthums, als Sri <Lere«) die Schntzgöt-
tinn der Saaten, als Anna Purna (Anna Perenna) die
Göttinn der Wohlthätigkeit, als Rembo (d. i. die schaum-
geborne) die Mutter sinnlicher, und als Kemalo (d.i. die
lvtostragende) die Mutter der himmlischen, reinen, mystisch
beschauenden Liebe, deren Sinnbild von jeher die Lotos
gewesen. Wer konnte bey der milchschaumgebornen und
lotosernährenden wol an die schwarze Farbe denken, die ihr
unter allen hier erschöpften Beziehungen ganz und gar fremd
ist. Die schwarze Farbe ist aber die ausschließliche Bezeich-
nung Parawati's oder Bahwani's, der Gemahlinn
Schiwa's des Zerstörers, die mit dem Halsbande aus
Todtenschadeln geschmückt, mit Strang, Schwert rmd Kette
bewaffnet, insgemein nur die Schwarze genannt wird,
die als Göttinn der Nacht, der Rache, der Herrschaft des
Todes und der Geburtswehen, kurz, in allen unglückbrin-
genden oder unglückdrohenden Beziehungen erscheint, unter
denen sich die Griechen dieselbe als Hekate, Core, Neme-
sis, Ilithyia und Erinnys vorgestellt haben. Zwey
ihrer Namen sind Kali und Siama, welche beyde schwarz
heißen, und nur ihr als der Verderberinn und Rachegöttirm
eigen sind. Als solche konnte sie den Griechen nimmer als
Aphrodite erscheinen, wenn ihre so eben angeführten Per-
sönlichkeiten nicht noch eine andre in sich schließen, wodurch
sie mit Aphroditen unter irgend einem Gesichtspunkte eine
und dieselbe Person wird. Dies ist aber wirklich der Fall.
Wie ihr Gemahl Schiwa zugleich Zerstörer und Erzeuger
ist, so stellt auch sie mit der zerstörenden Kraft zugleich die
erzeugende vor. Als solche entspricht sie, wie schon Sir
William Jones auseinandergesetzt*), der Venus Geni-
trir und der Venns Urania des Lukretiu s, durch welche
Genus omne animantum
Concipitur, yisitque exortum lumina solis.
und als solche schwarze Venus ist sie aller Wahrschein-
lichkeit nach das Urbild der Aphrodite.Melanis der
Griechen.
Versteigerung der Sammlung Handzeichnungen,
aus dem Nachlaß Winklers in Leipzig.
In England werden bedeutende öffentliche Versteigerun-
gen, und nicht etwa nur von Spekulanten und Verkäufern
in Hinsicht auf Handel, sondern auch von der Verwaltung
und Regierung in Hinsicht auf Siun und öffentliche Mei-
nung, als eine Art Urtheils- und Geschmacksmesser des Mo-
ments betrachtet, und deshalb ihr Gang und Ertrag im Gan-
zen, so wie das Hervorstechende besonderer Vorfälle im Ein-
zelnen, genau verzeichnet, wohlerwogen. Daß stn dieser
Marime — vorausgesetzt, was vorauszusetzen ist — etwas
sehr Besonnenes und wohl Begründetes liege, scheint eben
so offenbar, als, daß in Deutschland noch kaum irgend Je-
mand auf Versteigerungen achte, außer, wer geradezu etwas
losseyn oder erlangen will; wie viel weniger, etwas daraus
für's Allgemeine folgere, außer, wer die daraufgelegten Ab-
gaben zu ziehen und einzutragen hat. Ich glaube daher nichts
Unnützes, und etwas bey uns Ungewöhnliches obendrein, zu
thun, wenn ich über die vor Kurzem in Leipzig gehaltene
Versteigerung der großen Sammlung Handzeichnungen aller
Art, aller Nationen und Schulen, aus dem Nachlaß des Hrn.
Gottfried Winkler (dies war der Titel deö Katalogus)
allerley Bemerkungen niederschreibe, wie sie sich mir bey per-
sönlicher Anwesenheit darboten, und für eine namhafte Zahl
Leser dieses Blatts geeignet scheinen.
In der Vorrede des Katalogus (man schrieb sie dem Hof-
Rath Ro chlitz, dem Besitzer des dritten Theils der gesamm-
Asiatic. Res. I. p. 204, stehe auch Moore’s indiaa
Pantheon p. i55.
Kunst-Blatt.
Aphrodite Melanis.
Nachdem wir, Morgbl. iz. Dec. I8i5, gezeigt, daß
Aphrodite Melanis nicht griechischen Ursprungs, son-
dern wie alle mythologischen Vorstellungen des weiblichen
Prinzips unter verschiednen Beziehungen aus Asien nach
Hellas eingewandert, wollen wir dieselbe in ihrem ersten
Naterlande selbst in der Dreyfaltigkeit der großen indischen
Göttinnen (Sgraswati, Lachschmi und Parawati)
aufsuchen, deren Verehrung unter den verschiednen Formen
des griechischen Mythos als Pallas, Aphrodite, Hekate, Here
u. s. w. in Hellas erneuet worden. Saraswati, die Ge-
mahlin» Vrahma's, die Göttin» der Weisheit, die Richkerinn
des Wortes, und mit Gaenesha, dem Gotte der Klugheit, die
Vorsitzerinn glücklicher Ehen, bietet keinen Berührungspunkt
dar, und das Urbild der Venus Melanis muß in einer der
beyden andern Göttinnen gesucht werden. Lachschmi, die
Gemahlinn Wischnu's des Erhalters, die Göttinn des
Glücks, des Ueberflnsses, der Schönheit, die Mutter Ka-
madio's, des indischen Gottes der Liebe, erscheint uns
ebenfalls in keiner Beziehung, welche die schwarze Farbe als
ausschließende Eigenschaft rechtfertigte. Sie ist vielmehr die
weiße glanzende, die dem Milchmeer entstieg, als die Göt-
ter den indischen Olymp (Meru), als Quirl, mit der Schlan-
ge der Unendlichkeit (Ananäa Ohnende)/ als Strick umdre-
hend, Ambrosia(LwAt) butterten. Als Lachschmi ist sie die
Spenderinn der herrlichsten Gaben des Glucks, der Schön-
heit und des Reichthums, als Sri <Lere«) die Schntzgöt-
tinn der Saaten, als Anna Purna (Anna Perenna) die
Göttinn der Wohlthätigkeit, als Rembo (d. i. die schaum-
geborne) die Mutter sinnlicher, und als Kemalo (d.i. die
lvtostragende) die Mutter der himmlischen, reinen, mystisch
beschauenden Liebe, deren Sinnbild von jeher die Lotos
gewesen. Wer konnte bey der milchschaumgebornen und
lotosernährenden wol an die schwarze Farbe denken, die ihr
unter allen hier erschöpften Beziehungen ganz und gar fremd
ist. Die schwarze Farbe ist aber die ausschließliche Bezeich-
nung Parawati's oder Bahwani's, der Gemahlinn
Schiwa's des Zerstörers, die mit dem Halsbande aus
Todtenschadeln geschmückt, mit Strang, Schwert rmd Kette
bewaffnet, insgemein nur die Schwarze genannt wird,
die als Göttinn der Nacht, der Rache, der Herrschaft des
Todes und der Geburtswehen, kurz, in allen unglückbrin-
genden oder unglückdrohenden Beziehungen erscheint, unter
denen sich die Griechen dieselbe als Hekate, Core, Neme-
sis, Ilithyia und Erinnys vorgestellt haben. Zwey
ihrer Namen sind Kali und Siama, welche beyde schwarz
heißen, und nur ihr als der Verderberinn und Rachegöttirm
eigen sind. Als solche konnte sie den Griechen nimmer als
Aphrodite erscheinen, wenn ihre so eben angeführten Per-
sönlichkeiten nicht noch eine andre in sich schließen, wodurch
sie mit Aphroditen unter irgend einem Gesichtspunkte eine
und dieselbe Person wird. Dies ist aber wirklich der Fall.
Wie ihr Gemahl Schiwa zugleich Zerstörer und Erzeuger
ist, so stellt auch sie mit der zerstörenden Kraft zugleich die
erzeugende vor. Als solche entspricht sie, wie schon Sir
William Jones auseinandergesetzt*), der Venus Geni-
trir und der Venns Urania des Lukretiu s, durch welche
Genus omne animantum
Concipitur, yisitque exortum lumina solis.
und als solche schwarze Venus ist sie aller Wahrschein-
lichkeit nach das Urbild der Aphrodite.Melanis der
Griechen.
Versteigerung der Sammlung Handzeichnungen,
aus dem Nachlaß Winklers in Leipzig.
In England werden bedeutende öffentliche Versteigerun-
gen, und nicht etwa nur von Spekulanten und Verkäufern
in Hinsicht auf Handel, sondern auch von der Verwaltung
und Regierung in Hinsicht auf Siun und öffentliche Mei-
nung, als eine Art Urtheils- und Geschmacksmesser des Mo-
ments betrachtet, und deshalb ihr Gang und Ertrag im Gan-
zen, so wie das Hervorstechende besonderer Vorfälle im Ein-
zelnen, genau verzeichnet, wohlerwogen. Daß stn dieser
Marime — vorausgesetzt, was vorauszusetzen ist — etwas
sehr Besonnenes und wohl Begründetes liege, scheint eben
so offenbar, als, daß in Deutschland noch kaum irgend Je-
mand auf Versteigerungen achte, außer, wer geradezu etwas
losseyn oder erlangen will; wie viel weniger, etwas daraus
für's Allgemeine folgere, außer, wer die daraufgelegten Ab-
gaben zu ziehen und einzutragen hat. Ich glaube daher nichts
Unnützes, und etwas bey uns Ungewöhnliches obendrein, zu
thun, wenn ich über die vor Kurzem in Leipzig gehaltene
Versteigerung der großen Sammlung Handzeichnungen aller
Art, aller Nationen und Schulen, aus dem Nachlaß des Hrn.
Gottfried Winkler (dies war der Titel deö Katalogus)
allerley Bemerkungen niederschreibe, wie sie sich mir bey per-
sönlicher Anwesenheit darboten, und für eine namhafte Zahl
Leser dieses Blatts geeignet scheinen.
In der Vorrede des Katalogus (man schrieb sie dem Hof-
Rath Ro chlitz, dem Besitzer des dritten Theils der gesamm-
Asiatic. Res. I. p. 204, stehe auch Moore’s indiaa
Pantheon p. i55.



